Die Querköpfe und Schlaftabletten im Zürcher Kantonsparlament

Das Ranking von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt die Hackordnung unter den 180 Abgeordneten während der letzten vier Jahre im Zürcher Kantonsrat auf.

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Am 12. April wird ein neuer Kantonsrat gewählt. Die vierjährige Amtszeit des 180-köpfigen amtierenden Parlaments geht am 11. Mai 2015 zu Ende. Der «Tages-Anzeiger» war an allen Debatten meist mit zwei Journalistinnen und Journalisten präsent und zieht nun Bilanz. Die vier am häufigsten anwesenden Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Berichterstatter Ruedi Baumann, Liliane Minor, Pascal Unternährer und Daniel Schneebeli bewerten hier die Kantonsrätinnen und Kantonsräte in den Kategorien «Die besten Redner», «Die schrägsten Vögel», «Die grössten Hinterbänkler» und erstmals auch in der Kategorie «Die besten Newcomer». Dort wurden alle Parlamentarier mitgezählt, welche in dieser Legislatur erstmals dabei waren.

Die Bewertungen beruhen auf persönlichen Einschätzungen. Ohne sich vorher abzusprechen, haben die Jurymitglieder ihre zehn Favoriten pro Kategorie festgelegt. Dabei konnten sie ihrem persönlichen Spitzenreiter maximal 10 Punkte geben. Für den zehnten gab es noch einen Punkt. Anschliessend wurden die Punkte zusammengezählt. So kann ein Kantonsrat in einer Kategorie maximal 40 Punkte erreichen – wäre er von allen vier Juroren auf Platz eins gesetzt worden. Dieses Maximum hat zum Beispiel Hans-Peter Amrein (SVP) bei den «schrägsten Vögeln» beinahe erreicht.

Einzelne Kantonsratsmitglieder tauchen in mehreren Kategorien auf. Gute Redner haben oft auch originelle Ideen und können deshalb auch bei den schrägen Vögeln auftauchen. In diesen Fällen werden die Kandidaten in jener Kategorie geführt, in der sie besser platziert sind. In manchen Fällen erreichten Kantonsräte gleiche Punktzahlen. Dann erhielt jener den Vorzug, der die höhere Einzelpunktzahl bekommen hat.

Einigkeit bei den Rednern

Eine Nennung in der Kategorie «Hinterbänkler» entspricht eher einer «Goldenen Himbeere» als einem Oscar. Darum hat die Jury in diesem Fall Gnade vor Recht ergehen lassen und Kantonsratsmitglieder, die während der letzten vier Jahre nachgerutscht sind, nicht berücksichtigt. Jene, die früher bereits einmal im Kantonsrat waren, wurden aber nicht verschont.

Am einigsten waren sich die Jurymitglieder bei den besten Rednern, dort wurden total 19 Parlamentsmitglieder genannt. Am grössten war die Streuung bei den Hinterbänklern, wo 24 Politiker erwähnt wurden. Auffällig viele waren von der SVP. Dies erklärt sich auch dadurch, dass die einzelnen Parlamentsmitglieder in dieser grossen Fraktion weniger häufig zu Wort kommen. Allerdings spielte für die Beurteilung auch eine Rolle, ob ein Kantonsrat mit eigenen Vorstössen aktiv war.


Beste Redner
Die Spontanen sind die Unterhaltsamen

Grossartige Reden waren bei den alten Griechen die halbe Miete. Das ist im Zürcher Kantonsparlament nicht ganz so. Viel zu selten lassen sich die Ratsmitglieder von treffenden Vorträgen überzeugen, viel zu oft lassen sie sich von den Fraktionspositionen leiten. Eine gelungene Wortmeldung ist dennoch das Salz in der Suppe. Nicht zuletzt für die Berichterstatter der Medien, die so manches vorbereitete Referat über sich ­ergehen lassen müssen, das vorgelesen wird, trotzdem holprig daherkommt und meist schon ­Gehörtes wiederholt.

Grosse Redner sind im Kantonsrat Mangelware. Das Niveau ist in den letzten Jahren nicht ­unbedingt gestiegen. Im Ratssaal fehlt die Wortgewalt eines Markus Notter (SP), die Stringenz eines Urs Lauffer (FDP) oder die ausladende Brillanz eines Daniel Vischer (Grüne), und der bissige Niklaus Scherr (AL) bereichert «nur» das Zürcher Stadtparlament. Und trotzdem gibt es sie, die rhetorischen Perlen vom Montagmorgen. Was auffällt: Das Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Podest wird nicht nur von Linken bevölkert, sondern von sehr Linken. Ist es übermässiges Studium von Marxens Schriften oder Sartrescher Existenzialismus, die zu rednerischen Höhenflügen befähigt? Oder ist es eher die Position aus der Minderheit heraus – etwa nach dem Prinzip «Wenn ich damit schon nicht durchkomme, soll es wenigstens schön anzuhören sein»?

Unser Rednerkönig ist Markus Bischoff von der AL. Der Anwalt (ist das Zufall?) ergreift eher selten das Wort und oft am Schluss einer Debatte. Doch wenn er es tut, hören ihm alle zu. Und manch einer auf der anderen Ratsseite kommt danach (zumindest insgeheim) ins Grübeln. Hat er nicht doch recht? Wenigstens ein bisschen? Das rührt daher, dass Bischoff nicht mit der Keule operiert. Er führt die feine Klinge, wird grundsätzlich, aber nicht ideologisch, analysiert, bringt Beispiele und zitiert Bundesgerichtsurteile. Diese sind nicht das Terrain von Esther Guyer (Grüne). Sie ist einfach die Schlagfertigste des Rats. Ihr Ding ist die spontane und oft humorvolle Replik. Das vernetzte Denken (und Reden), ohne abzuheben, sowie die Würze der Kürze hat ihren Parteikollegen Robert Brunner aufs Podest gehievt. Mehr davon! Pascal Unternährer


Beste Newcomer
Erfrischend anders, erfrischend neu

Der Newcomer der Legislatur ist Hans-Ueli Vogt aus der SVP. Zu verdanken hat er seinen ersten Platz in erster Linie seiner Partei, die ihn zum Ständeratskandidaten gemacht hat. Vogt ist zwar vor vier Jahren nur mit einer einzigen Stimme Vorsprung gewählt worden, und im Kantonsrat ist er kein Vielredner. Wenn er aber etwas sagt, fällt er oft durch Schalk und Ironie auf. Zudem sticht Vogt in seiner Partei als Homosexueller und Uniprofessor auch als Persönlichkeit heraus. Silber geht an Mattea Meyer (SP). Sie profitiert von ihrem ­Jugendbonus. Als die damals 23-jährige Studentin vor vier Jahren in den Rat eintrat, durfte sie als jüngstes Ratsmitglied eine ­Eröffnungsrede halten. Meyer ist aber auch danach durch engagierte und erfrischende Auftritte positiv aufgefallen.

Bronze geht an Beatrix Frey-Eigenmann. Die Meilemer Gemeinderätin profilierte sich im Kantonsrat rasch als ausgesprochen freisinnige Finanzpolitikerin und wurde im letzten Jahr auch parteiintern lange als mögliche Nachfolgerin von Regierungsrätin Ursula Gut und mögliche Finanzdirektorin gehandelt.

Auf den Ehrenplätzen drängen sich lauter männliche Newcomer. Der in den sozialen Medien sehr aktive Rico Brazerol (BDP) fällt als präsenter Sprecher seiner Partei auf, der grünliberale Andreas Hasler durch seinen unermüdlichen Einsatz für den Umweltschutz. Martin Haab (SVP) ist zwar nicht oft in Erscheinung getreten, ist aber der neue smarte Bauernvertreter im Kantonsrat. Beat Bloch (CSP) ist als gescheiter und unaufgeregter Sprecher ein Gewinn für die grüne Fraktion. Gymilehrer und SP-Vizepräsident Moritz Spillmann fällt mit seinen pragmatischen Voten zur Bildungspolitik auf. Marcel Lenggenhager kandidiert als Regierungsrat. Er ist zudem häufig präsent in der TA-Rubrik «Gesehen & gehört» – auch wegen seiner bunten Hosen. Und der 10. Rang geht an Jungsozialist Davide Loss. Er macht sich als kämpferischer Redner in bürgerlichem Outfit einen Namen.

Ebenfalls auf der Newcomer-Liste wäre eigentlich SVPler Hans-Peter Amrein. Doch weil er in der Kategorie «die schrägsten Vögel» noch besser platziert ist, fällt er hier aus den Rängen. Daniel Schneebeli


Hinterbänkler
Die grauen Mäuse und stillen Schaffer

Sie werden von der Verwaltung geschätzt und von den Kollegen, die gerne pünktlich in die Znünipause wollen, geliebt. Und ihnen selber gehts auch prächtig: Die Schlaftabletten und Schweiger können ohne Bodyguard auf die Strasse und werden in der Öffentlichkeit nicht angepöbelt – man kennt sie nämlich schlicht nicht. Wie man sich erfolgreich durch eine politische Karriere schweigt, beweist SVP-Kantonsrat Hansruedi Bär aus Zürich: Er hat als Einziger seinen Titel von 2011 verteidigt. Der 70-jährige Kaufmann tritt im April erneut zu den Wahlen an und hat deshalb ein Feuerwerk ge­zündet – zumindest für seine Verhältnisse. Sechs Jahre lang hatte Bär keinen einzigen Vorstoss produziert, nun hat er gleich zwei Postulate zur Straffung der Sozialhilfe eingereicht. Ihre Zurückhaltung ist der Grund, warum die Hinterbänkler bei der Verwaltung so beliebt sind. Das Beantworten von Vorstössen bedeutet für die Beamten viel Arbeit. Deshalb sind die sogenannt Faulen, viele aus der SVP, bloss konsequent: Sie tun alles – nämlich nichts –, um den Staat nicht weiter aufzublasen.

Bei vielen Prämierten ist die Rangierung in den «Top 10» ein bisschen ungerecht. Erstens erfüllt ein gefühltes Drittel aller 180 Räte die gleichen Qualifikationen. Vor allem aber: All die grossen Schweiger haben andere Qualitäten, häufig sind sie gute Jasser. Heinrich Wuhrmann (SVP) wiederum spielt während der Sitzungen hochklassige Solitaire-Partien. Hansruedi Bär (SVP) fällt durch originelle Zwischenrufe auf, und Jakob Schneebeli (SVP) hat in der Kommission für Planung und Bau einen guten Ruf als stiller Schaffer.

Dann gibts auch die Kategorie der relativen Hinterbänkler, für die der Kantonsrat bloss ein Trostpreis ist. Zum Beispiel Anita Borer, die bei den Nationalratswahlen 2011 von einem Spitzenplatz auf der SVP-Liste nach hinten durchgereicht wurde. Oder der gescheiterte Zürcher Stadtratskandidat Daniel Hodel (GLP).

Der zähste Hinterbänkler ist ohne Zweifel Hansueli «Zulu» Züllig (SVP). Obschon gesundheitlich angeschlagen, tritt er nach 16 Jahren im Kantonsrat nochmals an. Sein letzter Vorstoss datiert aus dem Jahre 2006 – eine Anfrage zur Porta Alpina. Ruedi Baumann


Schräge Vögel
«Polteri», Bunte und Querköpfe

Schon vor vier Jahren räumte die SVP in der Kategorie «die schrägsten Vögel» ab – dieses Jahr ist sie noch dominanter: Sechs SVP-Politiker finden sich auf den ersten zehn Rängen. Woran das liegt? Ganz einfach, die SVP poltert als Partei gern, deshalb fühlen sich «Polteri» in ihren Reihen wohl. Und «Polteri» sind eben oft auch eher schräge Vögel.

Etwa Hans-Peter Amrein. Wenn er aufsteht, geht die linke Ratsseite in Deckung, sträubt die Nackenhaare und fletscht die Zähne. Denn Amrein ist nicht dafür bekannt, seine Gegner mit Samthandschuhen anzufassen. Eher tritt er in einen Fettnapf, als seine Haltung zu verleugnen. Einen Namen gemacht hat sich Amrein zudem als Verfasser von kuriosen Vorstössen. Etwa eine Anfrage, in der er den Preis für Strassensignale kritisierte. Nur hatte er dabei Preis und Code für die Ausschreibung verwechselt.

Rednerische Haudegen sind auch Amreins Fraktionskollegen René Isler, Willy Haderer, Claudio Zanetti und Arnold Suter. Alle vier fallen durch markige Worte und oft bitteren Ernst auf. Für sie ist alles links von der FDP Sozialismus. Wenn es darum geht, aus dem Stegreif zu schimpfen, kann Willy Haderer niemand das Wasser reichen.

Landwirt Urs Hans (Grüne) läuft dann zu Hochform auf, wenn Impfungen das Thema sind. Jedenfalls dann, wenn Tiere geimpft werden sollen. Dann kann auch der sanfte Hans richtig laut werden.

Nicht laut werden kann Heinz Kyburz (EDU). Im Gegenteil, es gibt keinen Parlamentarier, der so gleichförmig redet wie er Selbst dann, wenn es um seine Lieblingsthemen geht, die Sterbehilfe und die Prostitution (Kyburz ist gegen beides). Auch Roland Munz (SP) ist kein Lauter. Aber ein Bunter: Der Mann, der als Beruf unter anderem Velokurier angibt, sticht immer wieder mit seiner ausgefallenen Kleidung und bolzengrad aufgestellten Haaren aus dem üblichen Ratsherrengrau. Gabi Petri ist in der grünen Fraktion der Querkopf, der immer wieder aus der Reihe tanzt. Allerdings hat kaum jemand mehr Einfluss im Parlament als sie. Und Claudio Schmid (SVP)? Er hat sich den zehnten Platz nur schon wegen der «Horse-Pub-Affäre» verdient. Liliane Minor

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Erstellt: 21.03.2015, 09:59 Uhr

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In der laufenden Legislatur haben die Kantons­rätinnen und Kantonsräte 1110 Vorstösse eingereicht und über 500 ­Beschlüsse über Gesetze, Kredite und andere Vorlagen gefasst. (sch)

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