Hintergrund

Die jungen Milden

Sie sind adrett, arbeitsam und angepasst: Jungpolitiker aus den Mitteparteien erhalten national nur wenig Beachtung. Warum eigentlich?

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«Es sollte nicht jeder schon mit 25 Jahren in den Nationalrat gehen»: Giancarlo Weingart, Vizepräsident der Schweizer Jungfreisinnigen, mag sich über seine Wahlchancen nicht beklagen. Denn der junge Bauingenieur weiss, dass seine Aussichten auf der Wahlliste der Jungen FDP Graubünden gering sind. Hoffnung hätte ein Platz auf der Liste der Mutterpartei gegeben. Doch der Blick auf die Listen zeigt: In Graubünden sind die FDP-Plätze durch einen 53-jährigen Hotelier, einen 40-jährigen Rechtsanwalt und drei weitere gestandene Lokalpolitiker bereits besetzt.

Die Erfahrung zeigt: Sollen Jungpolitiker nationale Bekanntheit erlangen, so müssen sie von ihrer Partei entsprechend gefördert werden. Die SVP hat dies in den letzten Jahren vorgemacht. Natalie Rickli, heute fünfunddreissig, wurde vor vier Jahren auf eine gute Position gesetzt und prompt gewählt. Dieses Jahr geht die erst 25-jährige Anita Borer direkt hinter Spitzenkandidat Christoph Blocher ins Rennen. Ob verdient oder nicht – sicher ist, dass die ehemalige Vizepräsidentin der JSVP dadurch reale Chancen auf ein Parlamentsmandat erhält. Auf zusätzliche Stimmen aus dem jungen Wählersegment darf derweil die Mutterpartei hoffen.

Nachteile für Junge in der Mitte

Auch die CVP würde gerne mehr junge Kandidaten ins Parlament hieven. Doch aufgrund lokaler Gegebenheiten sei dies schwierig, sagt Parteisekretär Tim Frey: «Die CVP ist in vielen kleinen Kantonen stark. Doch wo nur wenige Sitze zu vergeben sind, ist neben bisherigen und älteren Politikern oft nur wenig Platz.» Nur in einigen Kantonen gebe es Hoffnungsträger, so Frey.

«Aushängeschilder werden nicht auf dem Reissbrett konstruiert», gibt Frey zu bedenken. Dass der Aufstieg für junge CVPler eher schwierig ist, liegt für ihn in der Funktionsweise seiner Partei begründet. Von lokalen Komitees zur Wahl vorgeschlagen werde, wer Erfahrung aufweise und seinen Rang mit politischer Arbeit verdient habe. Ohnehin sei die CVP weniger auf einzelne Stars fokussiert, sondern wolle den Wählern schlicht und einfach die besten Kandidaten präsentieren.

Bekanntheit schaffen

Politikwissenschaftler Georg Lutz mag dieser Argumentation nur bedingt folgen. «Parteien brauchen Politiker mit Ausstrahlungskraft», sagt er, «doch sie müssen diese Leute auch aufbauen.» Dass Jungpolitiker erst die gesamte Ochsentour absolvieren müssen, bis sie eine Wahlchance erhalten, hält er für problematisch. Parteileitungen müssten deshalb über ein gewisses Mass an Autonomie bei der Kandidatenselektion verfügen. «Parteien müssen den Mut haben, auch junge Politiker in die ‹Arena› zu schicken», sagt Lutz.

Der Präsident der JCVP, Simon Oberbeck, spricht Klartext: In der Vergangenheit habe die CVP die Nachwuchsförderung verschlafen, sagt er. Erst auf Druck der Jungpartei seien die Christdemokraten bei diesen Wahlen dazu übergegangen, mehr junge Kandidaten zu portieren. Der Blick auf die Wahllisten gibt ihm recht: So präsentiert die Luzerner Kantonalpartei mit Daniel Piazza-Zemp einen 31-jährigen Kandidaten auf dem obersten Listenplatz. In Graubünden startet Martin Candinas vom ersten Platz auf der CVP-Liste ins Rennen. Beide Familienväter dürfen für christdemokratische Verhältnisse als Zukunftshoffnungen gelten – trotz der Tatsache, dass sie ausserhalb ihrer Stammlande noch kaum jemand kennt.

Die Jugend muss auffallen

Für die Jungpartei der SP ist mangelndes Medieninteresse derzeit kein Problem. Mit kontroversen Vorstössen wie der 1:12-Initiative haben die Jungsozialisten nationale Akzente gesetzt, auch parteiintern wirkt die Juso verhältnismässig stark auf die nationale SP-Linie ein: Die Juso gibt sich im Wahlkampf frech, ihr Parteiprofil unterscheidet sich vom Mutterhaus. Mit dem 25-jährigen Aargauer Cédric Wermuth verfügt die junge SP zudem über eine Persönlichkeit, die polarisiert – aber auch für Nachschub an SP-Wählerstimmen sorgt.

Dringend auf jugendliche Stimmen ist auch die FDP angewiesen. Doch die Jugend gibt sich zurückhaltend: Man wolle keine Aufmerksamkeit um jeden Preis, so der Bündner Jungpolitiker Weingart. Sachlichkeit ist für ihn angesagt; ein bisschen Differenzierung sei hilfreich, doch Jungparteien müssten stets darauf bedacht sein, ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten. Weil sie unabhängiger sei, würde die Jugend gerne pointierter auftreten, sagt Weingart: «Die Jungfreisinnigen sind eigentlich radikaler als die FDP.» Und er erwähnt die Initiativen zur Abschaffung der Kirchensteuer für Unternehmen und zur Aufhebung der Buchpreisbindung, für die sich die Jungpartei starkmacht.

Auch die Junge CVP wolle ihrer Mutterpartei «ein Stachel im Fleisch» sein, sagt Simon Oberbeck. Wie sein Kollege aus der FDP stellt sich der Präsident der JCVP jedoch gegen medienwirksame Aktionen: Der Parteikurs der CVP müsse intern ausgemacht werden, so der Baselbieter. Wie ein Blick auf die Webseite der jungen CVP zeigt, wären die Voraussetzungen für parteiinterne Diskussionen jedenfalls da. Die JCVP fordert neben der Legalisierung von Pokerturnieren und mehr Investitionen in die Bildung nämlich die Zusammenlegung der schweizerischen und der österreichischen Luftwaffe.

Erstellt: 08.10.2011, 06:06 Uhr

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