Wahlstress bei den Grünen

Bei den Diskussionen um einen Sitz der Grünen im Bundesrat ging fast vergessen, dass die Partei auch einen Nachfolger für Ueli Leuenberger wählen muss. Überraschungen sind dabei nicht ausgeschlossen.

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Ueli Leuenberger tritt auf die Delegiertenversammlung im April 2012 zurück – nach vier Jahren an der Spitze der Grünen Schweiz. Zuvor war er schon 4 Jahre Vizepräsident. Damit kommt zusätzlicher Wahlstress auf die Grünen zu. Denn in drei Wochen finden die eidgenössischen Parlamentswahlen statt. Danach geht es los mit der Sitzverteilung im Bundesrat, wo die Grünen auch ein Wörtchen mitreden wollen. Nun muss die Partei auch einen Nachfolger für den scheidenden Leuenberger suchen. Und Präsidentenwahlen sind bei den Grünen erfahrungsgemäss heikle Geschichten.

Fragen wie, ob es ein Mann oder eine Frau sein soll, ob die Nachfolgerin oder der Nachfolger aus der Romandie kommen soll oder ob es gar ein Co-Präsidium wie seinerseits unter Ruth Genner (ZH) und Patrice Mugny (GE) geben soll, haben in der Vergangenheit auch schon zu internen Zerreissproben geführt. Präsident Ueli Leuenberger will sich wohl auch deshalb nicht auf die Äste hinauswagen. «Das ist zurzeit kein Thema. Wir werden uns damit nach den Wahlen befassen», sagt er nur. Aber hinter den Kulissen ist das Kandidatenkarussell längst in Fahrt gekommen.

Wunschkandidatin bereits vergeben

Die Wunschkandidatin vieler grüner Fraktionsmitglieder wäre die Baselbieter Nationalrätin Maya Graf. Nur: Graf ist ab 2013 erste grüne Nationalratspräsidentin. Für das Parteipräsidium kommt sie deshalb nicht mehr infrage. Als eine heisse Anwärterin gilt aber auch die Vizepräsidentin der Grünen, die Berner Nationalrätin Franziska Teuscher. Wenn sie den Job will, dann wird es die Partei schwer haben, an der Bernerin vorbeizukommen. Allerdings ist nicht ganz klar, ob sie tatsächlich an einem Präsidium interessiert ist. Teuscher ist seit vier Jahren Vizepräsidentin.

Auch der Name von Alec von Graffenried wird genannt. Er ist der Vertreter des grünliberalen Flügels bei den Grünen. Graffenried ist deswegen parteiintern aber nicht mehrheitsfähig. Das gleiche Problem hat Bastien Girod, Jungstar der Grünen-Fraktion und ebenfalls ein möglicher Anwärter auf die Nachfolge Leuenberger. Er rückte zwar vor Jahren als Hauptinitiant der Offroader-Initiative zum Medienliebling auf. Er ist inzwischen aber etwas zahmer und vor allem grünliberaler geworden. Dem Zürcher werden zudem parteiintern nicht unbedingt Führungsqualitäten nachgesagt.

Ohne Zweifel hätte auch der Zürcher Daniel Vischer das Rüstzeug zum Präsidenten. Die NZZ bezeichnete ihn vor Jahren einmal als einen debattierfreudigen, gebildeten Parlamentarier, der oft links von der SP politisiert und Wert darauf legt, als liberal zu gelten. Obwohl er zu den wenigen Grünen gehört, die so etwas wie nationale Ausstrahlung geniessen, hat er sich bisher nie ernsthaft um ein Führungsamt bemüht. Er gehört zu jenen Politikern, die lieber im Hintergrund die Fäden ziehen. Zum Beispiel, damit ein neuer Zürcher Nachfolger von Ueli Leuenberger wird?

Neue Köpfe aus Zürich und Bern für das Präsidium?

Es gäbe in Zürich auch tatsächlich zwei ernste und valable Kandidaten: Balthasar Glättli (39) und Markus Kunz (51). Glättli gilt als Generalist. Als Co-Präsident der Grünen im Kanton Zürich (2004–2008) war er mitbeteiligt an den bisher grössten Wahlerfolgen der Grünen in Stadt und Kanton Zürich. Markus Kunz gehört seit 2010 dem Vorstand der Grünen Schweiz an. Davor war er 8 Jahre lang Präsident der Grünen Stadt Zürich. Beide brächten also gute Voraussetzungen als Nachfolger von Ueli Leuenberger mit – sofern sie diesen Herbst den Sprung nach Bern schaffen.

Als potenzielle Nachfolgerin gilt auch die Berner Gemeinderätin Regula Rytz. Sie ist als Mitglied der Stadtberner Exekutive sehr beliebt und erhält viel Support über die Parteigrenzen hinweg. Rytz kandidiert jetzt für den Nationalrat und soll den Sitz von Therese Frösch verteidigen. Ihre Wahl gilt jedoch als sicher. Ihr Handicap bei der Nachfolge von Ueli Leuenberger ist ihr Exekutivamt. Die Präsidentenwahl findet im April statt, die Berner Gemeinde- und Stadtratswahlen im Herbst. Als Präsidentin wäre sie noch ein halbes Jahr Mitglied der Exekutive – keine ideale Ausgangslage.

Erstellt: 06.10.2011, 11:38 Uhr

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