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Begrüssung trotz DistancingWange trifft Ellbogen

Die Verwirrung ist gross beim Hallo-Sagen. Aber die alten Rituale beginnen wieder zu greifen – fast wie überall.

Auch ein «Fist-Bump» kann verbindend wirken. Ein Polizist und ein Demonstrant grüssen sich an einer Black-Lives-Matter-Kundgebung in Atlanta, Anfang Juni.
Auch ein «Fist-Bump» kann verbindend wirken. Ein Polizist und ein Demonstrant grüssen sich an einer Black-Lives-Matter-Kundgebung in Atlanta, Anfang Juni.
Foto: Reuters

Der öffentliche Raum wirkt gerade wie eine Probebühne für Slapstick-Nummern. Überall, wo sich Menschen treffen, wird gezuckt, zurückgeschnellt, geschwankt, tief genickt.

Wir befinden uns in einem sozialen Interregnum, einer Übergangsphase mit unklaren Regeln, irgendwo zwischen Seuchenstress und Normalität. Das zeigt sich nirgends so auffällig wie bei der Begrüssung. Manche Menschen befinden sich noch ganz im Corona-Modus, begnügen sich mit Winken, strecken Ellbogen oder Faust entgegen. Moderate wagen einen schnellen Händedruck. Körperlichkeits-Nostalgiker versuchen alle Umarmungen nachzuholen, die sie während des Lockdown verpasst haben. Verwegene setzen zu Küsschen an.

Die Choreografie dieser unterschiedlichen Ansätze glückt nur selten. Das lässt Gruppen-Begrüssungen noch ungelenker aussehen, als sie es sonst schon tun.

Der Begrüssungsgraben zieht sich mitten durch Freundeskreise, Familien, Bürogemeinschaften. So weitet sich fast jedes «Hoi» aus zur Diskussion über Distanz und Höflichkeit. «Es ist noch längst nicht vorbei», mahnen die Vorsichtigen. «Die Wahrscheinlichkeit, dass hier jemand Corona hat, ist unglaublich klein», entgegnen die Forschen, während die Avantgardistinnen eine neue Begrüssungskultur fordern: «Dieses Geknutsche und Gehuge ist doch nicht mehr zeitgemäss.»

Nach Corona ist vor Corona

Eine der meistdiskutierten Fragen während des Covid-Stillstandes lautete: Wird etwas bleiben von den neuen, aufgezwungenen Verhaltensweisen? Oder rastet, kaum ist die Quarantäne vorbei, das Leben zurück in die alten Bahnen? Bis heute weiss das niemand so recht.

Vielleicht lässt sich anhand der Begrüssungsrituale, dieses so unmittelbaren Verhaltens, ablesen, in welche Richtung es geht. Momentan scheint es die Menschen zurückzuziehen zum Gewohnten. Mit jedem Tag unter 40 Neuansteckungen glättet sich der Begrüssungs-Slapstick. Die geächteten Abläufe, tief eingewachsen ins Körpergedächtnis, beginnen wieder zu greifen. Das Neue mutet weiterhin fremd an, Ellbogen und Fäuste bleiben ein bisschen lächerlich.

Die alte Welt, sie lässt sich nicht so leicht verdrängen.