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Schwierige Planung des Verkehrs Warum der Dienstag der teuerste Tag für die SBB ist

Corona brachte unsere Mobilität durcheinander. Doch in Zukunft werden wohl wieder mehr Menschen im öffentlichen Verkehr unterwegs sein. Das bringt hohe Lasten zu Spitzenzeiten – Homeoffice am richtigen Tag kann eine Lösung sein.

Die Zugreisenden am Bahnhof Luzern. Die SBB richten ihre Planung immer nach der Spitzenlast. Daher ist der Dienstag der wichtigste Tag, denn dann arbeiten die meisten im Büro und fahren Zug.
Die Zugreisenden am Bahnhof Luzern. Die SBB richten ihre Planung immer nach der Spitzenlast. Daher ist der Dienstag der wichtigste Tag, denn dann arbeiten die meisten im Büro und fahren Zug.
Foto: Urs Flueer (Keystone) 

Die Auswirkungen von Corona auf den Verkehr waren frappant. Es brachen sowohl der Autoverkehr als auch der öffentliche Verkehr komplett zusammen. Mit jedem Öffnungsschritt gab es wieder mehr Mobilität. Der motorisierte Individualverkehr erholte sich schnell. Der öffentliche Verkehr ist jedoch noch immer schlechter ausgelastet als vor der Krise. (Lesen Sie: Dem ÖV entgehen Hunderte Millionen).

Diese Situation wird sich nicht so schnell ändern, glauben Exponenten des öffentlichen Verkehrs. Doch mittelfristig und langfristig wird die Mobilität mit dem öffentlichen Verkehr wieder auf höhere Frequenzen steigen – trotz Homeoffice.

«Die Leute haben gemerkt, dass die physische Präsenz bei der Arbeit gar nicht so nötig ist, wie man sich das in den letzten Jahren vorgestellt hat», sagt Professor und Verkehrsexperte Matthias Finger. Homeoffice werde auch in Zukunft eine Rolle spielen. Aber: Es werde trotz Heimarbeit mehr Nachfrage nach Mobilität geben. Der öffentliche Verkehr werde nicht lange so leer sein wie heute, prognostiziert Finger.

Gegen die Überlastung ankämpfen

Doch damit läuft das System Gefahr, dass es zu gewissen Stunden überlastet ist. «Wir sollten die Krise zum Anlass nehmen, den nötigen Shift hin zu einer umweltfreundlicheren Mobilität zu machen», fordert der Experte. Es gehe darum, jetzt das Richtige zu finanzieren – Ausbau beim ÖV, aber auch bei Velospuren in den Städten. Und dies angepasst an die Begebenheit, dass mehr Leute im Homeoffice sein werden.

Was Finger beschreibt, hat konkrete Auswirkungen auf den grössten Anbieter von öffentlichem Verkehr in der Schweiz, die SBB. Homeoffice kann ein Segen sein für die Zukunft des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz. Aber es gibt auch Fallstricke.

«Wir gehen davon aus, dass wir in zwei Jahren wieder gleich viele Passagiere auf den Zügen haben werden wie vor Corona.»

David Henny, Leiter Angebotsplanung bei den SBB

«Wir gehen davon aus, dass wir in zwei Jahren wieder gleich viele Passagiere auf den Zügen haben werden wie vor Corona. Und dann steigt es weiter an», sagt David Henny, Leiter Angebotsplanung bei den SBB. Das Wachstum der Mobilität erfolge über den öffentlichen Verkehr, die Kapazität der Strassen sei begrenzt.

Die Hoffnung der SBB ist, dass bei diesem Wachstum die Lastspitzen geglättet werden können. Denn schon heute sind zu den Hauptverkehrszeiten die Züge voll, obwohl die Auslastung über den ganzen Tag gesehen unter 35 Prozent liegt. Wollen künftig noch mehr Leute auf den Zug, ohne dass die geplanten Ausbauschritte dies auffangen können, wird es noch enger. «Man kann das volkswirtschaftlich sinnvoll lösen. Also vielleicht zuerst zu Hause die Mails lesen und erst später zur Arbeit gehen», so Henny. Allerdings seien da nicht nur die SBB gefragt, sondern die ganze Gesellschaft.

Gefährlicher Dienstag

Eine Gefahr lauert am Dienstag. Denn der Dienstag ist bei den SBB ein entscheidender Tag. Er ist der sogenannte dimensionierende Tag, wie David Henny sagt. Das heisst: Das ganze Angebot ist auf diesen Peak hin aufgebaut. Im Jahresverlauf ist der Dienstag um den 20. November herum der entscheidende Tag. Dann haben die SBB am meisten Passagiere in den Zügen. «An diesem Tag sind die wenigsten Leute in den Ferien, es finden am meisten Sitzungen statt, und es fahren die wenigsten Leute mit dem Velo», sagt Henny.

«Dann haben wir alle verloren, auch die Kunden. Vor allem falls deswegen die Preise angepasst werden müssten.»

David Henny, Leiter Angebotsplanung bei den SBB

Die Gefahr wird dann real, wenn die Leute ihre Homeoffice-Tage auf den Montag und den Freitag legen. Ähnlich wie es heute schon viele Teilzeitangestellte machen und am Freitag oder am Montag nicht zur Arbeit gehen. «Wenn wir in Zukunft Passagiere haben, die nur drei Tage pendeln – Dienstag bis Donnerstag, dann bleibt der Peak am Dienstag bestehen. Und wir müssen auf diesen Tag unser Angebot dimensionieren», sagt Henny. Die Folge: weniger Einnahmen, weil Montag und Freitag weniger gefahren wird, aber gleich bleibende Kosten. «Dann haben wir alle verloren, auch die Kunden. Vor allem falls deswegen die Preise angepasst werden müssten.»

Es brauche daher eine gesellschaftliche Diskussion über die Zukunft von Arbeit. «Es bringt nichts, wenn neue Abos Homeoffice fördern sollen», sagt Henny. Vielmehr müssten Schulen, Betreuungsangebote, Unternehmen Möglichkeiten schaffen, um diese Mobilitätsspitzen zu brechen. «Das Spannende ist: Wir haben wegen Corona nun ein Momentum. Die Leute haben ihre Gewohnheiten angepasst. Die Chance ist da, nun aktiv etwas zu ändern», sagt Henny. (Lesen Sie dazu: Die Schweiz will umsteigen) Doch die Gefahr sei gross, dass wir einfach so weitermachen wie vorher. Es gebe keine Debatte darüber, wie wir die heutige Situation nutzen könnten.

Tatsächlich versuchen die SBB seit Jahren das Modell Homeoffice zu forcieren, auch im eigenen Interesse, um die Spitzen zu brechen. So etwa mit einem Vorstoss im Jahr 2015. Und dies nicht nur bei sich selbst, sondern in Zusammenarbeit mit anderen Firmen wie der Swisscomund der Post, aber auch mit Verwaltungen, etwa dem Kanton Bern. Das Problem: Falls es tatsächlich einen Effekt gab durch diese Initiative, wurde er vom Anstieg der Passagierzahlen wieder relativiert. Corona kann nun den Anstoss geben, das Thema wieder aufs Parkett zu bringen – und dieses Mal auch eine wirkliche Veränderung bringen.