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«Aufschrei» nach ZahlenchaosWarum Economiesuisse jetzt das BAG heftig attackiert

Der Wirtschaftsdachverband warnt vor «überschiessenden Massnahmen», welche die Wirtschaft abwürgen könnten. Die Datenlage sei chaotisch und erlaube keine weiteren Einschränkungen.

Der Wirtschaftsdachverband fürchtet nichts so sehr wie einen zweiten Lockdown: Mobiliar eines geschlossenen Restaurants.
Der Wirtschaftsdachverband fürchtet nichts so sehr wie einen zweiten Lockdown: Mobiliar eines geschlossenen Restaurants.
Foto: Urs Jaudas

Die Attacke kommt spät, fällt dafür aber umso heftiger aus: Nachdem das Bundesamt für Gesundheit (BAG) vor elf Tagen falsche Zahlen zur Verbreitung des Coronavirus publiziert hatte, kritisierte der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse das Amt am Montag ungewohnt scharf. Unter dem Titel «Schädliches Zahlenchaos» werden im aktuellen Newsletter die vier Punkte des angeblichen Versagens aufgelistet: verzerrte Stichproben, fehlende Angaben, fragwürdige Qualität der Angaben und fehlendes Verhältnis.

«So entstehen Daten, die auf der Basis von Vermutungen, Verschleierungsstrategien oder Halbwissen beruhen und die von Ärzten unterschiedlich erhoben und weitergeleitet werden», wird im Newsletter bemängelt.

«Ein notwendiger Aufschrei»

Dieser «Aufschrei» sei vonnöten gewesen, ist Rudolf Minsch, Chefökonom bei Economiesuisse, überzeugt: «Wir haben deshalb eine so deutliche Sprache gewählt, weil die Leute nicht noch weiter verunsichert werden dürfen.» Die Sorge gilt indes nicht nur den Menschen in diesem Land. Die BAG-Angaben seien vor allem nicht brauchbar als seriöse Grundlage für wirtschaftspolitische Entscheide, sagt Minsch und fordert unmissverständlich: «Aufgrund der schlechten Datenlage dürfen keine überschiessenden Massnahmen beschlossen werden.»

Der Chefökonom betont, dass die meisten Betriebe schon heute so aufgestellt seien, dass sie die Pandemie adäquat bewältigen könnten. Aus seiner grössten Befürchtung macht er jedoch keinen Hehl: ein zweiter Lockdown.

«Economiesuisse versucht das BAG zu schwächen, um so künftige Entscheide besser anzweifeln zu können.»

Cédric Wermuth, designierter Co-Präsident der SP

Dieses «Bashing» gegen das BAG sei unverhältnismässig, zumal das Amt die Fehler eingestanden und korrigiert habe, sagt Cédric Wermuth, designierter Co-Präsident der SP. Vielmehr vermutet er eine politische Absicht hinter dem Angriff: «Economiesuisse versucht das BAG zu schwächen, um so künftige Entscheide besser anzweifeln zu können.» Dies sei nicht sehr konstruktiv, da allfällige Einschränkungen bei einer zweiten Welle so oder so schwierig durchzusetzen seien.

Der Angriff von Economiesuisse wird in der Woche lanciert, in welcher sich der Bundesrat erstmals nach den Sommerferien wieder regulär zu einer Sitzung trifft. Obwohl aufgrund der relativ stabilen Fallzahlen keine neuen einschneidenden Massnahmen beschlossen werden dürften, markiert der Wirtschaftsverband gegenüber der Landesregierung einmal mehr seine Position.

Schon öfters erfolgreich interveniert

Dies hat er in der Corona-Krise schon öfter getan: Zusammen mit anderen Dachorganisationen schickte Economiesuisse beispielsweise Ende März, also während die Pandemie in der Schweiz noch voll wütete, einen Brief an die Landesregierung.

Obwohl verschiedene Kantone und Ärzte damals eine Verschärfung der Massnahmen forderten, warnte die Wirtschaft eindringlich und mit Erfolg vor solchen Restriktionen: Am 16. April beschloss der Bundesrat die ersten Lockerungsschritte.

70 Kommentare
    ralfkannenberg

    "Wir haben deshalb eine so deutliche Sprache gewählt, weil die Leute nicht noch weiter verunsichert werden dürfen." Genau solche Behauptungen sind es doch, die die Bevölkerung verunsichern. Die Economiesuisse hat einfach diese günstige Gelegenheit genutzt, um ihre Interessen besser durchsetzen zu können. Diese Strategie ist aber zu durchsichtig, um ernst genommen werden zu können: es braucht keine Kritik seitens fachlich nicht geeignet qualifizierter Personen - und die Vertreter der Economiesuisse zeichnen sich dadurch aus, dass ihr Kompetenzbereich ganz woanders als in der Medizin liegt, sondern es braucht Lösungen, dass solche Zahlenpannen nicht wieder passieren. Ein weiteres Problem liegt darin begründet, dass wenn die Zahlen korrekt kommunizert werden, ein "Wissenschaftssprech" herauskommt, den niemand versteht, d.h. niemand will Zahlen lesen, die aus Mittelwerten, Standardabweichungen, Konfidenzintervallen und idealerweise auch noch 3.Momenten bestehen.