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Christian Gross bei Schalke 04Warum Gross Läckerli für Schalke hat – und Schelte für den FCZ

Die Aufgabe auf Schalke könnte die schwierigste in der langen Trainerkarriere des Christian Gross sein. Der Zürcher wirkt trotzdem glücklich darüber, dass er dafür seine Pensionierung aufgeschoben hat.

Christian Gross: «Wir brauchen Punkte. Schluss, aus.»
Christian Gross: «Wir brauchen Punkte. Schluss, aus.»
Foto: Keystone

Am Ende ist es der Christian Gross der alten Tage. Der Mann, der seine Termine mit den Medien mit einer gewissen Freude dazu nutzt, ein paar Botschaften zu platzieren. Und damit durchaus mal genussvoll den Druck auf andere erhöht.

So kommt man im Videogespräch mit ihm nach rund 45 Minuten auch auf seine ehemaligen Clubs zu sprechen. Und Gross setzt seine Punkte. Zum Beispiel als treuer Grasshopper, der es einerseits «unglaublich» findet, «dass der Verein nie zur Ruhe kommt». Und der sich andererseits wunderschön über den Lokalrivalen FC Zürich ärgern kann, wenn der auf seine Leibchen «Der Stadtclub» druckt: «Das finde ich eine unglaubliche Anmassung. Und nachher ziehen sie gemeinsam mit GC in den Hardturm ein!»

Oder wenn er über den FC Basel spricht, mit dem er einst acht Titel gewonnen hat. Dazu kommt ihm in den Sinn, wie ihn 1993 Benno Bernardi als frischen Trainer der Grasshoppers begrüsste. Alles unter einem Titelgewinn sei inakzeptabel, habe ihm der damalige GC-Präsident eröffnet. Und am liebsten solle er gleich alle Spiele gewinnen.

Der Seitenhieb nach Basel

«Ich hoffe, dass Bernhard Burgener mit seinen Trainern auch so spricht», sagt Gross, «die Basler Fans haben einen erfolgreichen Club verdient.» Zack, ein kleiner Seitenhieb in Richtung des aktuellen FCB-Besitzers, der stets davor zurückschreckt, den Meistertitel als Ziel auszugeben.

Gross war 2012 ja nach seinem missglückten Engagement bei den Young Boys von den heimischen Schirmen verschwunden. Er arbeitete in Saudiarabien und Ägypten. Vielleicht erschrak man darum etwas, als er seine ersten Auftritte beim FC Schalke 04 hatte. Weil sein Bild zehn Jahre lang nicht mehr in der Schweizer Öffentlichkeit erschienen war, sprang es umso mehr ins Auge, dass er gealtert war. Aber natürlich war er gealtert! Gross wird in diesem Jahr 67.

Die Antwort auf die Frage: Warum tut er das?

Dazu kamen Pressekonferenzen, in denen stets die Schwere der Aufgabe zu spüren war, die Gross in Gelsenkirchen übernommen hat. Zweimal verhedderte er sich zwischen den Namen all seiner neuen Spieler, taufte Can Bozdogan um in Can Erdogan. In den sieben Bundesliga-Spielen unter ihm hat das Team erst vier Punkte gewonnen. 14 Partien hat Schalke noch, um neun Punkte Rückstand wettzumachen. Sonst ist der Abstieg besiegelt.

Das alles wirkte aus der Ferne so freudlos, dass die Frage aufkam: Wieso tut er das? Warum geniesst Gross nicht seine Pension im Oberengadin? Warum riskiert ausgerechnet er, der immer Wert auf die Titel auf seiner Visitenkarte legte, dass er als Schalker Abstiegstrainer in die Historie eingeht?

«Es gibt im Trainerbüro nur Basler Läckerli. Die werden schnell hart. Aber wir hoffen, dass wir uns bald zum Honig durchbeissen können.»

Dann sitzt Gross in seinem Trainerbüro in Gelsenkirchen vor dem Computer. Und bietet eine Stunde lang beste Unterhaltung. Er leistet Hilfe bei der journalistischen Arbeit: «‹Das Unmögliche möglich machen› – das wäre doch noch ein guter Titel!» Er erzählt davon, dass es in seinem Trainerbüro derzeit nur Basler Läckerli zu essen gibt, weil die so gut zur Situation des Clubs passen: «Sie werden schnell hart, wenn man sie etwas stehen lässt. Aber wir hoffen, dass wir uns bald zum Honig durchbeissen können.»

Da ist das Charisma, das Gross immer ausgestrahlt hat. Da ist auch der Schalk, der bei ihm neben aller Strenge immer seinen Platz hatte. Und er gibt einem das Gefühl: Ja, wahrscheinlich kann ihn das alles noch immer glücklich machen. Ihm das Gefühl geben, am Leben zu sein.

Etwa wenn er den Druck einer ganzen Region auf seinen Schultern spürt: «Wir sind für den Lebensinhalt von Abertausenden von Menschen zuständig.» Oder wenn er auf dem Transfermarkt nach Verstärkungen sucht. Fünf Spieler sind seit seinem Amtsantritt gekommen. Oder wenn er schwierige Spieler zu führen hat wie Nabil Bentaleb, den er soeben zur grossen Überraschung aller begnadigt hat.

Eine Woche hat sich Gross damals nach der ersten Kontaktaufnahme durch Schalke Zeit gelassen für die Zusage. Besprochen hat er den Entscheid aber nur im «engsten, persönlichen Kreis. Alle haben sich gefreut, niemand hat mir abgeraten.»

Die Freude auf das Schweizer Trainerduell

Vermutlich konnte er auch gar nicht anders, als zuzusagen. Irgendwann, als er über die schönsten Momente seiner Trainerkarriere redet, fällt der Satz: «Darum ist es so toll, dass ich diesen Beruf ergriffen habe.»

Als Nächstes bringt ihn seine Arbeit nach Berlin. Dort, beim Gegner Union, ist mit Urs Fischer ein anderer Schweizer Trainer engagiert. Gross freut sich auf das Duell, sagt, Fischer sei «prädestiniert für diesen Beruf».

Zur Verbrüderung der Schweizer im Ausland wird es aber nicht kommen. Erstens ist Fischer für den Grasshopper Gross immer noch ein wenig mit dem FCZ verbunden. Und ausserdem gilt für ihn im Abstiegskampf: «Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Wir brauchen Punkte. Schluss, aus.»

5 Kommentare
    wieland

    An Hans Merz

    GC als Dorfklub zu beschreiben ist als erste Mitbegründer in Sachen Schweizer Fussball so etwas von falsch. Frischen Sie doch bitte Ihre Fussballkenntnisse etwas auf.