Zum Hauptinhalt springen

Kämpfende FrauenWas ist dran an der Sage der Wikinger-Kriegerin?

Archäologen finden immer mehr Gräber von Wikingerinnen mit Waffen. Doch waren diese Frauen wirklich Kriegerinnen wie Lagertha aus der TV-Serie «Vikings»?

Sie schreckt vor keinem Kampf zurück: Die Wikingerin  Lagertha (Katheryn WInnick) aus der erfolgreichen TV-Serie «Vikings»
Sie schreckt vor keinem Kampf zurück: Die Wikingerin Lagertha (Katheryn WInnick) aus der erfolgreichen TV-Serie «Vikings»
Foto: Alamy Stock Photo

Sie ist stark, sie ist mutig und schwingt gerne ihr Schwert: Lagertha ist eine der Hauptfiguren in der TV-Serie «Vikings» und genauso kampferprobt wie ihre bärtigen Mitstreiter. Auch wegen des Erfolgs dieser Serie sind Wikinger seit einigen Jahren sehr populär, und immer wieder kommt dabei die Frage auf, wie viel Realität steckt eigentlich in Lagertha? Kämpften die Frauen bei den Wikingern tatsächlich Seite an Seite mit den Männern?

In letzter Zeit gab es in diesem Zusammenhang einige erstaunliche Funde und heftige Debatten. Weil die Wikinger ausser ein paar Steinen mit Runeninschriften kaum Schriftliches hinterliessen, sind Gräber und andere archäologische Fundstätten wichtige Quellen: zum Beispiel die Gräberanlage im schwedischen Birka, wo einst ein wichtiges Handelszentrum der Wikinger stand. Dort fand man schon vor mehr als 100 Jahren eine Grabkammer, in der die Menschen zur Wikingerzeit einen wichtigen Krieger beigesetzt hatten.

Ein ganzes Waffenarsenal – ein Schwert, eine Axt, ein Messer, zwei Lanzen, zwei Schilder, 25 Pfeile – und sogar zwei Pferde nahm der Tote mit ins Grab. Zudem hatte er Spielfiguren bei sich, was manche Forscher als strategisches Hilfsmittel für die Kriegsführung deuten. Das muss ein militärischer Anführer gewesen sein, lautete lange das Urteil der Wissenschaftler. Denn auch die Kopfbedeckung wies auf einen hohen Rang hin. Vor drei Jahren dann kam die grosse Überraschung: Der Krieger im Grab Bj. 581 ist eine Frau. Eine DNA-Analyse der Knochen zeigte das zweifelsfrei. Seither streiten sich die Forscher darüber, wie man diese Funde einschätzen muss.

So fand man das Grab in Birka.
So fand man das Grab in Birka.
Foto: Alamy Stock Photo

Denn die Birka-Kriegerin ist nicht alleine. Auch im südnorwegischen Nordre Kjølen und in Aunvollen in Zentral-Norwegen stiessen Archäologen auf Frauen, die mit Schwertern in Gräbern beigesetzt wurden. Schwerter waren zur Wikingerzeit ein wertvolles Gut. Viele Männer kämpften mit einer Axt. In Island fand man eine Frau mit Speer, hinzu kommen verschiedene Gräber in Norwegen, Dänemark, England und Schweden, wo Frauen mit Äxten oder Pfeilspitzen begraben wurden.

Bedeutet all dies nun, dass diese Frauen tatsächlich Kriegerinnen waren? Und waren sie Ausnahmen oder Teil einer grösseren Gruppe? Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Eine Rolle spielt dabei, wie man Grabbeigaben interpretiert. Die gängigste Interpretation lautet: Man gibt den Menschen Gegenstände mit, die für sie im Leben wichtig waren. Sie könnten sie im Jenseits brauchen.

Bei einzelnen Knochen ist die Geschlechtsbestimmung schwierig

Trotzdem meldeten verschiedene Forscher Zweifel an, ob Waffen bedeuteten, dass die Frauen tatsächlich kämpften. Äxte waren auch im Haushalt ein wichtiges Werkzeug, Speere und Pfeile auch Jagdinstrumente. Schwerter könnten vererbte Machtinsignien einer Familie gewesen sein. «Wir sollten diese Gräber genau gleich behandeln wie Männergräber mit Waffen», sagt jedoch die norwegische Archäologin Marianne Moen von der Universität Oslo, die zum Thema forscht. Sobald man Frauen mit Waffen finde, suche man nach alternativen Erklärungen, warum die Waffen nicht zum Kampf gedient hätten, während man es bei den Männern als selbstverständlich annehme.

Tatsächlich gibt es vor allem in Norwegen viele Wikinger-Gräber, in denen keine menschlichen Überreste mehr vorhanden sind, sondern nur Grabbeigaben. Und selbst bei Knochenfunden ist eine DNA-Analyse nicht immer möglich. Findet man einzelne Knochen, ist die Geschlechtszuweisung ohne DNA schwierig. Das Becken ist jener Knochen, bei dem der Unterschied zwischen Frau und Mann am deutlichsten hervortritt. Doch ein Unterarmknochen unterscheidet sich bei einer kräftigen Frau und einem nicht besonders kräftigen Mann nicht unbedingt. Sobald Waffen in einem Grab vorhanden waren, wurden Gräber früher automatisch als Männergräber katalogisiert. Doch stimmte das immer?

Sie starb jung und hatte ein Schwert und andere Waffen im Grab: Die Tote von Nordre Kjølen, heute im Museum in Oslo.
Sie starb jung und hatte ein Schwert und andere Waffen im Grab: Die Tote von Nordre Kjølen, heute im Museum in Oslo.
Foto: Ellen C. Holte, ©Kulturhistorisk museum, UiO

«Die Vorstellung, dass Frauen auch kämpfen könnten, war in der Kultur der Wikinger zumindest vorhanden», sagt der polnische Archäologe Leszek Gardela, der im Herbst das Buch «Amazons of the North» herausgibt, das auf einem gleichnamigen Forschungsprojekt an der Universität Bonn basiert. Dafür finde man auch in der Mythologie und Sagenwelt so einige Anhaltspunkte, immer wieder kommen dort Kriegerinnen vor. Doch seien die kämpfenden Frauen wohl eher Ausnahmen gewesen, meint Gardela. Das glaubt auch Moen. In England haben Forscher einige Massengräber mit Wikingern gefunden, die bei ihren Raubzügen auf der britischen Insel im Kampf starben. In manchen dieser Gräber hat man nur Männer gefunden, doch in einem Grab in Derbyshire sind rund 20 Prozent der Toten weiblich.

Wie akzeptiert die Rolle der Kriegerin war und ob sich die Frauen als Männer ausgaben, ist noch unklar. «Es hat in der Geschichte immer wieder Frauen gegeben, die sich als Männer verkleideten, um beispielsweise als Soldat zu dienen»», sagt Gardela. Dass die Frauen zum Kampf Männerkleider trugen, könnte aber auch einfach praktische Gründe gehabt haben. In einem ausschweifenden Kleid kämpft es sich nicht besonders gut.

Waren die Wikingerinnen fitter als heutige Männer?

Frauen waren nicht stark genug, um Schwerter zu schwingen – auch diese Kritik äussern manche Forscher wie der deutsche Wikingerexperte Matthias Toplak. Das Skelett der Birka-Kriegerin deute nicht darauf hin, dass die Frau grosse Muskeln gehabt habe. Und jene Frau, die Forscher im norwegischen Nordre Kjølen mit Schwert begraben fanden, hatte einen zierlichen Körperbau. Sie war auch erst zwischen 15 und 18 Jahre alt, als sie starb.

Doch wir sollten unseren Blick auf diese alten Kulturen nicht mit unseren modernen Vorstellungen von Geschlechtsdefinitionen vernebeln, findet Archäologin Moen. «Der soziale Status spielte bei den Wikingern vermutlich eine viel wichtigere Rolle als das Geschlecht», sagt die Norwegerin. Eine wohlhabende Wikingerin hatte andere Möglichkeiten als ein männlicher Sklave. Und Bogenschützinnen mussten zum Beispiel weniger direkte Duelle ausfechten.

Ähnlich sieht das die isländische Mediävistin Jóhanna Katrín Friðriksdóttir, die mit «Valkyrie» gerade ein Buch zur Stellung der Frauen in der Wikingerkultur veröffentlicht hat. «Geschlechterrollen waren bei den Wikingern vielleicht fliessender, als wir das heute annehmen», schreibt Friðriksdóttir. Sie nimmt dabei besonders auf die literarischen Quellen, die sogenannten Sagas, Bezug, die vom Leben der Wikinger erzählen. Sie sind aber alle erst mindestens 150 Jahre nach Ende der Wikingerzeit und nach der Christianisierung entstanden.

Schon länger glauben manche Wissenschaftler, dass sich die Aufgabenverteilung in vormodernen Kulturen weniger am Geschlecht, als viel mehr an der körperlichen Fitness und Jugend orientierte. Das Heimchen-am-Herd ist eine zutiefst christlich-bürgerliche Vorstellung, die wenig mit der Realität dieser Menschen zu tun haben muss. Wer jung und gesund war, der jagte und kämpfte. Wer schon älter war, der kümmerte sich um die Kinder und das Kochen. Selbst Frauen mit zierlichem Körperbau waren dann vermutlich um einiges kräftiger und fitter als heutige Büromenschen.

Trotzdem bedeutet all dies nicht, dass die Frauen zu Wikingerzeiten die gleichen Rechte hatten wie Männer. Auch wenn das gut dazu passen würde, dass viele skandinavische Länder heute bei der Gleichberechtigung in der Poleposition sind. Sexuelle Gewalt war, wenn man den Sagas glaubt, weitverbreitet. Auch ihren Ehemann konnten junge Frauen nicht selbst wählen. Trotzdem hatten sie mehr Rechte als Frauen in anderen mittelalterlichen Kulturen. Sie konnten erben, Land besitzen, sich scheiden lassen und selbst ihren Aufenthaltsort bestimmen. Wohlhabende Frauen waren meist Herrinnen über die Höfe, vor allem wenn ihre Männer zur See fuhren. Eine Studie zeigte im letzten Jahr zudem, dass Frauen und Männer bei den Wikingern ähnlich gut genährt waren. Das war in anderen mittelalterlichen Kulturen, wo Frauen wenig Rechte hatten, meist nicht der Fall.

Auch in der nordischen Mythologie spielen Frauen eine aktivere Rolle als in den Mythologien anderer Kulturen. Die Valkryies – heute äusserst beliebt in Computerspielen – waren wilde Reiterinnen im Dienste des Gottes Odin. Sie bestimmten auf dem Schlachtfeld, wer lebte und wer starb, zumindest wenn man dem Heldenepos «Edda» glauben will. Auch als Schamaninnen und Seherinnen kommen Frauen in der nordischen Sagenwelt immer wieder prominent vor. Doch all das endete, als sich das Christentum auch im Norden stärker verbreitete und die Frauen von allen religiösen Ämtern ausgeschlossen wurden.