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Zahlen, Gründe – und eine LösungKurzsichtigkeit nimmt rasant zu

Bis 2050 könnten 54 Prozent der Weltbevölkerung kurzsichtig sein. Jetzt zeigt eine neue Studie einen möglichen Lösungsansatz – der zumindest die Entwicklung verlangsamen würde.

Ein Augenarzt testet die Sehkraft eines Jungen. Können Linsen gegen die Verschlechterung der Augenleistung helfen?
Ein Augenarzt testet die Sehkraft eines Jungen. Können Linsen gegen die Verschlechterung der Augenleistung helfen?
Foto: Getty Images/iStockphoto

Manchmal löst jeder Termin beim Augenarzt Ängste aus. Wenn das Kind zwölf Monate nach dem letzten Besuch klagt, dass es die Buchstaben an der Tafel nicht lesen kann, muss der Mediziner schon wieder stärkere Brillengläser verschreiben. «Je früher die Kurzsichtigkeit beginnt, desto ausgeprägter wird sie am Ende des Jugendalters sein», sagt Wolf Lagrèze, Leiter der Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie und Schielbehandlung an der Uniklinik Freiburg.

Waren im Jahr 2000 noch 23 Prozent der Bevölkerung weltweit kurzsichtig, sollen es bis 2050 schon 54 Prozent sein. Allein der Anteil der Menschen mit starker Kurzsichtigkeit soll von 3 auf 10 Prozent steigen, mit einem erhöhten Risiko für Netzhautablösung, grauen oder grünen Star. Nun berichtet ein Team um Jeffrey J. Walline vom College für Optometrie an der Ohio State University im Fachblatt «Jama» von neuen, weichen Kontaktlinsen, die im Test bei fast 300 Kindern die Verschlechterung der Sehkraft bremsten.

«Wir haben das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit damit um 43 Prozent verlangsamt.»

Jeffrey J. Walline

Ähnlich einem Bullauge sorgte der mittlere Teil wie bei einer gewöhnlichen Kontaktlinse dafür, dass sich das ins Auge einfallende Licht direkt auf der Netzhaut bündelt, damit die Kinder in der Ferne gut sehen können. Der äussere Teil dagegen bewirkt, dass sich sogar die seitlich ins Auge einfallenden Lichtstrahlen vor der Netzhaut bündeln. Warum das wichtig ist? Bei normalen Kontaktlinsen fokussieren seitlich einfallende Lichtstrahlen hinter der Netzhaut. Das regt das Auge an, in die Länge zu wachsen – was zur stärkeren Kurzsichtigkeit führt. Schon eine Verlängerung des Augapfels um einen Millimeter entspricht etwa 2,7 Dioptrien.

Tatsächlich verschlechterten sich die Augen der Probanden in einem Zeitraum von drei Jahren nur um 0,6 Dioptrien, bei anderen mit normalen Kontaktlinsen dagegen um 1,05 Dioptrien. «Wir haben das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit damit um 43 Prozent verlangsamt», sagt Walline. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf, gelegentlich kam es in allen Gruppen der Studie zu Entzündungen der Horn- oder Bindehaut oder allergischen Reaktionen.

Dennoch sind nicht alle Experten von den Ergebnissen überzeugt. «Selbst die Sicht der Kinder mit normalen Kontaktlinsen verschlechterte sich im Zeitraum von drei Jahren nur um rund eine Dioptrie», sagt etwa Neil Bressler, Professor für Augenheilkunde an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Ob weiche Kontaktlinsen auch jenen Kindern helfen, deren Sehkraft sich schnell verschlechtert, sei bislang wissenschaftlich kaum belegt.

Risiko für Kurzsichtigkeit steigt mit dem Bücherkonsum

Aus welchem Grund die Kurzsichtigkeit sich so rasend schnell ausbreitet, beginnen Forscher erst zu verstehen. Bis Ende der 1970er-Jahre tippten die Ärzte vor allem auf genetische Ursachen. Waren beide Eltern kurzsichtig, würde es wohl auch der Nachwuchs sein. Doch hat die Kurzsichtigkeit in einigen Ländern innerhalb weniger Generationen so stark zugenommen, dass Gene allein nicht der Grund sein können. In einigen Ländern Südostasiens zum Beispiel sind bis gegen 90 Prozent der jungen Erwachsenen kurzsichtig.

Vor allem ein kurzer Leseabstand und lange Lesephasen sollen die Augenerkrankung fördern, legen Studien nahe. Verschlingen Kinder mehr als zwei Bücher pro Woche, steigt ihr Myopie-Risiko deutlich. «Mein persönliches Gefühl ist, dass wir die eigentliche Ursache noch nicht gefunden haben», sagt der Biophysiker Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde der Universität Tübingen und dem Institut für molekulare und klinische Ophthalmologie in Basel. Denn keiner Methode gelang es bisher, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit wirklich zu stoppen.

So bieten manche Augenärzte den betroffenen Kindern formstabile Kontaktlinsen an, die nachts im Schlaf den zentralen Teil der Hornhaut abflachen. Aus noch nicht geklärten Gründen verlangsamt sich so das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit. «Die Effektgrössen sind ähnlich wie bei den neuen, weichen Kontaktlinsen», sagt Schaeffel. Doch haben diese Linsen noch einen angenehmen Nebeneffekt: Die mechanische Verformung der Hornhaut bewirkt, dass die Kinder am nächsten Tag keine Brille tragen müssen. Allerdings ist dabei eine gute Hygiene wichtig, damit keine Infektionen der Hornhaut entstehen.

Gift der Tollkirsche kann die Verschlechterung bremsen

Andere Mediziner verwenden Atropin, um den Verlauf der Kurzsichtigkeit auszubremsen – ein Gift aus der Tollkirsche, mit dem Mediziner früher zum Beispiel vor Augenuntersuchungen die Pupillen ihrer Patienten weitstellten. In einer deutschen Studie hatte die Kurzsichtigkeit der Kinder vor Beginn der Studie um jährlich 1,05 Dioptrien zugenommen, nach zwölf Monaten Therapie dagegen nur um 0,4. Als einzige Nebenwirkung beobachteten die Mediziner eine leicht erweiterte Pupille. Allerdings sprechen, je nach Studie, 10 bis 20 Prozent der Kinder nicht auf die Therapie an. «Warum das so ist, wissen wir nicht», sagt Schaeffel.

Die Therapie ist in der Schweiz nicht offiziell zugelassen, laut Mathias Abegg, leitender Arzt an der Universitätsklinik für Augenheilkunde am Inselspital Bern, übernehmen die Krankenkassen die Kosten von durchschnittlich etwa 500 Franken pro Jahr aber «fast immer».

Inzwischen bieten Augenärzte manchen Kindern auch eine Kombination aus Atropintherapie und Kontaktlinsen an, um den Effekt der Behandlungen zu verstärken. Vor allem aber sollten Eltern mit ihren Kindern viel Zeit draussen verbringen, damit eine Kurzsichtigkeit gar nicht erst entsteht. Denn nur 40 Minuten im Freien pro Tag können das Risiko um fast ein Viertel reduzieren.