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Überall Verschwörungstheorien Warum so viele Menschen Corona-Mythen verbreiten

Covid-19 wird über 5G-Mobilfunk verteilt, Bill Gates hat die WHO gekauft: Solche Lügen werden massenhaft geteilt – und der Unsinn bleibt nicht im Netz.

«Covid-19 ist eine Lüge – 5G ist der Mörder»: Um Corona ranken sich etliche Verschwörungstheorien – Graffiti in London.
«Covid-19 ist eine Lüge – 5G ist der Mörder»: Um Corona ranken sich etliche Verschwörungstheorien – Graffiti in London.
Keystone/EPA/Neil Hall

Viele kennen es: die Tante, die auf Whatsapp erzählt, Knoblauch helfe gegen Covid-19; den Bekannten aus dem Sportverein, der auf Facebook behauptet, die «globale Elite» verbreite die Pandemie über den Mobilfunkstandard 5G. In vielen Familien und Freundeskreisen gibt es Menschen, die Gerüchten, Falschmeldungen und Verschwörungsmythen glauben. Das ist kein neues Phänomen, aber das Coronavirus hat aus der einen unangenehmen Kollegin, die Falschmeldungen über Flüchtlinge verbreitete, eine Massenbewegung gemacht: Messenger und soziale Medien sind voller Corona-Quatsch.

Bereits im Februar warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einer «Infodemie». Falschmeldungen verbreiteten sich schneller als das Virus und seien genauso gefährlich, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Dabei handeln die Verbreitenden nicht unbedingt aus böser Absicht, oft ist ihr Antrieb schlicht Angst. Doch neben den sprichwörtlich besorgten Bürgern mischen zunehmend Kriminelle und politische Akteure mit. Sie wollen Geld verdienen oder Gesellschaften spalten.

Wer verstehen will, warum Menschen gerade so viel Unsinn teilen, muss deshalb tun, was die meisten Verschwörungstheoretiker verweigern: ganz genau hinschauen und scharf differenzieren. Denn nicht jedes Gerücht ist eine Lüge, und es gibt durchaus Gründe, die aktuellen Massnahmen immer wieder kritisch zu hinterfragen – nur hat das meist nichts mit jenen «kritischen Fragen» zu tun, die ohne Faktengrundlage geheime Pläne von Regierungen suggerieren.

Grundsätzlich gilt: Menschen, die sich fürchten, sind anfälliger für Falschnachrichten. Unsere Vorfahren mussten in einer bedrohlichen Situation meist nur wenige Dinge wissen, die im Zweifel über Leben und Tod entschieden: «Wo ist der Säbelzahntiger?» oder «Was macht das Mammut?» Heute sind dagegen Unmengen an Informationen im Umlauf, vor allem dank neuer Medienformen. Medienkompetenz bedeutet nicht mehr, sich Informationen zu beschaffen, sondern die wichtigen Informationen zu filtern, Fakt von Fiktion zu unterscheiden. Doch genau die Fähigkeit, Behauptungen kritisch zu prüfen, leidet, wenn die Angst den Verstand ausschaltet: Das schnelle Denken überlagert das langsame Denken, wie es der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann ausdrückt.

Dieser Mechanismus ist eines von mehreren Konzepten, mit dem Kognitionswissenschaftler erklären, warum es menschlich ist, auf Desinformation hereinzufallen. Man glaubt Behauptungen, wenn sie dem eigenen Weltbild entsprechen (Bestätigungsfehler), stellt zufällige Korrelationen in einen kausalen Zusammenhang (Kausalfehler) und überschätzt das eigene Wissen (Dunning-Kruger-Effekt). Die Cousine, die den wirren Whatsapp-Kettenbrief weiterleitet, meint es also vermutlich nicht böse, im Gegenteil: Sie will die Menschen informieren, um die sie sich sorgt.

Die Sehnsucht nach einfachen Antworten

Solche Sorgen machen sich derzeit Hunderte Millionen Menschen. Seit Monaten lebt der Grossteil der Weltbevölkerung im permanenten Ausnahmezustand. Die Situation entwickelt sich täglich weiter, ständig rauschen neue Eilmeldungen vorbei. Selbst die Wissenschaft kann keine endgültigen Wahrheiten liefern. Als sich das Virus Anfang des Jahres in China ausbreitete, schätzte das Robert-Koch-Institut die Gefahr für Deutschland als «sehr gering» ein.

Manche Menschen verlieren deshalb das Vertrauen in die Forschung und wittern Inkompetenz oder Opportunismus. Tatsächlich forschen Wissenschaftler unter Zeitdruck und passen ihre Empfehlungen dem aktuellen Kenntnisstand an. Der aber ändert sich immer wieder, weil Covid-19 relativ neu ist und selbst das komplexeste Modell nicht mit Gewissheit vorhersagen kann, wie sich eine globale Pandemie entwickelt. Diese Situation spielt Akteuren in die Karten, die vermeintlich einfache Antworten und Lösungen anbieten oder Sündenböcke präsentieren, denen man die Schuld zuweisen kann.

Politiker und Prominente verbreiten Verschwörungsmythen

Anfangs waren es vor allem Betrüger und Kriminelle, die das Coronavirus ausnutzten: Sie fluteten das Netz mit Phishing-Mails und versuchten, dubiose Dienstleistungen und nutzlose Gegenmittel zu verkaufen. Mittlerweile werden finanzielle von politischen Motiven überlagert. Rechtsradikale vermischen rassistische, antisemitische und menschenfeindliche Propaganda zunehmend mit Corona-Verschwörungsmythen. Sie wettern gegen die «globalen Eliten» – in diesen Kreisen eine verleumderische Chiffre für Juden – die angeblich Covid-19 in die Welt gesetzt hätten. Auch hierzulande werden hanebüchene Theorien geteilt, die Bill und Melinda Gates als Strippenzieher hinter der WHO darstellen, Videos mit Titeln wie «Gates kapert Deutschland!» werden millionenfach abgerufen.

Solche Lügen und Verleumdungen sind auch deshalb so erfolgreich, weil Politiker und Prominente die Verschwörungserzählungen weiterspinnen. Figuren wie der Sänger Xavier Naidoo oder der vegane Koch Attila Hildmann inszenieren sich als verfolgte Oppositionelle, Hildmann ruft offen zum bewaffnetem Widerstand auf. Über soziale Netzwerke und Messenger wie Telegram erreichen sie Hunderttausende Menschen. Eine Studie des Reuters-Institute der Universität Oxford zeigt, dass diese Influencer massgeblich dazu beitragen, den Unsinn in die Welt zu tragen: Sie setzen nur ein Fünftel der desinformierenden Beiträge ab, lösen damit aber 69 Prozent der Interaktionen aus.

Die Vernünftigen sind in der Überzahl

Das hat Konsequenzen: Allein in Grossbritannien wurden mehr als 60 Mobilfunkmasten angezündet und mehr als 50 Mitarbeiter von Mobilfunkunternehmen attackiert. Die Angreifer waren überzeugt, dass die 5G-Technik eingesetzt werde, um Covid-19 zu verbreiten. Ähnliche Brandanschläge gab es in mehr als einem halben Dutzend weiteren europäischen Ländern.

In einer Zeit, in der selbst der US-Präsident unwissenschaftlichen Nonsens verbreitet, fällt es manchmal schwer, den Verstand zu bewahren. Da kann es helfen, das grosse Ganze im Blick zu behalten: Ein paar Hunderttausend teilen Nonsens, ein paar Hundert drehen durch, aber viele hundert Millionen Menschen begegnen der Krise ohne Paranoia und Verschwörungsglauben.