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Gut zu wissenWarum Testosteron allein noch keinen Mann macht

Das männliche Geschlechtshormon steht für Kraft, Durchsetzungsvermögen und ein aktives Sexleben – doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Unterschätzter Testosteronkiller: Übergewicht, vor allem am Bauch.
Unterschätzter Testosteronkiller: Übergewicht, vor allem am Bauch.
Foto: Getty 

Kein anderer Botenstoff ist derart von Mythen umrankt wie Testosteron. Das beim Mann hauptsächlich in den Hoden produzierte Geschlechtshormon lässt die Muskeln wachsen, macht aggressiv, durchsetzungsstark – und vor allem: Es befeuert auch die sexuelle Potenz.

Kein Wunder, machen sich viele Männer Sorgen, wenn es in diesem wichtigen Bereich ihres Lebens nicht mehr klappen will. Habe ich etwa zu wenig Testosteron? Denn heute weiss man, dass auch Männer in die Wechseljahre kommen, nur nicht derart abrupt wie Frauen. So nimmt ihre Testosteronproduktion spätestens ab 40 Jahren langsam kontinuierlich ab. Gross ist also die Verlockung, im Internet nach den Testosteron-Normwerten zu googeln.

Rezeptoren-Empfindlichkeit ebenso entscheidend

Doch davon hält Endokrinologe Beat Müller nicht viel. Einerseits, so erklärt der Chefarzt und Leiter der Medizinischen Universitätsklinik am Kantonsspital Aarau, könne der im Blut messbare Hormonwert zum Beispiel tageszeitabhängig beträchtlich schwanken; andererseits sei er nur die eine Grösse des Zusammenspiels. Mindestens ebenso entscheidend sei, wie das Testosteron auf den Körper einwirken kann, das heisst, wie empfindlich die entsprechenden Andockstellen (Rezeptoren) im Gehirn, Rückenmark, Penis oder in den Muskeln auf das Hormon reagieren.

Diese Grösse ist, anders als der Hormonwert, nur indirekt messbar. Sie muss mittels eines subjektiven Scores erfragt werden. Hinweise auf die Testosteron-Empfindlichkeit geben etwa der Bartwuchs (Rasierfrequenz), die Morgenerektionen, die Lust auf Sex (Libido) oder auch das psychische Wohlbefinden. Die Empfindlichkeit der Rezeptoren lässt sich indes nur begrenzt beeinflussen; sie hängt vor allem von der Genetik ab, aber auch dem Alter, dem Gesundheitsstatus und weiteren Faktoren.

Testosteron ist auch ein Risiko

Facharzt Müller wehrt sich dagegen, wenn Männer und Männlichkeit bloss auf den Testosteronwert reduziert werden. Das Hormon sei zwar essenziell für die maskuline Gesundheit, das heisse aber nicht: je mehr, desto besser … So steigere Testosteron nicht nur das Aggressionsniveau, auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Prostataprobleme steige. Immerhin, so Müller, leben Männer fast fünf Jahre weniger lang als Frauen, und das sollte Männern zu denken geben.

Je mehr Testosteron, desto besser? Nicht unbedingt, weiss der Endokrinologe Beat Müller.
Je mehr Testosteron, desto besser? Nicht unbedingt, weiss der Endokrinologe Beat Müller.
Foto: PD

Ausserdem hätten Studien gezeigt, dass Probanden in den männlichen Wechseljahren, dem sogenannten Climacterium virile, die mit einer Hormonersatztherapie behandelt wurden, nur minim profitierten, wenn überhaupt.

Was also soll der verunsicherte Mann tun? Hormonspezialist Müller rät zu einem gesunden Lebensstil – insbesondere Normalgewicht halten (Bauchfett abbauen), Bewegung/Sport, ausgewogene Ernährung, Reduktion von belastend empfundenem Stress und eine gute Schlafqualität. «So erhält der Mann quasi als Bonbon auch eine höhere Testosteronwirkung – und das auf ganz natürliche Weise.»

13 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Hormonspezialist Müller rät zu einem gesunden Lebensstil – insbesondere Normalgewicht halten (Bauchfett abbauen), Bewegung/Sport, ausgewogene Ernährung, Reduktion von belastend empfundenem Stress und eine gute Schlafqualität.'

    Das nenne ich mal eine originelle Idee. Warum bin ich da nicht drauf gekommen?

    Energiereduktion hilft gegen alles, Altern, Krankheiten, Störungen. Deshalb muss man es nicht jedes mal neu in einem spezifischen Zusammenhang erwähnen.

    Aber es hilft nur gegen das Schlechte, Krankheiten, nicht für das Gute, z.B. für Gesundheit. Energiereduktion ist antipathologische, nicht salutogene Prävention. Gesunder Lebensstil, wenn es den gibt, läuft nicht über Biologie, weil Biologie nicht mit Gesundheit kommuniziert.