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Gefährliche Folgewirkungen der KriseWarum uns jetzt das Sparen ärmer macht

Sparen gilt gewöhnlich als Tugend. Wenn aber gleichzeitig die Investitionen ausbleiben und alle Länder gleichzeitig unter der Krise leiden, drohen dadurch weiter sinkende Einkommen und Handelskonflikte

Bisher stieg das Sparen vor allem wegen eingeschränkter Einkaufsmöglichkeiten, künftig könnte Angst vor Krankheit, Einkommensverlust und Arbeitslosigkeit dazukommen: Verhaltensanweisungen in einem Geschäft.
Bisher stieg das Sparen vor allem wegen eingeschränkter Einkaufsmöglichkeiten, künftig könnte Angst vor Krankheit, Einkommensverlust und Arbeitslosigkeit dazukommen: Verhaltensanweisungen in einem Geschäft.
Foto: Keystone / Laurent Gillieron

Mit Blick auf eine unsichere Zukunft erscheint es ratsam, Ersparnisse anzulegen. Was für den Einzelnen Sinn macht, kann aber auf die ganze Wirtschaft bezogen die Lage noch verschlimmern. Denn was die einen konsumieren, sind die Einkommen der anderen. Und wenn alle weniger ausgeben, sinken die Einkommen aller. Das Ergebnis nennen Ökonomen Sparparadox: Der höhere Sparanteil am Einkommen führt wegen der sinkenden Einkommen am Ende zu fallenden Ersparnissen.

Wie eine Kurzstudie der Grossbank Credit Suisse zeigt, ist der Sparanteil der Schweizer Konsumenten schon während des Lockdown massiv von rund 13 auf 22 Prozent am Einkommen angestiegen, noch nicht enthalten darin ist das Zwangssparen via Pensionskassen, das weiteren rund 9 Prozent entspricht und sich kaum verändert hat. Der Grund für die Zunahme dieses freiwilligen Sparens ist in erster Linie, dass der Konsum angesichts vieler geschlossener Geschäfte, Gastwirtschaften und Freizeitangebote verunmöglicht wurde – und somit nicht ganz so freiwillig war.

Gemäss den Berechnungen der CS-Ökonomen war die Sparquote schon in der Finanzkrise nach oben geschnellt und verharrt seitdem auf hohem Niveau. Die höhere Sparneigung der Schweizer Konsumenten sei deshalb auch verantwortlich für das vergleichsweise schwache Konsumwachstum der vergangenen sechs Jahre, schreiben die Ökonomen.

Gefährliche ökonomische Folgen der Angst

Entscheidend für die Schweizer Wirtschaft ist das Verhalten in nächster Zukunft. Bei der CS geht man von einem weiterhin gedämpften Konsum aus. Nur ein Drittel der Lockdown-bedingten Ersparnisse werden gemäss dieser Einschätzung in den kommenden Monaten wieder ausgegeben. Das drückt weiter auf die Gesamtnachfrage und die Einkommen.

Alles hängt von der weiteren Virusausbreitung, aber auch von den gesamtwirtschaftlichen Folgen ab. Die verbleibenden Einschränkungen, die Angst vor einer Ansteckung oder vor Arbeitslosigkeit oder Einkommensverlusten drohen das Sparen beziehungsweise den Konsumverzicht weiter zu befeuern. Gesamtwirtschaftlich entspricht das Sparen aber nicht nur dem ausbleibenden Konsum der Haushalte. Es misst generell jenen Teil am Gesamtprodukt, der nicht verbraucht wird – auch durch Unternehmen oder den Staat.

Was die einen konsumieren, sind die Einkommen der anderen. Und wenn alle weniger ausgeben, sinken die Einkommen aller.»

In einer ersten Betrachtung ohne das Ausland würden aber höhere Ersparnisse nicht zu sinkenden Einkommen führen, wenn gleichzeitig die Investitionen der Unternehmen steigen und die Spargelder in den Wirtschaftskreislauf eingespiesen werden. Doch auch dazu sind die Aussichten als Folge der Krise schlecht. Gemäss einer am Freitag von der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) publizierten Prognose brechen die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen im laufenden Jahr preisbereinigt um fast 14 Prozent ein, selbst die Bauinvestitionen werden demnach um 2 Prozent geringer ausfallen. Bleibt im Inland noch der Konsum des Staates. Dessen höhere Ausgaben reichen aber bei weitem nicht, um die Ausfälle beim Konsum und bei den Investitionen auszugleichen.

Verschärfte Handelskonflikte programmiert

Bleibt das Ausland. Schon in gewöhnlichen Zeiten konsumieren die Schweizer nicht alles, was sie produzieren – unsere Ersparnisse übertreffen die Investitionen deutlich. Das zeigt sich in sehr hohen Nettoexportüberschüssen. Diese besagen, dass wir sehr viel mehr ans Ausland verkaufen als die übrige Welt in die Schweiz. Im letzten Jahr erzielten wir gegenüber dem Ausland einen Leistungsbilanzüberschuss im Umfang von rund 86 Milliarden Franken, was etwa 12 Prozent des gesamten Wirtschaftsausstosses entspricht. In der Leistungsbilanz wird der Aussenhandel mit Waren und Dienstleistungen sowie die grenzüberschreitenden Arbeits- und Kapitaleinkommen erfasst.

Weil die Länder noch mehr als schon vor der Krise auf Absatzmärkte in anderen Ländern setzen, drohen sich die internationalen Handels- und Währungskonflikte wieder zu verschärfen.»

Angesichts der gestiegenen Sparneigung im Inland wären wir also jetzt auf noch höhere Überschüsse im Aussenhandel angewiesen, um den Einbruch der eigenen Wirtschaft in Grenzen zu halten. Dazu müsste aber die Nachfrage in anderen Ländern steigen. Doch diese haben weltweit das gleiche Problem. So ist die Erwartung wenig überraschend, dass auch unsere Exporte deutlich einbrechen. Die KOF rechnet im laufenden Jahr mit einem Minus von rund 13 Prozent.

Die höhere Sparneigung droht daher, ganz wie es das Sparparadoxon besagt, zu insgesamt sinkenden Einkommen zu führen. Die Länder werden deshalb vermutlich noch mehr als schon vor der Krise auf Absatzmärkte in anderen Ländern und Exporte setzen. Folglich geraten Nettoimportüberschüsse in den politischen Fokus, wie es Trump in den USA bereits vormacht. Aus diesem Grund drohen sich die internationalen Handels- und Währungskonflikte wieder zu verschärfen. Alle Anzeichen deuten bereits in diese Richtung.