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Mega-Maschine für die SchweizWarum unsere Bauern so viel PS-Power brauchen

Die Schweiz gehört in Sachen Traktoren zu den schwergewichtigsten Nationen. Jetzt kommt der erste Raupentraktor in die Schweiz. Sind solche Kolosse wirklich noch zeitgemäss?

Wunder der Technik: Fahrer Heinz Stalder (l.) und Markus Schneider, Chef der Berner Landmaschinenfirma Schneider, vor ihrer neuesten Errungenschaft.
Wunder der Technik: Fahrer Heinz Stalder (l.) und Markus Schneider, Chef der Berner Landmaschinenfirma Schneider, vor ihrer neuesten Errungenschaft.
Foto: Beat Mathys
16 Tonnen schwer, 3,6 Meter hoch, 355 PS: Die Axion 930 TT lässt Technikfreaks und Bauern frohlocken, Naturschützer stöhnen auf.
16 Tonnen schwer, 3,6 Meter hoch, 355 PS: Die Axion 930 TT lässt Technikfreaks und Bauern frohlocken, Naturschützer stöhnen auf.
Foto: Beat Mathys
Die enorme Zugkraft mit einem Minimum an Bodendruck – es ist der grosse Vorteil der Axion 930 TT.
Die enorme Zugkraft mit einem Minimum an Bodendruck es ist der grosse Vorteil der Axion 930 TT.
Foto: Beat Mathys
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Ein Feld bei Thunstetten, Berner Mittelland. Heinz Stalder erntet in brütender Hitze zweieinhalb Hektaren Weizen abmit seinem liebsten Mähdrescher. Er ist Lohnarbeiter, drescht, schneidet und sät im Auftrag von diversen Bauern. Seit 23 Jahren fährt er die Tucano 430. 1000 Stunden habe er mit der Maschine bereits verbracht, schätzt Stalder. Doch wenn der gelernte Forstwart heute Abend mit dem Weizen fertig ist, werden seine Gedanken wieder zu einer anderen wandern. Zur Axion 930 TT.

Sein Arbeitgeber hat die Maschine für 300’000 Franken gekauft. Eine enorme Investition für den mittelgrossen Berner Betrieb. Doch der Traktor, der auf Schweizer Feldern ein Novum sein wird, soll eine technische Revolution sein. Das Besondere ist das Raupenlaufwerk. Alles, Radlast und Power, wird damit bessersagen die Verkäufer.

Stalder, dieser riesenhafte Maschinenflüsterer mit dem sanften Händedruck, wird jedenfalls der erste Schweizer sein, der diese Höllenmaschine reiten wird. Noch muss er aber warten. Die Experten vom Strassenverkehrsamt durchleuchten in diesen Tagen in einer Garage im nahen Niederbipp alles noch einmal. Stalders Chef, Markus Schneider, hält ihn auf dem Laufenden, mahnt noch zu etwas Geduld. Kein leichtes Unterfangen, wird dieser später sagen. Sein Mitarbeiter «plange» auf die Neue.

Maschinen werden immer schwerer und kräftiger

Heinz Stalders Zukünftige ist das jüngste Schwergewicht auf Schweizer Feldern. 16 Tonnen schwer, 3,6 Meter hoch, 355 PS. Technikfreaks und Bauern frohlocken, Naturschützer stöhnen auf. Für Marcel Liner von Pro Natura ist dieser Traktor Zeichen einer Fehlentwicklung. Seit Jahren werden die Maschinen der Schweizer Bauern immer grösser, leistungsstärker und meist auch schwerer. Zahlen des Bundesamts für Statistik stützen die Aussagen des Naturschützers. Während 1990 noch 23 Traktoren über 10 Tonnen gemeldet waren, waren es 19 Jahre später 4867. Bei den leichten Traktoren ist die Entwicklung genau umgekehrt. «Das ist besorgniserregendbesonders für den wertvollen Boden, der so verdichtet wird», sagt Liner.

Geht es um Dichte, kann Peter Weisskopf locker alles in wenigen, verständlichen Sätzen erklären. Der Mann für Bodenqualität bei der Schweizer Forschungsanstalt Agroscope sagt, dass Feldböden eigentlich nicht für schwere Maschinen gebaut seien. «Die Struktur eines Bodens ist nicht beliebig belastbar. Es ist möglich, dass sie bis zu einer Tiefe von einem halben Meter zusammengedrückt wird.» Dass dann kaum ein Grashalm mehr wächst, muss er nicht erwähnen.

«Böden können bis zu einem halben Meter zusammengedrückt werden.»

Peter Weisskopf, Forschungsanstalt Agroscope

Geht ein Bauer also mit einer tonnenschweren Maschine bei nassem Wetter aufs Feld, kann in Böden vieles kaputtgehen. «Schäden, die jahrelange Auswirkungen haben, werden in nur wenigen Minuten gemacht», sagt Weisskopf. Die Sensibilität der Bauern für dieses Thema sei aber gestiegennicht nur bei der jüngeren Generation. «Denn je nach Gebiet sind 8 bis 25 Prozent der Böden momentan verdichtet.» Eine Million Hektaren in der Schweiz gehören der Landwirtschaft. Und ständig werden es weniger. Überall wird gebaut. Die fruchtbare Erde ist doppelt bedroht.

Ohne Maschinen lässt sich der Hunger der Konsumentinnen und Konsumenten nicht mehr stillen. Das ist unbestritten. Gleichzeitig gilt es, den Boden, auf dem Essbares wächst, nicht zu sehr unter Druck zu setzen, ihm Luft zu lassen. Es ist ein Balanceakt, der sich auf den Äckern abspieltund der mit der zunehmenden Technisierung der Landwirtschaft noch heikler geworden ist. Ein Bauer muss sich heute fragen, welche Maschine zu welchem Zeitpunkt und für wie lange richtig eingesetzt werden kann. Säen und ernten als komplexe Denkaufgabe.

Ein guter Traktor macht den Bauern stolz

143’000 Traktoren sind in der Schweiz gemeldet. Jeder der 50000 Betriebe verfügt demnach statistisch gesehen über fast drei Traktoren, die zusammen 180 PS leisten. Das dürfte weltweite Spitze sein.«Wir sind sicher nicht untermotorisiert», gibt Roman Engeler vom Schweizerischen Verband für Landtechnik zu. Die Ansprüche an die Landwirtschaft seien halt gestiegen, was wiederum höhere Anforderungen an die Landtechnik zur Folge habe. «Aber klar, einen guten Traktor auf dem Hof zu haben, macht einen Bauern stolz. Das kann man nicht negieren.»

«Schwerer ist nicht unbedingt schlechter.»

Roman Engeler, Agrartechnikexperte

Die Fotogalerien von Traktoren in den Fachzeitschriften gehören jedenfalls zu den Rubriken, die am meisten gelesen werden. Trotzdem ist Engeler der Meinung, dass nicht zu viele Traktoren in der Schweiz unterwegs sind. Die Zahl der Neuanmeldungen sei in den letzten Jahren sogar tendenziell gesunken. Und dass die Traktoren immer schwerer würden, will der Agrartechnikexperte differenzierter kommentieren. «Schwerer ist nicht unbedingt schlechter.»

Ausgerechnet Peter Weisskopf, der Bodenexperte, bestätigt diese Aussage. Tatsächlich gehe es darum, je nach Situation die bessere Lösung zu finden, erklärt er. «Geht man mit grossem Gerät ins Feld, wird der Boden meist weniger häufig befahren, und die Arbeit ist rascher erledigt. Das ist gut, wenn tragfähige Böden vor dem nächsten Regen rechtzeitig bewirtschaftet werden können. Geht man klein rein, gehts leicht, aber langsam. Das ist gut an Standorten, wo die Böden selten abtrocknen, aber schwierig, wenn man mehrmals über die Böden fahren muss und die Arbeit nicht rechtzeitig vor dem nächsten Regen abschliessen kann. «Von dem her ist eine Innovation wie dieser neue Raupentraktor eine grundsätzlich gute Idee.»

Die Gülle stinkt nicht mehr

Die enorme Zugkraft mit einem Minimum an Bodendruck es ist der grosse Vorteil der Axion 930 TT. Mehrere Arbeitsschritte können so in einer Fahrt vereint werden. Zum Beispiel das Ausbringen von Gülle hier in Thunstetten: Bschütti. Zuerst wird die Erde drei Zentimeter tief eingeschnitten, danach wird die Bschütti direkt eingegossen. Der Vorteil dabei: Der Stickstoffverlust wird minimiert und es stinkt nicht mehr.

All dies erzählt Markus Schneider, der Chef von Heinz Stalder. Er könnte noch viel mehr erzählen. «Die Maschine ist ein Wunder», sagt er. Sein Mitarbeiter drescht derweil der tief stehenden Sonne entgegen. Für einen Besuch bei der Neuen wird es für Stalder an diesem Tag nicht mehr reichen. Der Weizen muss eingeholt werden, Gewitter kündigen sich an. Darum fährt Schneider mit seinem Auto allein rüber nach Niederbipp. In der Garage werden Leistungstests durchgeführt. Und dann, während Schneiders Mitarbeiter noch immer auf dem Feld zugange ist, entfaltet in der Garage die Axion 930 TT ihre volle Leistungskraft. Tatsächlich. Ein technisches Wunder.