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Leser fragenWas haben Sie eigentlich gegen Homöopathie?

Über eine Lehre, die nicht mehr den gängigen Standards medizinischer Rationalität entspricht.

Das Problem homöopathischer Medizin liegt nicht darin, dass sie nicht besser als Placebos wirkt, beziehungsweise selbst eines ist: Das Inventar eines Tierarztes und Homöopathen.
Das Problem homöopathischer Medizin liegt nicht darin, dass sie nicht besser als Placebos wirkt, beziehungsweise selbst eines ist: Das Inventar eines Tierarztes und Homöopathen.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Warum veröffentlichen Sie Falschaussagen zur Homöopathie? Ich schreibe Ihnen das als Mensch, der die guten Wirkungen der Homöopathie als ausgebildeter Therapeut, Anwender und Nutzer mehr als hundertfach erfahren hat, der Studien zuhauf kennt, die die Wirkung belegen, der mit Therapeuten in der ganzen Welt in Kontakt ist, die ebenfalls diese Erfahrung machen. Wissen Sie eigentlich, dass Sie sich mit Ihren Aussagen mit Institutionen gemein machen, die auch Ihren Beruf als Psychoanalytiker abschaffen möchten? M.M.

Liebe Frau M.

Tierschützer, Homöopathen, Sterbehelfer und Psychoanalytiker gehören (gefühlt) zu den Gruppen von Menschen, die besonders häufig mit angriffigen Stellungnahmen reagieren, wenn irgendwo etwas geschrieben steht, das – wie es gern heisst – «nicht unwidersprochen so stehen bleiben kann». Dabei hatte ich in meiner Kolumne (vom 31. März) doch nur aus einer ziemlich detachierten wissenschaftsphilosophischen Perspektive angemerkt, dass das Problem homöopathischer Medizin nicht darin liegt, dass sie nicht besser als Placebos wirkt, beziehungsweise selbst eines ist, sondern darin, dass die Krankheitslehre der Homöopathie und deren Konzepte medizinischer Wirkung nicht mehr den gängigen Standards medizinischer Rationalität entsprechen.

Dasselbe trifft im Übrigen auch auf die Psychoanalyse zu. Das Denken Hahnemanns enthält wichtige «Präideen» (Ludwik Fleck) hinsichtlich vieler medizinischer Konzepte. Aber zwischen der ganzheitlichen personenbezogenen Diagnose oder dem Prinzip, Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen einerseits, und den Konzepten von Immunisierung durch Impfung oder personalisierter Medizin andererseits, besteht lediglich ein assoziativer Zusammenhang.

Die Informationsübertragung durch Potenzierung genannte Verdünnung ist Humbug, und daran ändern auch Tausende von Zuschriften zufriedener Kunden nichts. Homöopathie ist so veraltet wie Freud und die Psychoanalyse und auch Platon, Aristoteles, Hobbes und Kant. Die Versicherung, irgendein historischer Gegenstand sei «immer noch aktuell», mit der man bei gelangweilten Schülern Interesse zu wecken versucht, ist ein fadenscheiniger pädagogischer Taschenspielertrick.

Wenn man etwas von historischen Gegenständen (wie der Psychoanalyse) lernen will, dann geht das nicht durch Aktualisierung, sondern durch Historisierung. Man muss zum Beispiel die Fragen zu rekonstruieren versuchen, auf die Freud (oder Hahnemann oder Kant) Antworten zu geben versucht hat. Das kann einem durchaus dabei helfen, neue Fragen zu entwickeln, neue Probleme zu sehen und neue Antworten zu formulieren. Aber die Vorstellung, man könne Freud etc. «anwenden» wie eine Behandlungsrichtlinie in der Medizin, erscheint mir ziemlich bizarr.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch