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World Wide WikipediaWarum Wiki so erfolgreich wurde

Tausende Autoren verfassen seit 20 Jahren Wissenstexte, ohne Termindruck, Lektorat und Werbeeinnahmen. Ihr Projekt ist damit zur grössten Enzyklopädie der Menschheit geworden.

Foto: PD
Wikipedia» ist mit mittlerweile 55 Millionen Artikeln in knapp 300 Sprachen zur mit weitem Abstand grössten Enzyklopädie der Menschheit angewachsen.
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So was kann gar nicht klappen. Niemals. Laien, die aus der ganzen Welt ihren Senf rein schütten. Die beim Lektorat mitreden dürfen. Weit und breit ist weder ein potenter Investor noch Werbeeinnahmen in Sicht. Was bedeutet, dass keiner auch nur einen Franken für die Arbeit bekommt, die da verrichtet wird. Wie soll so ein digitaler Dilettantenstadel jemals ankommen gegen Grossenzyklopädien wie die Britannica oder den Brockhaus? Und dann, das ganze Projekt hat gerade erst abgehoben, steigt auch noch der Co-Pilot aus und schimpft, ihm reiche es jetzt mit all «anarchistischen Typen», die «gegen die Idee sind, dass jemand irgendeine Art von Autorität haben sollte, die andere nicht haben».

20 Jahre später beinhaltet die Wikipedia mehr als 55 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen. Sie ist die mit weitem Abstand grösste und meistgelesene Enzyklopädie aller Zeiten. Allein die 6,2 Millionen englischsprachigen Einträge würden knapp 3000 Bücher füllen. Einer Studie zufolge rufen Menschen in den reicheren OECD-Staaten durchschnittlich neun Wikipedia-Artikel pro Monat auf.



Na ja. Aber was sagt schon schiere Masse aus. Facebook ist ähnlich schnell gewachsen. Aber vollgestopft mit Werbung, schert sich nicht um Datenschutz, ist Basislager für Extremisten und für narzisstische User. Die Wikipedia aber ist heute so was wie das gallische Dorf in Digitalien, die einzige grosse Website, die sich der Übermacht der Kommerzialisierung und Vermachtung des Netzes erfolgreich widersetzt hat.

«Hello World»

Der offenen Architektur des Projekts merkt man bis heute den Tech-Optimismus an, der um die Jahrtausendwende noch viele Internetpioniere erfüllte. In den Worten des Gründers Jimmy Wales: «Wikipedia entstand in einer Ära, als viele, ich eingeschlossen, das Gefühl hatten, die meisten Menschen seien grundsätzlich gut und Communities können Erstaunliches erschaffen, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt.»

Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia.
Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia.
Foto: Wikipedia

Wales tippte am 15. Januar 2000 «Hello World» in eine neue Wiki-Software ein, die eigentlich nur als Nebenprodukt oder Hinterzimmer gedacht war. Er hatte es zunächst mit einer Enzyklopädie im herkömmlichen Sinne versucht. Für diese «Nupedia» hatte er als Chefredakteur den Philosophen Larry Sanger angeheuert, der wiederum von Experten Texte eintreiben sollte.

Jedenfalls: Nach einem Jahr hatte diese Nupedia gerade mal 21 Einträge. Das Experiment mit der Wiki-Sammel-Software hingegen, in dem jede und jeder Vorschläge machen konnte, wuchs rasend schnell. Sanger, jener eingangs zitierte Co-Pilot, warf hin, die Häme war gross, gebetsmühlenartig kam der Vergleich mit der Encyclopedia Britannica (EB). Als das Fachmagazin «Nature» dann aber 2005 Einträge der Wikipedia mit Einträgen der EB verglich, war die Fehlerquote in beiden ungefähr gleich hoch. Und um eine lange Geschichte kurz abzubinden: Die EB wurde 2012 in Buchform eingestellt, der deutsche Brockhaus 2014, laut Wikipedia gibt es beide Nachschlagewerke noch in digitaler Form, aber hat da schon mal irgendjemand reingeschaut?

Peinliches Versagen

Interessanter ist die Frage, warum die Wikipedia so erfolgreich ist. Es gibt den Witz, dass sie in der Praxis funktioniert, eben weil sie in der Theorie nicht funktioniert. Und es gibt die vielen Tausend freiwilligen Mitarbeiter, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in ihrer Freizeit an diesem demokratischen Weltwissensspeicher mitzuwerkeln. Diese Autoren haben in der Masse grossen Einfluss. Ihr eigener Narzissmus aber wird, anders als in den sozialen Netzwerken, nicht direkt gefüttert.

Das heisst nicht, dass alles perfekt ist. Da die Wikipedia eine enorme Wirkungsmacht hat, ist sie auch permanent Angriffen ausgesetzt von Besserwissern und Verschwörungsgläubigen. Eines der peinlichsten Versagen: 15 Jahre lang stand in der englischen Wikipedia, dass es in Warschau ein Konzentrationslager gegeben habe, in dem 200’000 Polen vergast worden seien – eine Lüge, die von polnischen Nationalisten seit Jahrzehnten verbreitet wird. Erst 2019 wurde diese Falschbehauptung von der israelischen Zeitung «Haaretz» aufgedeckt.

Zum Seriositäts-Anker geworden

Aber es sind eben nicht nur Dilettanten und Wichtigtuer am Werke. Im Gegenteil. Eine Studie des «Journal of Medical Internet Research» eruierte 2015, dass die Hälfte aller Medizin-Beiträge von Ärzten stammten und 85 Prozent der Beiträge von Leuten mit Universitätsabschluss. Wichtiger noch: Die «Editors», die Paten der jeweiligen Texte, bestehen streng auf wissenschaftlich abgesicherte Quellen und Studien. Das trägt Früchte: Seit Oktober 2020 arbeitet die WHO mit Wikipedia zusammen, indem sie alle Informationen über Covid-19 unter der freien Creative-Commons-Lizenz über Wikimedia und über die Webseite selbst verfügbar macht.

Auch sonst wurde Wikipedia zu einer Art Seriositäts-Anker im Meer des Unsinns: Verschwörungsvideos auf Youtube werden oft mit einer Wikipedia-Warnung versehen. Und Facebook verlinkt bei herumgeschickten News-Artikeln seit 2018 auf Wikipedia-Artikel, die den Usern zeigen, aus welcher Quelle die Texte stammen.

Reflexionsvermögen und strukturelle Gefahren

Zuletzt noch was scheinbar Unwichtiges: Um 1750 machte sich der englische Gelehrte Samuel Johnson daran, das «Dictionary of the English language» zu erstellen, das «bis heute als eines der einflussreichsten Wörterbücher in der Geschichte der englischen Sprache» gilt (Quelle: Wikipedia). Die grösste Besonderheit dieses Wörterbuchs war der Humor. Lexicographer (Lexikograf) erklärt Johnson so: «a writer of dictionaries, a harmless drudge ...» (ein Verfasser von Wörterbüchern, ein harmloses Arbeitstier ...). Und das Adjektiv «dull» (langweilig, stumpf) definierte er als «not delightful: as, to make dictionaries is dull work» (nicht erspriesslich: z. B. Wörterbücher zu erstellen, ist öde Arbeit).

Diese selbstironischen Zuschreibungen passen zu vielen aktuellen Geburtstags-Texten über die Wikipedia, in denen es klingt, als sei die Arbeit daran so spannend, wie eine Tüte Mehl zu essen. Innerhalb der Wikipedia zeigen Einträge zu Wikiliebe, Wikistress und Wikipedia-Sucht, wie schwer es oft sein muss, untereinander zu einer gültigen Version und zu treffenden Formulierungen zu kommen. Diese Einträge dokumentieren aber auch ein grosses Reflexionsvermögen für die eigenen Schwächen und strukturellen Gefahren. Und ganz so qualvoll «dull» kann das Ganze auch nicht sein: Bei einer Umfrage unter 5000 angemeldeten Benutzern nach ihren Gründen für die Mitarbeit kam als eine der häufigsten Angaben: «It’s fun».

7 Kommentare
    Adi F.

    Was mir bei Wikipedia feht: Die Transparenz, wer die Redaktoren sind und zu welchen Bedingungen, mit welchen Vorgaben und mit welcher Motivation sie Artikel redigieren.

    Wieso verbrigt man das?