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Leser fragenWas hat eine Welle mit dem Virus zu tun?

Metaphern können Angst schüren. Oder auch nicht.

Grossbritannien (hier die Stadt Aberystwyth) hatte real schon heftigen Wellen zu trotzen; derzeit leidet das Land auch unter der Corona-Welle.
Grossbritannien (hier die Stadt Aberystwyth) hatte real schon heftigen Wellen zu trotzen; derzeit leidet das Land auch unter der Corona-Welle.
Foto: Keystone

Was steckt aus Ihrer Sicht hinter dem Motiv, in diesem Sars-Covid-Geschehen den Begriff Welle täglich repetitiv, fälschlicherweise und aus meiner Wahrnehmung fahrlässig in Verbindung mit einem Virus zu bringen? Die Metapher Welle ist beängstigend, Bilder des Tsunami kommen hoch. Gibt es eine Motivation, das «kollektive Unterbewusstsein» erreichen zu wollen, oder ist das alles nur unrecherchierte, schwammig-dumme Berichterstattung, die wir zurzeit vom BAG, dem Bundesrat und den Medien aushalten müssen? M.K.

Lieber Herr K.

Ich glaube, Sie liegen falsch mit Ihrer Vermutung, dass mit der Wellen-Metapher die Corona-Pandemie besonders furchteinflössend dargestellt werden soll. Eher ist sogar das Gegenteil der Fall: Die Rede von der ersten Welle oder die Sorge um eine zweite Welle erinnert nämlich an die gut bekannte alljährliche «Grippewelle», die an Gefährlichkeit insbesondere für ältere Menschen zwar nicht zu unterschätzen ist, aber in der Öffentlichkeit keineswegs mit einem Tsunami assoziiert wird.

Wenn «Welle» wegen der Konnotation zu etwas besonders Gefährlichem verwendet würde, dann müsste man bei einem Ebola-Ausbruch ebenfalls von einer Ebola-Welle sprechen. Tut man aber nicht. Bei Infektionskrankheiten spricht man zwar generell von einer Ansteckungswelle, deren Höhepunkt zum Beispiel bereits erreicht oder noch nicht erreicht sei, aber auch hier bezieht sich die Metapher nicht auf eine Flut(welle), die sich über uns ergiesst, sondern schlicht auf die grafische Darstellung, die bei Ansteckungen in der Regel wellenförmig aussieht.

Die Flüchtlingswellen werden mit Überflutung assoziiert.

Sie weisen aber zu Recht darauf hin, dass Metaphern nicht neutrale Verbildlichungen sind, sondern den Zusammenhang, in dem sie verwendet werden, immer in einem bestimmten Sinne einfärben. Doch einzelne metaphorisch verwendete Wörterwie in diesem Fall die Wellehaben nicht in jedem Kontext die gleiche Wirkung. Wie gesagt: Im Fall der Grippewelle denken wir eher an ein in regelmässigem Abstand sich wiederholendes Ereignis, das wir erwarten und zur Kenntnis nehmen wie die regelmässig an einen Strand anspülenden Wellen.

Ganz anders ist es bei den Flüchtlingswellen. Diese Wellen werden mit Überflutung assoziiert, zuweilen wird die Überflutungsmetapher auch ganz explizit gebraucht. Entsprechend müssen Dämme errichtet werden; und selbst Abwehrmassnahmen gegen hilflos auf dem Mittelmeer treibende Flüchtlinge, deren Ertrinken man oftmals in Kauf nimmt, werden als Formen des Dammbaus verstanden. Die offen zur Schau gestellte Unmenschlichkeit wird durch diese Metapher geradezu zu einem zivilisatorischen Akt, denn was anderes war es, als die Menschen begannen, gegen katastrophale Naturkräfte wie Fluten Dämme zu errichten?

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tamedia.ch.