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Leser fragen Was ist eigentlich «unschweizerisch»?

Die Antwort auf die Frage einer Leserin, worin helvetische Eigenschaften bestehen – und worin gerade nicht.

Wenn das nicht typisch schweizerisch ist? Matterhorn hinter Schweizer Fahne.
Wenn das nicht typisch schweizerisch ist? Matterhorn hinter Schweizer Fahne.
Foto: Getty Images

In letzter Zeit lese ich im Zusammenhang mit den Abstimmungen, von links bis rechts, das oder jenes sei «unschweizerisch». Ich weiss beim besten Willen nicht, was damit gemeint ist oder was ich mir dann unter dem Begriff «schweizerisch» vorstellen soll. Können Sie mir da auf die Sprünge helfen? T.A.

Liebe Frau A.,

Abba sischer dat, wie man in Köln zu sagen pflegt; und zwar mithilfe von Wittgensteins Sprachphilosophie der «Philosophischen Untersuchungen». «Die Bedeutung eines Wortes», schreibt er dort, «ist sein Gebrauch in der Sprache.» Wie wir Wörter und Sätze gebrauchen, ist wiederum Teil dessen, was Wittgenstein ein «Sprachspiel» nennt. Bedeutungen sind also nichts, was unveränderlich ausserhalb der Sprache existiert, sie werden durch die soziale Aktivität des Sprechens hergestellt.

In unseren Fall heisst das: Wir müssen nicht in metaphysischen Tiefen nach der WIRKLICHEN Bedeutung des Wortes «schweizerisch» graben, also nach dem, was die Seele unseres Volkes im Innersten ausmacht und zusammenhält. Es reicht völlig, zu schauen, wie das Wort und sein Antonym, das «Unschweizerische», gebraucht werden. Früher hiess «unschweizerisch» so viel wie «Moskau einfach» – es war ein rechter Kampfbegriff gegen alles, was nicht stramm bürgerlich war.

Etwas wie die Light-Version eines Unwortes wie «undeutsch», nicht ganz so vollständig indiskutabel übel zwar, aber doch anrüchig genug. Mit «schweizerisch» wurden ahistorische eidgenössisch vaterländische Tugenden aus der Urzeit des Rütlischwurs beschworen. Dieser Gebrauch ist nicht verschwunden; aber es gibt seit einiger Zeit eine Umdeutung dieses Adjektivs von links. (Ähnlich wie bei der Verwandlung des Schimpfworts «schwul» in eine Selbstbezeichnung.)

Ich halte nicht sehr viel davon, einen alten «Jargon der Eigentlichkeit» (Adorno) durch einen neuen zu ersetzen.

Dabei ist nun mit «schweizerisch» das republikanische, demokratische, rechtsstaatliche Erbe der Bundesverfassung von 1848 gemeint und mit «unschweizerisch» das, was diesem Erbe widerspricht. In diesem Sinne konnte man zum Beispiel die Verweigerung des Stimmrechts für Frauen als «eigentlich unschweizerisch» brandmarken. Oder man kann argumentieren, dass der sogenannte Neoliberalismus «eigentlich» ein Verrat an liberalen Schweizer Werten darstellt, die man nicht der FDP überlassen darf, so wenig wie das «Volk» der SVP.

Man wendet also den bisherigen Gebrauch der Wörter gegen diesen selbst. Man spielt also nicht mehr nach den Regeln des alten Sprachspiels, sondern schafft ein neues. Man unterläuft dadurch eine etablierte Deutungshoheit durch einen neuen Deutungsanspruch, der zum Beispiel so etwas wie einen «linken Patriotismus» ermöglicht. Ich halte nicht sehr viel davon, einen alten «Jargon der Eigentlichkeit» (Adorno) durch einen neuen zu ersetzen, aber so läufts eben.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tamedia.ch

34 Kommentare
    Rove Zoegla

    1. Typisch schweizerisch ist, die Korruption in anderen Ländern zu verurteilen, wobei bei uns wahrscheinlich alle in irgend einer Art kleine Korrupte sind.

    2. Schweizerisch ist auch, sein Land an den Höchstbieter zu verkaufen und dann die entstehenden Umstände zu reklamieren (allerdings mit gefülltem Beutel).

    3. Unschweizerisch zu sein ist nicht möglich, weil siehe oben.

    4. Rassistisch kann nichts dabei sein, da es die Rasse Schweizer nicht gibt.