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Analyse zum US-DealWas jetzt mit Tiktok passiert

Donald Trump lässt Walmart und Oracle bei der beliebten Video-App einsteigen. Mit einer einmaligen Drohkulisse wollte er die App Chinas Einflusssphäre entreissen – doch die chinesischen Eigentümer bleiben an Bord.

Der Streit um Tiktok, den US-Präsident Donald Trump angezettelt hat, ist wohl entschieden.
Der Streit um Tiktok, den US-Präsident Donald Trump angezettelt hat, ist wohl entschieden.
Foto: Keystone

Am Samstag hat der Mann, der anhand der App mit den lustigen Videos ein sehr ernstes Exempel an der Grossmacht China statuieren will, ein Ende des Dramas verkündet. Er habe den «Deal» zwischen Tiktoks chinesischer Mutter Bytedance und den US-Konzernen Oracle und Walmart abgesegnet, sagte US-Präsident Donald Trump. «Wenn die Unternehmen es zustande kriegen, ist das grossartig, wenn nicht, ist es auch in Ordnung.»

Verschwindet die App aus den Stores?

Formell steht die Zustimmung des Komitees für ausländische Investitionen der US-Regierung noch aus, die Unternehmen gehen aber offensichtlich davon aus, dass sie wie vereinbart zusammenarbeiten werden. Tiktok erklärte: «Wir freuen uns sehr, dass das gemeinsam von Tiktok, Oracle und Walmart erarbeitete Angebot die Sicherheitsbedenken der US-Regierung ausräumt und die Zukunft von Tiktok in den USA sichert.» Walmart erklärte, vier von fünf Verwaltungsratsmitgliedern des neuen Unternehmens würden US-Amerikaner sein, darunter Walmart-CEO Doug McMillon.

Trump erliess im August Dekrete, die Tiktok in den USA verbieten, sollte Bytedance die App nicht verkaufen. Mit der jetzigen Einigung wird Tiktok nun doch nicht aus den grossen US-App-Stores von Apple und Google geworfen, wie es die US-Regierung am Freitag angeordnet hatte. Dank Trumps Zustimmung bleibt die App auch für Amerikaner verfügbar, das Tiktok-Verbot für die App-Stores wurde vorerst um eine Woche verschoben.

Für Nutzerinnen und Nutzer in Europa bleiben damit auch die Profile von US-Tiktokern verfügbar. Am Samstag entschied eine US-Richterin zudem, dass auch die chinesische Multifunktions-App Wechat vorerst verfügbar bleiben muss. Auch gegen sie hatte sich ein Dekret von Trump gerichtet.

Die 16-jährige  US-Amerikanerin Charli D’Amelio ist mit 88 Millionen Followern die meistgefolgte Person auf Tiktok. Ihr Profil bleibt für Schweizer Userinnen und User weiter einsehbar.
Die 16-jährige US-Amerikanerin Charli D’Amelio ist mit 88 Millionen Followern die meistgefolgte Person auf Tiktok. Ihr Profil bleibt für Schweizer Userinnen und User weiter einsehbar.
Foto: Instagram

Was sind die nächsten Schritte?

Der Streit um Tiktok ist ein einmaliger Vorgang. Die USA zerschlagen faktisch eine international operierende Technologiefirma unter Verbotsdrohungen und zwingen sie, zu einem US-Unternehmen zu werden. So dürfte Trump die neue Konstruktion jedenfalls verkaufen.

Der Plan, auf den sich die Unternehmen unter hohem politischen Druck geeinigt haben, sieht so aus: An einem neuen Unternehmen namens Tiktok Global mit Sitz in den USA sollen der Technologiekonzern Oracle 12,5 Prozent, die Einzelhandelskette Walmart soll 7,5 Prozent halten. So viele Anteile können sie exklusiv kaufen, bevor das Unternehmen an die Börse geht. Bytedance behält 80 Prozent der Anteile. In China gibt es die App Tiktok nicht.

Bytedance plant, das Unternehmen mit 60 Milliarden Dollar zu bewerten, wie Bloomberg unter Berufung auf einen Insider berichtet. Demnach müssten Walmart und Oracle zwölf Milliarden Dollar zahlen.

Was ist mit den Daten?

Die Daten der US-amerikanischen Nutzer würden in der Folge von Oracle gehostet, also verwaltet und geschützt. Damit ist den Forderungen der US-Regierung, die Daten vor dem Zugriff Chinas zu schützen, offensichtlich Genüge getan.

Die US-Regierung hat keine Beweise vorgelegt, dass Tiktok seine User ausspioniert hat.

Unklar ist, was mit den Daten von Millionen Nutzern aus Europa und anderen Staaten passiert. Tiktok hatte erst vor Kurzem den Bau eines Datenzentrums in Irland bekannt gegeben, in dem Daten europäischer Nutzer gespeichert werden sollen. Aktuell würden die Daten in den USA und in Singapur gespeichert, erklärt eine Sprecherin des Unternehmens auf Anfrage. Tiktok arbeite dort «mit Datenzentren von etablierten Anbietern».

Zwar erlauben chinesische Gesetze es dem kommunistischen Staat, auf Daten von einheimischen Unternehmen zuzugreifen, die US-Regierung hat allerdings keine Beweise vorgelegt, dass Tiktok-Nutzer tatsächlich über die App ausspioniert werden. Bytedance hatte ohnehin immer behauptet, Tiktok sei keine chinesische Firma, die Holding sitze schliesslich auf den Cayman-Inseln.

Smartphone-Userinnen in Shanghai: In China ist Tiktok nicht verfügbar, dort wird eine chinesische Version der App namens Douyin genutzt.
Smartphone-Userinnen in Shanghai: In China ist Tiktok nicht verfügbar, dort wird eine chinesische Version der App namens Douyin genutzt.
Foto: Keystone

Kaum ein Unternehmensverkauf in den vergangenen Jahren war derart politisiert worden. Im Zuge ihrer Handelssanktionen gegen China hatte die US-Regierung nicht nur chinesische Technologiefirmen aus ihren Mobilfunk- und Datennetzen verbannt, sondern auch Verbündete gedrängt, dasselbe zu tun. China blockiert grosse US-Plattformen wie Google und Facebook seit Langem.

In der Schweiz wird die App vom Datenschutzbeauftragten überprüft. «Aufgrund der bisherigen uns bekannten Informationen, haben wir keine Hinweise über eine datenschutzwidrige Datenbearbeitung der App Tiktok», sagt Hugo Wyler, Leiter Kommunikation des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB). Man habe eine direkte Ansprechstelle im Unternehmen.

Hat Trump seine Ziele erreicht?

Die US-Regierung will mit dem Deal auch ein Filetstück der chinesischen Tech-Wirtschaft einverleiben: Tiktok als rasant wachsendes soziales Netzwerk, das mit Hunderten Millionen Nutzern den US-Plattformen Facebook und Instagram Konkurrenz macht, sollte amerikanisch werden.

Chinesische Investoren behalten 36 Prozent der Anteile.

Ursprünglich hatte sich der Präsident dagegen ausgesprochen, dass Bytedance Mehrheitseigner von Tiktok bleibt. So sieht das Endergebnis aber wohl nicht ganz aus, auch wenn der US-Präsident noch am Samstag erklärte, Tiktok Global werde «eine brandneue Firma» sein, die nichts mit China zu tun haben werde. In der werden aber die alten Eigentümer mitspielen. Der chinesische Gründer Zhang Yiming und andere chinesische Investoren kämen über ihre Anteile an Bytedance auf insgesamt 36 Prozent an Tiktok Global, europäische Investoren sollen der New York Times zufolge weitere elf Prozent halten.

Ob Trump sein Ziel erreicht hat, Tiktok komplett zu amerikanisieren, ist also fraglich. Besonders, da ihn Abgeordnete von Demokraten und Republikanern mit Forderungen nach noch schärferen antichinesischen Sanktionen vor sich hertreiben.

Allerdings kann sich Trump die nun geplante Eigentümerstruktur einfach schönrechnen: Zählt man die bisherigen amerikanischen Bytedance-Investoren sowie nun Walmart und Oracle zusammen, kommt man der New York Times zufolge auf mehr als 50 Prozent «US-amerikanischer» Anteile. Das lässt sich im Sinne einer patriotischen Wahlkampfstrategie besser verkaufen.

Der Hauptsitz von Oracle in Redwood City, Kalifornien.
Der Hauptsitz von Oracle in Redwood City, Kalifornien.
Foto: Keystone

Zu der passt auch, dass das neue «Tiktok Global» nach Texas ziehen soll. Tiktok hat versprochen, dort – bis zu einem unbekannten Zeitpunkt – 25'000 Stellen zu schaffen. Das wären mehr als fünfmal so viele Angestellte wie das US-amerikanische Social-Media-Unternehmen Twitter beschäftigt.

Was hat Oracle davon?

«Bloomberg» zufolge gewährt Bytedance Oracle vollen Zugang zum Quellcode der App. Das US-Unternehmen könne so überprüfen, ob sogenannte «Hintertüren» eingebaut sind. Das sind gezielt eingebaute Sicherheitslücken in der Software, durch die zum Beispiel ein Geheimdienst Nutzer ausspionieren könnte.

Die Regierung in Peking hatte sich ein Vetorecht für den Verkauf von Tiktoks Algorithmus gesichert.

Diese Abmachung genügt offensichtlich auch der Regierung in Peking, die sich vor Kurzem noch mit einem Algorithmen-Export-Gesetz ein Vetorecht für einen Verkauf von Tiktoks Herzstück eingeräumt hatte: dem Algorithmus, der entscheidet, welche Videos ein Nutzer sieht.

Er erkennt die Inhalte der Bilder selbstständig. Seine Fähigkeit, selbstständig zu lernen, gilt als besonders effektiv und als wichtiger Grund, dass Teenager so viel Zeit in der App verbringen. Oracle darf nun zwar den Programmcode der App prüfen, aber Bytedance kontrolliert weiterhin den Empfehlungs-Algorithmus für die Videos.

Mit 4,8 Millionen Followern ist die 18-jährige Bernerin Noemi Nikita die Schweizerin mit den meisten Anhängern auf Tiktok.
Mit 4,8 Millionen Followern ist die 18-jährige Bernerin Noemi Nikita die Schweizerin mit den meisten Anhängern auf Tiktok.
Foto: Instagram

Oracles Einstieg in das Wettbieten hatte die Branche überrascht. Konzernchef Larry Ellison gilt zwar als einer der Tech-Unternehmer, die Donald Trump offen unterstützen, während dieser Jeff Bezos' Amazon und Mark Zuckerbergs Facebook regelmässig verbal attackiert. Doch das Unternehmen – gegründet 1977 – gilt als altmodischer Technologiekonzern, der vor allem Hard- und Software an Unternehmen verkauft. Mit Unterhaltungstechnik für Teenager hatte der Konzern bislang nichts zu tun.

Nun wird das Unternehmen die Abermillionen Videos von Tiktok-Nutzern in den USA am Laufen halten. Die brauchen Speicher- und Rechenkraft, und die wird Oracle zur Verfügung stellen. Mit dem prominenten Kunden Tiktok als Referenz hofft Ellison, zu den Marktführern auf dem Cloud-Markt – Amazon, Google und Microsoft – aufzuschliessen.

3 Kommentare
    Martin Eggenberger

    Ach, Amerika hatte doch nur Angst, dass China etwas über die Nutzer weiss, dass die amerikanischen Geheimdienste allenfalls nicht wissen könnten. Wunderbar zu wissen, dass nun die Daten in China UND Amerika landen. Das gibt dem Nutzer nun doch gleich ein viel besseres Gefühl!