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Analyse zu Kulturanlässen Was können wir von Salzburg lernen?

Das Sicherheitskonzept der Festspiele war strikt, und es hat funktioniert. Im kulturellen Alltag wäre es allerdings kaum realisierbar.

Auf der Bühne kann man Distanz halten, im Orchestergraben nicht: Richard Strauss’ «Elektra» bei den Salzburger Festspielen.
Auf der Bühne kann man Distanz halten, im Orchestergraben nicht: Richard Strauss’ «Elektra» bei den Salzburger Festspielen.
Foto: PD

110 Veranstaltungen, ingesamt 76’500 Zuschauer, und nur ein einziger positiver Virus-Test Anfang Juli, noch vor dem Festivalauftakt: Die Salzburger Festspiele haben ihre Corona-Bilanz mit Erleichterung veröffentlicht. Von einer «Sensation» war die Rede, und fast ging vergessen, dass diese Sensation noch eine provisorische ist. Die letzte Aufführung ist eben erst vorbei, wirklich aufatmen wird man in zehn Tagen, wenn sicher ist, dass nicht zum Schluss doch noch ein Superspreader im Publikum sass. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass alles gut gegangen ist, scheint hoch.

Kultur kann also stattfinden: Dieses Signal sei «das vitalste, stärkste und wesentlichste», das man mit der Durchführung der Festspiele in die Welt gesendet habe, schreibt Intendant Markus Hinterhäuser dazu. Tatsächlich war das Interesse am Salzburger Experiment enorm. Aber was das Signal für den Kulturbetrieb wirklich bedeutet, wird sich noch zeigen müssen. Denn das Sicherheitskonzept, das während der Festspiele funktioniert hat, lässt sich nur bedingt auf den regulären Saisonbetrieb übertragen.

Beim Publikum entsprachen die Sicherheitsmassnahmen zwar ungefähr jenen, welche die Theater und Konzerthäuser auch anderswo entwickelt haben. Maskenpflicht, Abstand zwischen den belegten Plätzen, Unterteilung in Sektoren, keine Pausengastronomie (oder noch besser: gar keine Pausen). Diese Kombination scheint mit disziplinierten Zuschauern – und vielleicht auch ein bisschen Glück – tatsächlich Sicherheit zu bieten.

Die Wiener Philharmoniker verbrachten die Salzburger Festspiele sozusagen in Kollektivhaft.

Komplizierter ist die Situation auf der Seite der Kunst. Die findet zwar inzwischen vielerorts wieder statt, in coronatauglichen Formaten: da ein Kammermusikkonzert, dort ein Freilichttheater.

Aber die Salzburger Festspiele boten auch, was es sonst derzeit nirgends gibt. Grosse Oper nämlich, zum Beispiel Strauss’ «Elektra» – ein Werk, bei dem sich 107 Musikerinnen und Musiker in den Orchestergraben quetschen. Die Wiener Philharmoniker mussten deshalb Einschränkungen auf sich nehmen, die für ein paar Festspielwochen zumutbar sein mögen, aber kaum auf Dauer. Wöchentlich wurden sie getestet, Aussenkontakte mussten sie auf ein Minimum reduzieren.

Schachbrettartige Sitzordnung mit freien Plätzen im Grossen Festspielhaus.
Schachbrettartige Sitzordnung mit freien Plätzen im Grossen Festspielhaus.
Foto: Keystone

Sie verbrachten die Festspiele also sozusagen in freiwilliger Kollektivhaft. Wenn sie nun wieder zu Hause sind bei ihren Familien, mit Kindern, die in die Schule gehen, mit Partnern, die in Grossraumbüros arbeiten: Dann ist dieses Konzept selbst bei bestem Willen und grösster Opferbereitschaft nicht durchzuhalten.

Die guten Nachrichten aus Salzburg dürften in der Kulturszene deshalb nur gedämpften Optimismus hervorrufen: Zumindest der Opernbetrieb wird in nächster Zeit riskant bleiben. Spielen die Orchester wie üblich im Graben, sind entweder nur klein besetzte Werke möglich – oder man muss damit rechnen, im Falle einer Infektion die ganze Belegschaft in Quarantäne zu schicken.

Der Mut der Verzweiflung

Grosse Bühnen wie die Pariser Opéra oder die New Yorker Met bleiben deshalb weitere Monate oder auch gleich die ganze Saison geschlossen. Wer startet, tut es entweder mit angepasstem Programm, mit dem Mut der Verzweiflung – oder mit einem innovativen Konzept wie jenem des Zürcher Opernhauses, das sein Orchester aus dem riesigen Proberaum am Kreuzplatz zuschalten wird.

Bis man eine «Elektra» wieder mit der früheren Selbstverständlichkeit aufs Programm setzen kann, wird es trotz der Erfolgsmeldung aus Salzburg noch länger dauern.