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Kolumne von Milo RauWas man beim Sturm aufs Capitol hätte besser machen können

Sorry, aber es muss gesagt sein: Mehr Dramatik hätte der Erstürmung gutgetan. Mehr Feuer, mehr Kampf und Rauch.

«Sturm auf den Reichstag»: Aktion des Schweizer Theatermachers Milo Rau am 7. November 2017 in Berlin.
«Sturm auf den Reichstag»: Aktion des Schweizer Theatermachers Milo Rau am 7. November 2017 in Berlin.
Foto: Keystone

Im Jahr 2017 liess ich das deutsche Parlament als Kunstaktion stürmen. Deshalb werde ich, wird ein Regierungsgebäude von Demonstranten angegriffen, nach meiner Meinung gefragt – so natürlich auch nach den Ereignissen in Washington. Aber beim Sturm aufs Capitol kommt noch ein weiterer, fast unheimlicher Aspekt dazu. Ich probe gerade in Genf an Mozarts historischer Oper «La Clemenza di Tito». Das letzte Werk des Salzburgers, anlässlich der Krönung des österreichischen Kaisers uraufgeführt, dreht sich um einen Staatsstreich – und der Höhepunkt ist tatsächlich die Erstürmung des Capitol. Weshalb ich mich im Folgenden frage: Was hätte man in Washington anders machen können?

Dramaturgie

Sorry, aber es muss gesagt sein: Mehr Dramatik hätte der Erstürmung gutgetan. Mehr Feuer, mehr Kampf und Rauch. Die majestätische Treppe zum Capitol wurde choreografisch schlecht genutzt, wobei hier die Schuld bei der Staatsmacht liegt. Ganz anders als bei der BLM-Demonstration im Sommer hatte die Polizei sich nicht in langen Kampfreihen auf den Stufen aufgestellt, sondern kam sogar zu spät zur Vorführung. Das Gleiche auf der Ebene des Textes: An Parolen, die über übliche Beschimpfungen, QAnon- oder Kekistan-Flaggen hinausgegangen wären, mangelte es. Auch wenn nun alle über die Vorbereitungen des «Putschs» auf Telegram reden: Es war ein Sturm ohne Plan und ohne kämpferische Poesie. Und vom Martial-Arts-Aspekt her war der Angriff aufs Capitol, man muss es leider sagen, nicht mehr als ein Ausverkaufsgedrängel.

Deutungsoffenheit

Als Kind fragt man sich: Warum kann man Träume sehen, obwohl man doch im Schlaf die Augen zuhat? Und manchmal gibt es solche Momente, in denen man die Augen weit offen hat und doch nicht glauben kann, was geschieht. Ein solcher Moment war die Erstürmung des Washingtoner Capitol vergangene Woche: surreal und echt, effektiv und doch völlig sinnlos zugleich. Die Bilder, die dabei entstanden – der Schamane mit den Hörnern, die als Wikinger, Milizionäre oder Konföderierte verkleideten Bikerclubs –, waren auf seltsame Weise gewöhnlich und standen doch in bester surrealistischer Tradition. Ein gutes Kunstwerk ist deutungsoffen, lernt man im Kunstgeschichtsseminar. Was will uns der Horn-Mann sagen? Warum mischten sich die Rednecks mit Avantgardemusikern wie Ariel Pink oder John Maus? Warum Hipster-Leggins neben Ledermonturen? Follow the White Rabbit – aber wohin? Es wurde in Washington, um mit Luis Buñuel zu sprechen, «ein Film geschaffen, der nichts symbolisiert und keine Erklärungen zulässt».

Figuren und Kostüm

Ultimativer Karneval: Demonstranten im Capitol.
Ultimativer Karneval: Demonstranten im Capitol.
Foto: Keystone

Das war zweifellos das stärkste Department beim Sturm in Washington. In der Oper ist normalerweise für die Inszenierung von Massenszenen wenig Zeit, obwohl sie das Schwierigste sind: Man muss die Waage halten zwischen Kollektiv-Aktion und einzelnen besonders skurrilen Charakteren. In den Gängen des Capitol wurden die wohl unvergesslichsten Bilder jener Implosion der amerikanischen Kultur geschossen, für die die Trump-Ära steht. Und ich spreche nicht nur vom mittlerweile global berühmten Trash-Schamanen Jake Angeli mit den Büffelhörnern. Der Sturm aufs Capitol war insgesamt ein Tanz der Symbole, ein ultimativer Karneval des Realen. Rechtsradikale, sezessionistische und frei schwebende Verschwörungs-Items konkurrierten miteinander. Als Indianer verkleidete Hillbillys fraternisierten mit Grossstadt-Dandys in Kapuzenpullovern, muskulöse Fahnenschwinger posierten an der Seite von Vorstadtspiessern, die aufpassten, schön auf den Teppichen zu gehen. Um es mit den Worten von Michael Moore zu sagen: Es war «das grösste Fuck You aller Zeiten». Respekt!

Höhepunkt

Bei Massenevents wie Tanzshows, bei Musicals oder im Zirkus gibt es eine Regel: Es ist egal, was zwischendurch passiert, solange das Ende hinreissend ist. Man kann auch mal die Pferdchen im Kreis laufen lassen, schlechte Clowns in die Manege schicken, das Orchester muss nicht alle Töne treffen, und es darf auch irgendwie alles zu lang sein. Egal: Die letzten zwei Nummern, die letzten fünfzehn Minuten entscheiden über das Gefühl, das beim Zuschauer zurückbleibt. Und hier lag das fundamentale Problem der Washingtoner Performance. Wie man ins Capitol kommt, war klar und trotz aller Längen spannend. Aber was passiert, wenn man drin ist? Vielleicht ist das Bild des Mannes, der sich auf Nancy Pelosis Ledersessel wie im ultimativen Country-Club räkelt, in der Nase bohrt und endlos Selfies schiesst, das ikonischste Bild eines verfehlten Höhepunkts. Man sagt, ein eifriger Sturmtrupp habe sogar Kabelbinder dabeigehabt, um besonders unbeliebte Abgeordnete abzuführen. Aber siehe da: Das Zentrum der Macht war leer. Und den Zuschauern wurde keine Kaiserkrönung oder immerhin die Verlesung einer neuen Verfassung serviert, sondern bloss eine Flut von Tweets voller Rechtschreibfehler.

Moral

Am Tag nach einer gescheiterten Revolte wird – siehe diese Kolumne – die Ethik und Ästhetik des Pöbels verspottet. Während die eher ernsten Kommentatoren von «Sakrileg» oder gar «Verrat» sprechen, gibt es auf ironischen Hipster-Seiten bereits Fake-Action-Figures vom Horn-Mann zu kaufen. Gleichzeitig offenbart die Aktion der Trump-Anhänger, wenn auch unabsichtlich, die Vulgarität der Macht selbst. In einem ultimativen brechtianischen V-Effekt zeigt uns der Nasenbohrer, der sich im Sessel der Kongressvorsitzenden räkelt, die Kaiserin ohne Kleider. Nancy Pelosis Lederthron, der verzierte Holzschreibtisch und die ganze pseudoantikisierende Louis-Quatorze-Ästhetik des Capitol sehen plötzlich tatsächlich aus wie ein überdimensionierter Country-Club.

Die Bühne der Demokratie wirkt, besichtigt vom Horn-Mann und seinen Kumpels, nur noch protzig und feudal, seltsam leblos und hohl. Oder mit einem Wort: trumpianisch. Und das ist dann wohl auch die Moral aus der Geschichte: Die amerikanische Demokratie ist im Innersten kontaminiert durch die vergangenen Jahre. Und ja, so scheint mir nach Abzug der Horden, vielleicht ist sie auf lange Zeit hinaus sogar zerstört. Würde, Harmonie, Ausgleich, diese republikanischen Tugenden sind im Sturm der Lügen untergegangen. Oh, poor city upon the hill!

5 Kommentare
    Jakob Schneeberger

    Milo Raus Kolumne hat mir immer wieder ein Schmunzeln entlockt. Ja, das sinnlose Theaterstück namens „Sturm aufs Capitol“ war eine schlechte Inszenierung. Kaiser Donald Nero Trump hätte da etwas Besseres, Dramatischeres verdient.