«Wauti, da wot eine use»

Autor Jonas Lüscher erlebt die Armee als Feier der Dummheit und Ignoranz. Heute ist er ihr dennoch dankbar.

Der Schweizer Buchpreisträger Jonas Lüscher, 42, wurde als Truppenkoch ausgehoben.

Der Schweizer Buchpreisträger Jonas Lüscher, 42, wurde als Truppenkoch ausgehoben.

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Lange habe ich mein Dienstbüchlein nicht mehr in den Händen gehalten, lebe ich doch nun seit bald 20 Jahren im Ausland. Meine liebste Armeeanekdote, mit der ich gelegentlich deutsche Freunde erheitere, hat genau mit diesem Auswandern zu tun. Im Frühjahr 2000 habe ich das Kreiskommando Bern aufgesucht, um die Schweizer Armee von meinem anstehenden Umzug nach Deutschland in Kenntnis zu setzten.

Es wurde mir dort von einem Beamten schnell klar gemacht, dass ich nicht in Kenntnis zu setzen, sondern zu ersuchen hätte; und überhaupt, wie lange ich denn vorhabe, ins Ausland zu gehen? Ich wüsste es noch nicht, gab ich zur Antwort, eventuell für immer. Daraufhin griff der Mann wortlos zum Telefon – in meiner Erinnerung ist es ein ochsenblutrotes Wählscheibentelefon – und sprach, als die Verbindung zustande kam, folgenden unvergesslichen Satz: «Wauti, da wot eine use.»

Jener Wauti hat mir dann kulanterweise, nach erfolgter Vorauszahlung von zwei Jahren Militärersatzpflicht, die Genehmigung zum Auslandsurlaub erteilt – so stehts in meinem Dienstbüchlein. Die Dauer hat er, mit einem Federstrich, auf unbestimmt markiert.

Die Anwesenheit einer Rekrutin war eine tägliche Provokation

Meine 9 Diensttage als waffenloser Truppenkoch in einem unterirdischen Militärspital in Moudon hab ich da in weit weniger heiteren Erinnerung. Ich hatte eben das Lehrerseminar abgeschlossen, ein Ort, an dem wir viel darüber nachgedacht hatten, wie man am besten mit jungen Menschen umging, welche Umgangsformen wünschenswert waren und welche Verhaltensweisen für Gruppen oder die Gesellschaft im Allgemeinen problematisch seien. Eine Art nachzudenken, von der man in Moudon nicht viel hielt.

Überhaupt schien mir, dass man auf dem Waffenplatz wenig vom Nachdenken hielt, und die Umgangsformen widersprachen all meinen Idealen, nach denen ich geplant hatte, mein vor mir liegendes Berufsleben zu gestalten. Der Küchenchef spielte in der Küche Neonazi-Rock und wusste, als ich ihn bat, das auszumachen, offensichtlich gar nicht, wo das Problem lag. Eine Rekrutin – schon ihre blosse Anwesenheit war mir eine tägliche Provokation, schliesslich war sie freiwillig an diesem Ort – war ganz eifrig dabei, den Rekruten das Tenü zu richten.

Unser Vorgesetzter – war es ein Zugführer? –, im Zivilleben Apotheker, war so offensichtlich und so in jeder Hinsicht weit davon entfernt, eine Führungsfigur zu sein, und man wurde den bösen Verdacht nicht los, dass er seinen Rang dazu nutzte, die täglichen Kränkungen, die ihm im Privatleben widerfuhren, zu kompensieren. Kurz, es war eine unerträgliche Stimmung, eine scheussliche Art des Zwischenmenschlichen, eine Feier der Dummheit, der Ignoranz und des schlechten Charakters.

Ich gebe zu, dass ich mein Leiden am Armeeleben bei meinen täglichen Besuchen beim Waffenplatzpsychiater eventuell etwas übertrieben habe, dies aber im Bewusstsein, dass ich, sollte mir nicht bald der Absprung gelingen, bald nicht mehr zu übertreiben brauchte. Der Mann hatte nach 9 Tagen ein Einsehen und schickte mich nach Hause. Einige Monate später entschied eine Kommission, dass es für alle Beteiligten besser sei, wenn man mich nicht mehr aufbieten würde, und vermerkte diesen Entscheid mit dem Befund «2680 NM» in meinem Büchlein.

Das NM steht dabei für Nosologia Militaris, der Code 2680 für «psychosomatischer Fall». Ich bin bis heute dankbar, dass die Mitglieder der Kommission, die über meinen Fall zu entscheiden hatten, ganz offensichtlich nie Joseph Hellers Roman «Catch 22» gelesen hatten, wird doch dort dem amerikanischen Bomberpiloten Yossarián die von ihm beantragte Fluguntauglichkeit wegen Wahnsinns mit der Begründung verwehrt, es sei doch angesichts des Kriegsgeschehens wahnsinnig, nicht wahnsinnig zu werden, er also, der sich selber als wahnsinnig bezeichne und tatsächlich Symptome von Wahnsinn zeige, völlig normal und ergo vollkommen diensttauglich.

Zwei Dinge haben mich beim Blick in mein Dienstbüchlein erstaunt. Zum einen die Berufsbezeichnung «Werber», die mich an ein Intermezzo in einer Herrenschwandener Agentur erinnert hat. Zum anderen der Vermerk, dass ich bei meiner Aushebung nur 64 Kilo gewogen haben soll.

Nein, man kann nicht behaupten, dass ich gute Erinnerungen habe, aber für eines bin ich der Armee dankbar: Sie hat mich politisiert. Oder vielmehr der Versuch ihrer Abschaffung. Die GSoA-Initiative hat mich als Dreizehnjähriger zum ersten Mal für die direkte Demokratie begeistert, und zum ersten Mal hatte ich mich, obwohl noch ohne Stimmrecht, für ein politisches Anliegen eingesetzt.

Erstellt: 28.07.2019, 20:58 Uhr

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