Am Ende ankommen

Die Sozialpädagogin Nicole Friedli trainiert mit verhaltensauffälligen jungen Frauen das alltägliche Leben. Der Erfolg steht und fällt mit der Beziehung, die sie zu ihnen aufbaut.

Nicole Friedli (37) betreut junge Frauen, in deren Leben vieles schief gelaufen ist.

Nicole Friedli (37) betreut junge Frauen, in deren Leben vieles schief gelaufen ist. Bild: ZVG

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Nicole Friedli führt schwierige Aufträge aus: Sie sorgt für die «Legalbewährung» und «Resozialisierung» von jungen Frauen. Vereinfacht gesagt heisst das: Sie begleitet Jugendliche im Alter zwischen vierzehn und achtzehn, in deren Leben bisher vieles schief gelaufen ist. Die Sozialpädagogin arbeitet im Jugendheim Lory in Münsingen. Die Institution ist dem Amt für Justizvollzug des Kantons Bern angegliedert und bietet Wohnraum für 28 junge Frauen. Wer dort platziert wird, hat eine zivil- oder strafrechtliche Massnahme und verbringt die ersten zehn Wochen meist auf der geschlossenen Abteilung. Tatsache ist: Das Jugendheim Lory ist für viele Betroffene die letzte Station: «Die Jugendlichen haben häufig mehrere Platzierungen mit negativem Verlauf hinter sich», erklärt Nicole Friedli. Die Probleme seien vielschichtig: «Drogen, Gewalt, zerrüttete Verhältnisse».

Die Zukunft planen

Das Jugendheim Lory ist eine von drei Institutionen in der Schweiz, die eine geschlossene Abteilung für weibliche Jugendliche führt. Das Angebot umfasst auch zwei halbgeschlossene und eine offene Wohngruppe. «Das ermöglicht eine Entwicklung in Phasen, sodass eine realistische Zukunftsplanung gelingen kann», erklärt Nicole Friedli. Dieser Weg ist alles andere als einfach. «Viele Jugendliche hatten vor ihrem Eintritt keinen geregelten Tagesablauf und die Absenz von der Schule ist ein grosses Thema», so die Sozialpädagogin. Im Jugendheim Lory werden die Klientinnen deshalb individuell an den Schulalltag herangeführt. Ergänzend arbeiten die jungen Frauen in internen Ateliers und Betrieben.

Den Alltag gestalten

Nicole Friedli engagiert sich seit sechs Jahren im Jugendheim Lory. Eingestiegen ist die ehemalige kaufmännische Angestellte als «Miterzieherin». 2013 startete sie mit der Ausbildung an der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule in Bern (BFF) und konnte zwischenzeitlich ihr Diplom als Sozialpädagogin HF entgegennehmen. Die 37-Jährige hat die Ausbildung berufsbegleitend gemacht. «Alles andere hätte sich mit meiner Rolle als vierfache Mutter nicht vereinbaren lassen», bemerkt sie. Wenn sie jeweils ihren Dienst auf der halbgeschlossenen Wohngruppe beginnt, stehen Aufgaben an, die auf Anhieb unspektakulär klingen: gemeinsames Mittagessen oder das Erledigen von Haushaltsarbeiten. Es sind jedoch genau diese simplen Dinge, die den jungen Frauen das Leben schwer machen. «Sie müssen lernen, einen geregelten Alltag zu bestreiten», sagt Nicole Friedli.

In Kontakt treten

Die Sozialpädagogin ist als Bezugsperson für zwei Jugendliche zuständig. Sie führt Einzelgespräche und entwickelt mit ihnen persönliche Ziele. Die Kooperation gelingt nicht immer, da sich die Klientinnen unfreiwillig im Jugendheim Lory aufhalten. Im Fachjargon spricht man von «Zwangskontext». Nicole Friedli bezeichnet Erziehungsarbeit deshalb als «Beziehungsarbeit» und betont, dass diese das A und O der sozialpädagogischen Tätigkeit sei. Auf der Wohngruppe trainieren die jungen Frauen auch den Umgang mit ihren Mitbewohnerinnen. Probleme und Konflikte werden in den wöchentlichen Gruppensitzungen diskutiert. «Die Jugendlichen entwickeln dabei soziale Kompetenzen», sagt die Fachfrau.

Den Standort bestimmen

Nicole Friedli mag ihren dynamischen Berufsalltag. «Die Jugendhilfe im Justiz­bereich hat mich schon immer angesprochen», sagt sie. «Meine Klientel fordert mich heraus.» Dazu zählen nicht nur die jungen Frauen, sondern auch deren Eltern und Beistände sowie zuweisende Stellen und Kostenträger. Mit ihnen steht die Sozialpädagogin in regem Kontakt. Alle drei Monate findet eine Standortbestimmung statt. Manchmal muss sie auch Niederlagen einstecken. «Es kommt vor, dass Jugendliche ausreissen oder dass die Massnahme in Form eines anderen Settings weitergeführt wird.» Auch das Scheitern gehöre zu ihrem Beruf, meint Nicole Friedli.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.berufsberatung.ch/sozialpädagogik, www.bildung-schweiz.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2018, 15:38 Uhr

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