Imkerin

«Der Bienen-Virus hat mich voll erwischt»

Heidi Meyer zählt zum überschaubaren Kreis der Schweizer Berufsimkerinnen und -imker. Bei einem Besuch auf ihrem Hof in Buchenloo spricht sie über ihre beruflichen Herausforderungen und erklärt, wie es ist, mit der Bienenzucht seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Heidi Meyer setzt bei ihrer Zucht auf möglichst sanftmütige Bienen.

Heidi Meyer setzt bei ihrer Zucht auf möglichst sanftmütige Bienen. Bild: pmo

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nur etwas mehr als einen Steinwurf von der Grenze nach Deutschland entfernt fliegen die Bienen von Heidi Meyer über die saftig grünen Hügel des Weilers Buchenloo im zürcherischen Wil. In einem Umkreis von wenigen Kilometern betreut sie an sechzehn Standorten ziemlich genau 200 Bienenvölker. Sie ist eine Rarität, zählt sie doch zu einer verschwindend kleinen Gilde. Wie viele Berufsimkerinnen und -imker es im Land gebe, lasse sich nur schwer beantworten, sagt die 50-Jährige. Sie geht aber von einigen Dutzend professionellen Imkern aus. «Von vielen weiss man es nicht. Andere machen es im Nebenerwerb.»

Ins Metier hineingerutscht

Sie selbst sei regelrecht ins Imkermetier hineingerutscht, als sie die Bienen nach dessen Tod von ihrem Grossvater übernommen habe. «Ich habe diese Beschäftigung nicht gesucht, wurde dann aber voll vom Bienenvirus erwischt», erinnert sie sich mit einem Lachen. Nach zwei Jahrzehnten in ihrem angestammten Beruf als Konditorin und allein in einem grossen Bauernhaus lebend habe sie sich mit vierzig Jahren die Frage gestellt, ob es das gewesen sei. Der grosse Umschwung des Anwesens, auf dem heute zahlreiche Völker in Magazinen beheimatet sind, habe sich dabei als grosser Vorteil erwiesen.

Nachdem Meyer eine Beraterausbildung beim Imkerverband abgeschlossen hatte, konnte sie immer mehr Bienen übernehmen und wagte vor gut fünf Jahren schliesslich den Schritt in die Selbständigkeit. Bis dahin hatte sie mit dem Beruf als Konditorin zwei Standbeine. Ihren Entscheid bereut sie heute keine Sekunde. «Es war einfacher, als ich es mir vorgestellt habe. Viele Türen sind aufgegangen und es hat alles zusammengepasst.» Überrascht habe sie, wie sehr ihr die Selbständigkeit Freude mache. Die Arbeit als Imkerin sei saisonal ausgerichtet, konzentriere sich vor allem auf das Frühjahr und den Sommer. «Den Rest des Jahres kann man sehr gut einteilen.»

Es ist die Arbeit im Freien, das Zusammenspiel der Bienen mit der Natur. «Das zu beobachten, ist sehr spannend», spricht sie über ihre Motivation. An den Bienen selbst fasziniert sie das Zusammenspiel der Königin und der tausenden Arbeiterinnen. «Es sind halt viele Frauen, darum funktioniert es so gut», scherzt Meyer. Jede Biene habe ihre Aufgabe. Besonders wichtig sei ihr eine artgerechte Haltung, sagt die Bioimkerin. Viel Wert legt sie dabei auf die Zucht sanftmütiger Honigsammlerinnen. Nichtsdestotrotz kommt es hin und wieder vor, dass sie bei der Arbeit gestochen wird. «Pro Woche vielleicht zwei, drei Mal», gibt sie zu. Das gehöre aber dazu.

Höchste Bienendichte Europas

Die Berufsimkerin hat sich in den letzten Jahren laufend als Beraterin und Züchterin weitergebildet. Neu bestehe zudem auch die Möglichkeit, eine dreijährige Weiterbildung zu absolvieren, «der sogenannte eidgenössische Fachausweis», erklärt Meyer. Die ersten Abschlüsse wurden im vergangenen Jahr verliehen. Eine Berufslehre zur Imkerin oder zum Imker, wie sie in den Nachbarländern besteht, kennt man in der Schweiz hingegen nicht. «Wir haben die höchste Bienendichte in ganz Europa. Viele imkern nebenbei.» Das sei wohl auch der Hauptgrund dafür, warum es nur so wenige Vollberufliche im Metier gebe.

Gesundheit als Herausforderung

Wer sich den Sprung zum Berufsimker vorstellen könne, dem will Meyer nicht abraten, besonders wenn Mittel und Platzmöglichkeiten vorhanden seien. «Es braucht viel Idealismus und man wird nicht reich damit. Bei der Arbeit muss man zudem stets flexibel sein, weil die Arbeit jeden Tag Unvorhergesehenes mit sich bringt. Das macht die Arbeit spannend.» Die grösste Herausforderung sei das ständige Jonglieren mit der Bienengesundheit. Insbesondere die seit Jahrzehnten grassierende Varoa-Milbe könne Völkern in Kombination mit Bienenviren arg zusetzen und zum Verlust ganzer Bestände führen. Ständige Behandlungen und ein anhaltender Austausch unter den Imkern seien deshalb angesagt.

Ein weiterer Gefahrenherd stellt die landwirtschaftliche Nutzung von für Bienen schädlichen Pestiziden und Düngern dar. Hier müsste man laut Meyer noch viel strenger werden, auch wenn sich politisch zuletzt etwas bewegt habe. Dabei könne man bereits mit kleinen Schritten viel erreichen, etwa wenn nicht während der Flugzeit der Bienen gespritzt werde, sondern erst gegen Abend hin. Persönlich musste Meyer in den vergangenen Jahren auch bereits Giftattacken auf einzelne ihrer Stände sowie Diebstähle von Bienenvölkern hinnehmen. Unterkriegen lassen will sie sich dadurch aber nicht.

Königinnen im ganzen Land

Allein von der Honigernte, die bei Meyer gut zwanzig Kilogramm pro Volk beträgt und die sie unter anderem an den Detailhandel der Region absetzt, könnte Meyer ihren Lebensunterhalt indessen nicht bestreiten. Ein wichtiger Teil ihrer Tätigkeit stellt deshalb auch die Zucht von Königinnen und die Bildung von Jungvölkern dar. Einige hundert Königinnen und Jungvölker verkauft sie Jahr für Jahr in die ganze Schweiz. «Ich züchte möglichst vitale und resistente Bienen. Dabei will ich jedoch vom engstirnigen Züchten nach Rassen wegkommen», sagt sie. Für ihre Zucht nutzt sie sowohl Carnica- als auch Buckfastbienen, von denen letztere durch ihre orange Farbe gut zu erkennen sind. Ein nicht unwesentlicher Teil von Meyers täglicher Arbeit besteht inzwischen aus Beratungsgesprächen und der Wissensvermittlung, etwa beim Verkauf von Königinnen oder bei Degustationen. Zudem spielt das Unternehmerische bei Profiimkern eine grössere Rolle. «Vom Arbeiten mit den Tieren, der Gewinnung des Honigs bis hin zur Vermarktung braucht es deutlich mehr Anstrengungen, um zum Beispiel Grosskunden wie die Migros beliefern zu können.» Dabei gelte es auch, strenge Hygiene- und Lebensmittelvorschriften zu beachten, was wiederum Investitionen in Lokalitäten und Maschinen nach sich ziehe.

Die süsse Versuchung

Die Wahrnehmung der Bienenzucht und des Nutzens der kleinen fleissigen Arbeiterinnen stuft sie als sehr gut ein. Besonders der Film «More than Honey» des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof aus dem Jahr 2012 habe einen anhaltenden Boom nach sich gezogen. Die für Anfänger geeigneten Grundkurse seien sehr gefragt. Diese seien sehr wichtig. «Das Schlimmste, was man machen kann, ist es, ein, zwei Völker im Garten zu haben und sich alleine zu überlassen.» Meyer stellt aber auch fest, dass viele zwar die Wichtigkeit der Bienen erkennen würden, jedoch möglichst keine in ihrer Nähe haben wollen, sei dies aus Angst vor Stichen oder wegen der Verkotung von Wänden und Fenstern.

Heidi Meyer ist überzeugt, dass es trotz anhaltend schlechter Nachrichten über die Zukunft der Insekten wegen Krankheiten und Bedrohungen aller Art noch nicht fünf vor Zwölf sei. «Viele Idealisten schauen zu den Bienen und sorgen sich um ihr Wohl. Ich bin deshalb trotz teils grosser Ausfälle in den vergangenen Jahren nach wie vor positiv gestimmt.» Mit dem Honigkauf könne jeder Einzelne die Imkerei in der Schweiz und die Bestäubung im Land unterstützen, appelliert sie. Sie selbst rührt übrigens fürs Leben gerne mit dem Löffel im goldenen Brotaufstrich. Und im Winter stellt sie eine spezielle Honigpraline her. «Das ist wie eine Verbindung meiner beiden Berufe.»

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: https://www.bildung-schweiz.ch/topics/landwirtschaft

Erstellt: 09.05.2019, 10:05 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...