Der Mensch lässt sich nicht auf eine Zahl reduzieren

Intelligenztests werden im Internet zu Tausenden angeboten. Doch was ist eigentlich Intelligenz? Und wie misst man sie?

IQ-Wert. Der «Normalbereich» liegt zwischen 85 und 115.

IQ-Wert. Der «Normalbereich» liegt zwischen 85 und 115. Bild: Fotolia

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Gewisse Pädagogen fordern die «Matura für alle». Das wäre nur mit einer Senkung des Niveaus in den Gymnasien machbar, mit weitreichenden Folgen: Entweder müssten Universitäten neue Hürden aufstellen, etwa in der Form von Aufnahmeprüfungen; ein Maturitätszeugnis wäre dann nicht mehr die Eintrittskarte für die Uni. Oder noch mehr Uni-Studenten würden scheitern.

Viele Gymnasiasten haben zu tiefen IQ

Schon heute geht ein rundes Drittel aller Studierenden ohne Abschluss von der Uni ab. Den Grund dafür sieht Elsbeth Stern darin: «Im Gymnasium sind viele Kinder, die nicht dorthin gehören.» Ihre Untersuchungen hätten ergeben, sagt die Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, «dass etwa 30 Prozent der Gymnasiasten einen zu tiefen Intelligenzquotienten für diese Schulstufe haben». Denn oft sei die Herkunft statt der Fähigkeiten eines Kindes massgebend: «Wohlhabende Familien leisten sich für ihre Kinder eine intensive Prüfungsvorbereitung oder später vielleicht durch die ganze Gymnasialzeit Nachhilfeunterricht.» Stern fordert deshalb für den Eintritt ins Gymnasium neben der Aufnahmeprüfung einen Intelligenztest. Doch was ist das eigentlich, die Intelligenz und der Intelligenzquotient? Und wie ermittelt man sie? Einfach gesagt ist Intelligenz der Grad der kognitiven Kapazität eines Menschen, das heisst sein Vermögen, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten, zu verknüpfen und daraus vernünftige Handlungsweisen abzuleiten. Doch es gibt keine allgemein akzeptierte Begriffsbestimmung, im Gegenteil: Definitionen von Intelligenz werden immer komplexer und verzettelter. Trotzdem wimmelt es von Intelligenztests, mit denen der Intelligenzquotient oder IQ einer Person ermittelt werden soll. Gemessen wird entweder das intellektuelle Leistungsvermögen im Allgemeinen oder aber innerhalb eines bestimmten Segments, zum Beispiel einer Altersgruppe. Alle Tests nehmen als Mittel der Gesamtbevölkerung oder der gesamten beurteilten Gruppe einen IQ-Wert von 100 an; der «Normalbereich» bewegt sich zwischen 85 und 115; rund zwei Drittel befinden sich innerhalb dieses Bereichs.

IQ nicht vergleichbar

Wer das Wort IQ googelt, erhält Millionen von Treffern; IQ-Tests können in beinahe unbegrenzter Zahl heruntergeladen werden. Ihre Anfänge nahmen diese Tests 1904, als Alfred Binet und Théophile Simon einen Fragenkatalog für jede Altersklasse von französischen Schulkindern formulierten und damit herauszufinden versuchten, ob ein Kind in seiner geistigen Entwicklung weiter oder weniger weit fortgeschritten war als der Durchschnitt seiner Altersgenossen. Die noch heute angewandte Einheit des IQ wurde rund zehn Jahre später vom deutschen Psychologen Wilhelm Stern entwickelt. Doch rasch wurde klar, dass das Ergebnis jedes IQ-Tests von den gestellten Fragen und vom Fragesteller abhängen. Die Vielzahl und Unterschiede der IQ-Tests beruhen auf verschiedenen Definitionen der Intelligenz; zudem können die Ergebnisse auch bei jedem Einzelnen von Test zu Test unterschiedlich ausfallen. Von «dem IQ» kann man mithin nicht sprechen. Wenn man bewundernd sagt, der und der habe einen IQ von 140, dann müsste man zuerst wissen, wie dieser Wert ermittelt worden ist. Und umgekehrt wäre es auch vermessen zu sagen, jemand mit einem in einem bestimmten Test erhobenen IQ von 123 sei klüger als jener, der «nur» 120 Punkte erreicht. Niemand lasse sich auf eine Zahl reduzieren, sagt die Psychologin Franzis Preckel, die sich der Hochbegabtenforschung angenommen hat. Die Professorin an der Universität Trier betont trotz aller Vorbehalte den Nutzen solcher Tests. Hingegen sei es von zentraler Bedeutung, dass jener, der den Test durchführt, «das bestmögliche Verfahren auswählt». Fachkenntnisse und ein Psychologiestudium seien unabdingbar. Gratistests aus dem Internet taugen also nichts. Man dürfe die Menschen zudem nicht auf eine Zahl reduzieren. «Aber wenn man die Ergebnisse in den Lebenskontext einer Person einbettet, dann sind Intelligenztests unverzichtbar», sagt Franzis Preckel.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch/allgemeinbildung (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.10.2018, 10:30 Uhr

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