Die Kaderschmiede der Wintersportler

Wer hier studiert, schlägt einen «schweren und steinigen Weg» ein. Dafür erhalten Athletinnen und Athleten aus den Wintersport-Disziplinen an der Sportmittelschule Engelberg ein massgeschneidertes Schul- und Trainingsprogramm.

Die Sportmittelschule Engelberg fördert Schneesporttalente.

Die Sportmittelschule Engelberg fördert Schneesporttalente. Bild: ZVG

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Das kleine Gebäude sieht aus wie eine Kapelle, war aber einst Engelbergs Feuerwehrlokal. Jetzt gehört es, umgebaut zum doppelstöckigen Trainingsraum, zur Schweizerischen Sport­mittelschule Engelberg (SSE). Turn­hallen, Trainings- und Krafträume sind auch in einer ehemaligen Sägerei des Klosters Engelberg eingerichtet. Zudem stehen zwei Unterrichts- und Internatsgebäude auf dem Campus der Schule, die von einer Stiftung getragen und durch eine Betriebs-AG geführt wird. Im Feuerwehrlokal trainieren junge Athletinnen, und wir treffen auch den Engelberger Skirennfahrer Marc Gisin, der die SSE ebenso besucht hat wie seine ältere Schwester Dominique, Abfahrts-Olympiasiegerin von Sotchi 2014, und die jüngere Schwester Michelle, Olympiasiegerin in der alpinen Kombination in Pyeongchang 2018.

Für Leistungswillige

Auf Anfrage lobt Dominique Gisin vor allem «das Zusammenspiel von Schule und Sport», dank dem sie heute auf den ETH-Abschluss hinarbeiten könne. Genau das, meint SSE-Geschäftsführer Eskil Läubli, sei der Sinn seiner 1994 gegründeten Schule: «Wir wollen jungen, leistungswilligen Menschen den optimalen Weg zwischen sportlichem Training und schulischer Bildung ermöglichen.» Angesprochen werden Sportlerinnen und Sportler aus den Bereichen Ski Alpin, Freeski, Snowboard-Freestyle und Nordisch (Biathlon und Langlauf). Seit 2004 ist die Sportmittelschule Engelberg von Swiss Olympic zertifiziert. Gut hundert Schülerinnen und Schüler absolvieren die SSE momentan; etwa neunzig von ihnen leben im Internat. Das schulische Angebot fasst Schulleiter Thomi Heiniger zusammen: achtes und neuntes Schuljahr der Orientierungsstufe, danach ein vier- oder fünfjähriges Kurzzeitgymnasium mit Schwerpunkt Wirtschaft und Recht und abschliessender Maturitätsprüfung oder alternativ eine kaufmännische Grundbildung mit EFZ-Abschluss. Das ganze Schulpensum muss in fünf Halbtage pro Woche gepackt werden. Die restlichen Stunden gehören dem Training, die Wochenenden während der Saison den Wettkämpfen. Trainer­innen und Trainer, Physiotherapeuten, weitere Betreuungspersonen und ein sportärztliches Netzwerk stehen zur Verfügung. 35 Leute sind insgesamt an der SSE tätig, bei einem Jahresbudget von vier Millionen Franken.

Ziele setzen, Druck aushalten

In Engelberg geht man «flexibel auf die Schüler ein», wie Geschäftsführer Läubli sagt. «Jeder Schüler ist ein Projekt», ergänzt Schulleiter Heiniger. Doch für die Aufnahme gibt es Hürden, die nur etwa vierzig Prozent der Bewerberinnen und Bewerber überwinden: Neben guten Schulnoten und der Empfehlung durch einen Sportverband müssen sie auch eine sportartenspezifische Aufnahmeprüfung bestehen. Auf sie wartet, so Läubli, «ein sehr schwerer und steiniger Weg. Sie müssen sehr früh Verantwortung übernehmen, sich selber Ziele setzen, Druck aushalten.» Ganz billig ist es ebenfalls nicht. Ein Teil des Schulgeldes wird von den Kantonen übernommen, aus denen die Schüler stammen. Selber bezahlen müssen die Studierenden bzw. ihre Eltern hingegen 13 980 Franken im Jahr für das Internat. Hinzu kommen Kaderbeiträge an die Verbände und Kosten für externe Trainingstage. Ein Ausbildungsjahr eines künftigen Spitzenathleten kommt so auf 20 000 bis 35 000 Franken zu stehen. Dass die Sportmittelschule Engelberg eine echte Talentschmiede ist, beweisen die Erfolge aktueller und früherer Schülerinnen und Schüler: Freeski Slopestyle-Gesamtweltcupsieg 2016 und 2018 von Andri Ragettli; Weltmeistertitel von Fabian Bösch an der Freestyle WM 2015; fünfzehn Teilnehmende an den Olympischen Spielen 2014; sechzehn in Pyeongchang 2018, wo Wendy Holdener drei Medaillen herausfuhr, Denise Feierabend und Michelle Gisin je eine Goldmedaille und Mathilde Gremaud eine silberne im Slopestyle; Nils Hintermann, der 2017 den Weltcupsieg in der Kombination am Lauberhorn holte und so weiter. Ebenso wichtig wie die sportlichen sind die schulischen Resultate. Auch Dominique Gisin war es dank der SSE möglich, neben der Sportkarriere die Matura zu absolvieren. In ihrem Fall führte diese, wie sie es nennt, «wertvolle Lebensschule» zum Physikstudium und zu einer vielversprechenden beruflichen Laufbahn: Im Oktober wird die 33-Jährige ihre Funktion als Direktorin der Stiftung Schweizer Sporthilfe aufnehmen.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.sportmittelschule.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2018, 15:39 Uhr

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