Wissenschaft

Die Sprachspürnase

Die forensische Linguistin Annina Heini analysiert Sprachmuster, um Hinweise auf die Identität von Straftätern zu finden. Denn wer einen Erpresserbrief schreibt oder mit einem fremden Handy SMS verschickt, gibt immer etwas über sich selbst preis.

Forensische Linguisten untersuchen z. B. Sprachmuster in Erpresserbriefen, um Rückschlüsse auf die Identität des Schreibers zu erlangen.

Forensische Linguisten untersuchen z. B. Sprachmuster in Erpresserbriefen, um Rückschlüsse auf die Identität des Schreibers zu erlangen. Bild: Fotolia

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Zwei Dinge begleiten die Bernerin Annina Heini von Kindesbeinen an. Das eine ist ein detektivischer Spürsinn, den sie schon früh an den kleinen Rätseln des Alltags schärfte: Zusammen mit Nachbarskindern gründete sie ein Detektivbüro und erforschte etwa, wer ein bestimmtes Fahrrad geklaut hatte oder woher die Scherben stammten, die sie in der Turnhalle gefunden hatten. Noch heute zählen «Die drei ???» zu ihren liebsten Hörspielen. Die andere früh entfachte Leidenschaft ist die Liebe zur englischen Sprache. Sie begann mit Frühenglisch, was sie über ein Anglistikstudium an der Universität Bern ans Centre for Forensic Linguistics an der Aston University in Birmingham führte, wo sie heute forscht und unterrichtet.

Fleissiger Schreiber

Forensische Linguistik beschäftigt sich mit Sprache in Gesetzestexten, rechtlichen Verfahren sowie Beweismitteln. Forensische Linguistinnen und Linguisten untersuchen zum Beispiel Sprachmuster in Erpresserbriefen, um Rückschlüsse auf die Identität des Schreibers zu erlangen. Während ihres Studiums arbeitete Annina Heini am Profil einer Person, die in England seit über zwanzig Jahren fast täglich beleidigende Briefe verschickt und immer noch nicht gefasst werden konnte. Aufgrund der Sprache in den Briefen konnte sie Rückschlüsse auf das Alter, den Bildungsstand und das Geschlecht der Person ziehen. Konkret werden darf sie nicht, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

Forensische Linguistinnen und Linguisten klären auch die Urheberschaft von Nachrichten. Sie stellen zum Beispiel fest, ob SMS-Nachrichten tatsächlich von der Person stammen, unter deren Namen sie versandt werden. Denn es kommt vor, dass ein Täter nach einem Verbrechen SMS verschickt, um das Umfeld des Opfers oder die Polizei zu täuschen. Die Sprachprofis analysieren Sprachmerkmale wie individuelle Schreibweisen, Abkürzungen, Satzzeichen oder die Verwendung von Emojis, um zu erkennen, ob beziehungsweise wann sich der Schreibstil ändert.

Sie werden auch beigezogen, wenn ein Kind im Internet an einen Pädophilen gerät und die Polizei an seiner Stelle den Chat weiterführen will. Sie zeigen den Mitarbeitenden der Polizei, worauf sie achten müssen, damit sie genau wie das Kind klingen, unter dessen Namen sie schreiben. Um den Täter zu fassen, ist grösste Sorgfalt nötig: «Pädophile rechnen damit, dass sich auf einmal eine Polizistin oder ein Polizist als ihr virtuelles Gegenüber ausgeben könnte. Deshalb achten sie sehr genau auf dessen Sprache. Beim geringsten Verdacht brechen sie den Chat ab», sagt Annina Heini.

Gemeinnützig in San Quentin

Die 26-Jährige hofft, nächstes Jahr ihre Doktorarbeit zur Sprache in Verhören und Geständnissen abschliessen zu können. Dem Thema möchte sie danach treu bleiben, jedoch auf der anderen Seite des Atlantiks. «Im amerikanischen Rechtssystem spielen Geständnisse eine wichtige Rolle. Deshalb werden sie zuweilen erzwungen. Indem ich Audioaufnahmen von Interviews und Verhörprotokollen analysiere, kann ich mögliche falsche Geständnisse identifizieren», sagt Annina Heini.

Am liebsten wäre ihr eine Postdoc-Stelle in Nordkalifornien, denn dort befindet sich das Gefängnis San Quentin. Die gemeinnützige Bildungsinitiative «Prison University Project» ermöglicht es dessen Insassen, einen Universitätsabschluss zu erlangen. Heini möchte sich am ehrenamtlichen Unterricht beteiligen und so dazu beitragen, dass die Häftlinge nach ihrer Freilassung eine Chance auf ein erfolgreiches Leben in Freiheit haben. «Ich bin in einem privilegierten Land aufgewachsen. Dank des guten Zugangs zu Bildung kann ich einer spannenden Arbeit nachgehen und an internationalen Kongressen teilnehmen. Ich würde gerne jenen etwas zurückgeben, die nicht aus privilegierten Verhältnissen stammen», erklärt sie.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch/topics/forensik

Erstellt: 30.01.2019, 10:09 Uhr

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