Schulpsychologie

«Es gibt kein perfektes Kind»

Ein Gespräch mit Matthias Obrist, dem Kinder- und Jugendpsychologen und Leiter des Schulpsychologischen Diensts der Stadt Zürich, über die Stolpersteine des Erwachsenwerdens, und warum uns das alle etwas angeht.

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Matthias Obrist, Sie sind Vater dreier Kinder. Haben Ihnen Ausbildung und Erfahrung als Kinder- und Jugendpsychologe geholfen, ein guter Vater zu sein?

Eigentlich wenig. Elternschaft ist wie Auswandern: Man bereitet sich darauf vor, lernt in einem Kurs die Landessprache, informiert sich über die Menschen, die dort leben, deren Bräuche und Mentalität. Wenn man aber dort ankommt, ist dann doch alles anders.

Wie kann es in diesem «Neuland» dennoch funktionieren?

Indem Eltern ihre Erwartungen und die Realität in Einklang bringen und Frieden schliessen mit den Gegebenheiten. Einerseits gibt es kein perfektes Kind, und anderseits lebt jede Familie in einem ganz bestimmten Umfeld. Beispielsweise tragen andere Kinder und deren Eltern, Verwandten und Nachbarn dazu bei, dass die Weichen so oder anders gestellt werden. Oder, um es mit einem bekannten afrikanischen Sprichwort auszudrücken: «Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind grosszuziehen.»

Somit sind wir bei der Rolle der Gesellschaft. Wie würden Sie diese heute beschreiben?

Die Gesellschaft hat die Aufgabe, gute Rahmenbedingungen für die Erziehung zu schaffen. Alleinerziehen­de, berufstätige Mütter und Väter, Patchworkfamilien – sie alle benötigen Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Tagesschulen zum Beispiel. Man kann nicht alles nur mit gutem Willen erreichen.

Warum sind gute Rahmenbedingungen so wichtig?

Im Alter zwischen vier und elf Jahren, also in der Phase von Kindergarten und Volksschule, lernen Kinder alles, was der Gesellschaft später zugutekommt wie Kompromissfähigkeit, den Umgang mit Konflikten oder die Bedürfnisse der anderen zu erkennen. Eine gute Lebenssituation ist dabei für die Entwicklung der Kinder wichtig, und damit auch für die mentale Gesundheit der ganzen Gesellschaft.

Welche sind denn die Enwicklungsbereiche, die für Kinder und Jugendliche besonders herausfordernd sind?

Im Primarschulalter sind dies Selbstständigkeit, der Platz in der Gruppe und die schulischen Fertigkeiten. Im Jugendalter geht es um die Findung der eigenen Identität, wer und was man sein möchte – und vor allem, was nicht.

Stolpersteine gehörten schon immer zum Erwachsenwerden, könnte man sagen. Was ist heute anders?

Die Probleme sind um einiges komplexer geworden. Emotionale Befindlichkeiten sind stärker und werden öfters nach aussen getragen als früher. Es gibt heute mehr Wahlmöglichkeiten, sein Leben zu gestalten. Gleichzeitig hat sich das Tempo der gesellschaftlichen Veränderungen beschleunigt. Das Individuelle wird betont, die Ansprüche des Einzelnen haben zugenommen. Auch das Bedürfnis der Eltern, ihre Kinder zu schützen und nur das Beste für sie zu tun, ist stark angestiegen. Kinder müssen jedoch ihre eigenen Erfahrungen machen können, auch negative. Gleichzeitig werden Autoritäten in Frage gestellt und Grenzen verschoben. Eltern sind heute zwar kompromissbereiter und toleranter. Dies ist zweifelsohne positiv zu werten. Grenzen setzen ist aber notwendig, weil sie auch Orientierung bieten.

Was passiert, wenn es in der Schule nicht mehr rund läuft?

Lehrpersonen suchen zuerst immer das Gespräch mit den Eltern und umgekehrt, das hat erste Priorität. Wenn dabei Unklarheiten und Unsicherheiten entstehen, so können sie sich, mit dem Einverständnis der Eltern, auch an den Schulpsychologischen Dienst wenden. Die Eltern können uns aber auch direkt kontaktieren. Unsere Aufgabe ist es dann, die Situation sorgfältig und umfassend abzuklären und aufgrund dessen Massnahmen zu empfehlen. Dabei ist zu beachten, dass jedes Kind und jede Situation anders ist. Sich in jede neue Situation hineinzuversetzen, Vertrauen zu schaffen und eine Beziehung herzustellen, dies sind wichtige Aufgaben der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen.

Wie gelingt das?

Es sind nicht grosse Taten, sondern kleine, wirksame Drehmomente, die häufig vieles wieder zum Guten wenden können. Zum Beispiel, wenn wir es schaffen, dass alle Beteiligten wieder miteinander reden und sich gemeinsam für das Wohl des Kindes einsetzen. Auch hier gilt: «Gut genug» ist das neue «perfekt».

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch

Erstellt: 27.06.2019, 09:07 Uhr

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