Falle Praktikum oder doch eher nicht

Praktika sind vor allem im sozialen Bereich immer wieder umstritten. Doch manchmal sind sie auch sinnvoll.

Gerade Kinderkrippen werden häufig kritisiert, Praktikanten als billige Arbeitskräfte einzusetzen.

Gerade Kinderkrippen werden häufig kritisiert, Praktikanten als billige Arbeitskräfte einzusetzen. Bild: Shutterstock

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In der Schweiz nimmt die Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse zu. Gemäss der Arbeitskräfteerhebung 2017 des Bundesamtes für Statistik hatte im letzten Jahr jeder Zwölfte einen Arbeitsvertrag mit Ablaufdatum. Bei den jungen Leuten zwischen 15 und 24 Jahren schnellt dieser Anteil auf fast einen Viertel – vor allem wegen der Zunahme der Praktikumsstellen. Während es 2010 in dieser Alterskategorie noch 22 000 Angestellte mit einem Praktikumsvertrag gab, waren es 2017 bereits 33 000. Das entspricht einer Zunahme um fünfzig Prozent.

Kinderkrippen unter behördlicher Beobachtung

Gleichzeitig geniessen Praktika nicht überall den besten Ruf. Vor allem Kinderkrippen werden immer wieder kritisiert, billige Arbeitskräfte als Praktikantinnen und Praktikanten einzusetzen. Erst kürzlich haben deshalb die schweizerischen Sozial- und Volkswirtschaftsdirektoren angekündigt, «insbesondere private Kitas, Berufe der Kleinkindererziehung sowie private Altersheime unter erhöhte behördliche Beobachtung» zu stellen. Und sie konkretisieren auch, was unter sogenannten «Pseudopraktika» zu verstehen ist: Weder wird eine angemessene Betreuung mit Lernzielen gewährleistet, noch steht eine Lehrstelle im Anschluss an das Praktikum in Aussicht. Damit ist auch klar, dass die Politiker nur eine Sorte von Praktika im Visier haben: Nicht gemeint sind Schnupperpraktika von bis zu vier Wochen, in denen es um eine Eignungsabklärung geht. Ebenso wenig fallen obligatorische Ausbildungspraktika darunter, wie sie in zahlreichen Ausbildungen, beispielsweise an Fachmittelschulen enthalten sind. Auch Praktika zur Behebung von Bildungsdefiziten gehören nicht in diese Kategorie.

Mindestlohn bei Einführungspraktika

Erhöhte Vorsicht ist bei «Einführungspraktika» geboten, wenn sie keinen er- kennbaren Sinn haben und schlecht bezahlt sind. Im Kanton Bern hat die kantonale Arbeitsmarktkommission festgelegt, dass in Einführungspraktika bei maximal 42 Wochenstunden ein Mindestlohn von 3000 Franken bezahlt werden muss und dass das Praktikum maximal sechs Monate oder bei garantierter Lehrstelle ein Jahr dauern darf. Es wäre aber verfehlt, Praktika wegen vereinzelter Problembereiche generell zu verteufeln. «In Medien wird zwar viel von der ‹Generation Praktikum› berichtet, aber Tatsache ist, dass Praktika dank der gewonnenen Arbeitserfahrung oft in Festanstellungen münden», sagt Philipp Dietrich, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Berufsberatung bei der Zürcher Bildungsdirektion. Auch eine Anfrage für diesen Artikel beim Staatssekretariat für Bildung in Bern wurde von einer Praktikantin entgegengenommen. «Ich habe Kommunikationswissenschaften an der Universität Zürich studiert und sehe das Praktikum als optimalen Einstieg in die Berufswelt. Acht Monate meines Praktikums sind vergangen und ich konnte bereits eine Festanstellung finden», sagt Jasmin Odermatt auf Rückfrage.

Praktika sollen Chancen auf Berufseinstieg erhöhen

Wegen der Kritik in den letzten Jahren haben insbesondere Institutionen im sozialen Bereich begonnen, Branchenempfehlungen herauszugeben. So weist der Verband der Behinderten-Institutionen Insos seine Mitglieder darauf hin, längere als vierwöchige Schnupperpraktika seien nur anzubieten, «wenn sie die Chance auf einen Berufseintritt erhöhen». Der Lohn solle im Minimum einem «Lehrlingslohn bei Ausbildungsbeginn» entsprechen und für das Praktikum seien Lernziele zu definieren. Generell geht aus den meisten Richtlinien auch hervor, dass einem Praktikanten frühzeitig mitgeteilt werden soll, wenn er für einen Berufseintritt als ungeeignet beurteilt wird. Und der Zürcher Berufsbildungs­experte Philipp Dietrich weist darauf hin, dass zu viele und zu lange Praktika in einem Lebenslauf zur Hypothek werden können, «weil dies bei den Rekrutierenden Fragen aufwirft und Skepsis weckt». Normalerweise erhöhen erfolgreich abgeschlossene Praktika die ­Chan­cen auf dem Arbeitsmarkt. Insbesondere bei Absolventen theoretischer Ausbildungen kommen erste Praxiserfahrungen im Berufsfeld gut an. «Praktika können sinnvoll sein beim Einstieg in die Berufswelt, aber ebenso bei einer Wiedereingliederung nach längerer Absenz oder zur Überbrückung einer Erwerbslosigkeit», fasst Dietrich zusammen.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiter führende Informationen: bildung-schweiz.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2018, 15:35 Uhr

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