Reaktoroperateure

Hoch konzentriert im Kommandoraum

Sie sorgen für einen sicheren und reibungslosen Ablauf in Kernkraftwerken. Ein angehender und ein lizenzierter Reaktoroperateur geben Auskunft über ihre anspruchsvolle Arbeit in Leibstadt.

Die beiden Fachmänner Christian Binkert und Dominik Birchmeier trainieren im Simulator des Kernkraftwerks Leibstadt.

Die beiden Fachmänner Christian Binkert und Dominik Birchmeier trainieren im Simulator des Kernkraftwerks Leibstadt. Bild: pmo

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die meisten kennen Kernkraftwerke (KKW) nur aus der Ferne, mit ihren dampfenden Kühltürmen, die wie gigantische Schornsteine in den Himmel ragen. Tatsächlich ist ein Eintritt in den überwachten Bereich einer solchen Anlage nicht ohne weiteres möglich, wie ein Besuch im KKW Leibstadt zeigt. Sicherheitskontrolle mit Handflächenscan und Röntgencheck inklusive. Dahinter eröffnet sich dem Laien ein Einblick in eine äusserst komplexe Technikwelt, in der auf einer Fläche von nur gerade vier Fussballfeldern Strom für zwei Millionen Haushalte produziert wird. «Obwohl ich jetzt seit vier Jahren hier arbeite, lerne ich immer noch jeden Tag dazu», sagt Christian Binkert (35) im Gespräch. Der gelernte Elektriker hat in Leibstadt die Ausbildung zum Anlageoperateur abgeschlossen und bereitet sich nun auf die Prüfung zum Reaktoroperateur vor.

Schon etwas länger im Werk beschäftigt ist Reaktoroperateur Dominik Birchmeier (47), der sich aktuell zum Schichtleiter weiterbildet. Er ist einer von insgesamt 530 Mitarbeitenden, darunter gut 30 Reaktoroperateure, allesamt Männer. «Nicht wenige sind erstaunt, wenn sie erfahren, wie viele Menschen hier arbeiten. Die Klimmzüge, die bei der Stromproduktion nötig sind, sind schon faszinierend.» Gespräche über seinen Arbeitsort stossen laut Birchmeier meist auf positive Reaktionen. Häufig komme aber auch die Frage, ob man sich nicht Gefahren aussetze. «Radioaktivität schürt Ängste, weil sie mit blossem Auge nicht fassbar ist. Dabei geht oft vergessen, dass man etwa beim Wandern in den Bergen auf natürliche Strahlung trifft oder sich bei einem Computertomogramm einer Dosis aussetzt, die weit höher ist als die Jahreswerte in einem KKW.»

Kaum Zeit für Kaffeepausen

Reaktoroperateure haben die Anlage vom Kommandoraum aus im Blick. Glaubt man der Zeichentrickserie «Simpsons», lagern sie dafür wie Homer Simpson die Füsse hoch und trinken Kaffee. «Das Gegenteil ist der Fall. Je nach Schicht kommt man kaum einmal dazu, einen Kaffee zu trinken», betont Birchmeier. Neben der Überwachung führen Reaktoroperateure laufend Systemtests durch, übernehmen die Koordination bei Reparaturarbeiten oder stehen für den Fall einer Betriebsstörung bereit. Dazu arbeiten sie auch ausserhalb der Zentrale und kontrollieren einzelne Systeme in der Anlage. Je nach Zone gilt dafür bei der Arbeit eine andere Garderobe, die vom Overall bis hin zum Schutzanzug mit Fremdbelüftung reicht. Letzterer sei allerdings nicht die Regel und werde nur bei Spezialarbeiten benötigt, erklären die beiden Fachleute. Die anspruchsvolle Ausbildung zum Reaktoroperateur dauert rund vier Jahre und beinhaltet neben der Theorie auch praktische Trainings im Simulator – einer Ein-zu-eins-Nachbildung des Kommandoraums. «Wir lernen dort den sicheren und fehlerfreien Betrieb», beschreibt Binkert. Voraussetzung ist ein Abschluss als Anlageoperateur, wofür eine Erstausbildung in maschinen- oder elektrotechnischer Richtung benötigt wird. Neben der Freude an Technik sind Team­fähigkeit, eine hohe Konzentrationsfähigkeit und eine akribische Arbeitsweise gefragt. Und die Bereitschaft zur Schichtarbeit, schliesslich wird rund um die Uhr Strom produziert. Neue Arbeitskräfte werden von externen Spezialisten vorgängig auf Herz und Niere geprüft – auch psychologisch. Binkert etwa musste im Rahmen eines Assessments unter anderem eine halbe Stunde lang ununterbrochen auf einen Bildschirm schauen, bis sich die Farbe eines Kreises änderte, erzählt er lachend.

Atomausstieg kein grosses Thema

Im Schnitt werden in Leibstadt pro Jahr vier bis sechs neue Reaktor- und Anlageoperateure eingestellt. Die Nachfrage sei da, die Jobs begehrt, heisst es seitens KKW. Die meisten Mitarbeitenden des Werks stammen aus der Region, mit einigen wenigen Ausreissern. Birchmeier dazu: «Ein Extrembeispiel ist ein Mitarbeiter meines Schichtteams. Er hat Familie in Usedom an der Ostsee und reist regelmässig heim.» Das sei wegen der Schichtarbeit gut möglich: Auf eine Woche Nachtschicht folgen jeweils fünf freie Tage. Und trotz des in der Schweiz geplanten Ausstiegs aus der Kernenergie – aktuell ist angedacht, dass das KKW Leibstadt im Jahr 2045 vom Netz geht – sehen Binkert und Birchmeier gute Jobperspektiven in ihrem Arbeitsfeld. Der Ausstieg sei kein grosses Thema, man arbeite nach vorne, lautet der Tenor.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch/topics/technik

Erstellt: 14.11.2019, 14:40 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Geldblog Lohnt sich eine PK-Einzahlung?

Sweet Home Gar nicht süsse Rezepte mit Zimt und Datteln

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...