Umsteiger

Käse statt Krawatte

Franz Scherrer hat jahrelang in der Versicherungsbranche gearbeitet. Mit 46 Jahren beschloss er, noch etwas Neues zu wagen. Zusammen mit seiner Frau Beatrice übernahm er ein kleines Quartierlädeli in Winterthur Töss.

Der Käse ist sein berufliches Glück: Franz Scherrer führt heute einen kleinen Quartierladen.

Der Käse ist sein berufliches Glück: Franz Scherrer führt heute einen kleinen Quartierladen. Bild: Claudia Peter

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Glückskäse, Pilgerkäse und Bärlauch-Brie liegen in der Vitrine, Bio-Rüebli in einem Körbchen davor, ökologische Putzmittel im vollbepackten Regal auf der anderen Seite des kleinen, getäferten Raums, neben verschiedenen Packungen Guetzli, Teigwaren, Kaffee und Konfitüre. «Chäs Scherrer» in Winterthur Töss ist ein typisches Quartierlädeli. Geführt wird es von Franz und Beatrice Scherrer, welche den Laden als Mittvierziger als neue Herausforderung übernahmen. Franz Scherrer ist das, was man einen Umsteiger nennt. Er hat 25 Jahre lang in der Versicherungsbranche gearbeitet, bei der Suva, nachdem er dort nach dem Gymnasium eine Lehre gemacht hatte. Alles deutete darauf hin, dass er dort bis zu seiner Pensionierung bleiben würde, er hatte Verantwortung, Freiheiten, bildete junge Leute aus. Nebenbei war er politisch tätig, im Gemeinderat Winterthur, während Ehefrau Beatrice sich um den Haushalt und die drei Kinder kümmerte. Dass er einst Joghurt, Kartoffeln und Milch bei fremden Personen in die Kühlschränke räumen würde, hätte Scherrer nie gedacht. Und auch nicht, dass er von seinem sicheren Job in eine so unsichere Branche wie den Detailhandel umsteigen würde. Und doch ist er heute überglücklich über diese Wendung in seinem Leben und die Freiheiten und Herausforderungen, die damit einhergehen.

Von Tuten und Blasen keine Ahnung …

«Als unsere Buben alle Teenager waren, wollte Beatrice wieder arbeiten. Und die damaligen Betreiber des Quartierlädelis suchten jemanden als Aushilfe», erzählt Scherrer. So hat ihre Geschichte mit dem Lädeli begonnen. Damit seine Frau ihr Pensum etwas aufstocken konnte, hatte Scherrer versucht, seinerseits zu reduzieren. Bei der Suva war das nicht möglich, er sah jedoch eine Stelle im Sekretariat der katholischen Kirche ausgeschrieben. «Wieso nicht nochmals etwas Neues probieren?», sagte er sich, bewarb sich, erhielt die Stelle und kündigte bei der Suva. Bereits ein Jahr später suchten die Betreiber des Ladens eine Nachfolge. «Beatrice liebte ihre Arbeit. Und mich hat es gereizt, hier zusammen und selbstständig etwas aufbauen zu können.» Weder Kühlketten noch Warenpräsentation waren ihm gross ein Begriff. Auch hatte er keine Erfahrung mit Hauslieferdiensten oder der Vorbereitung von Käseplatten. «Es waren natürlich Lehrjahre, die uns viel abverlangten», sagt der heute 62-Jährige lachend. Vorher ein Alltag mit geregelten Arbeitszeiten, gab es nun so viel zu tun, dass die Scherrers mit acht Stunden pro Tag nicht durchkamen. Ein Vorteil war, dass mit der Ladenübernahme gewisse Strukturen und Prozesse schon etabliert waren. «Wir konnten bereits auf ein Lieferantennetzwerk zugreifen, hatten einen Kundenstamm», erzählt Scherrer. Zudem habe es geholfen, dass er sich dank seiner Stelle bei der Suva mit Sozialversicherungen gut auskannte. Die Betriebsführung sei dadurch schnell leichtgefallen.

Soziales Engagement als wichtige Mission

Das Lädeli weiterzuführen, verstand Scherrer aber nicht nur als Abwechslung nach einem Vierteljahrhundert in der gleichen Branche. Soziales Engagement hat ihn als Politiker ein Leben lang begleitet. Daher sah er im Lädeli eine Möglichkeit, diese Berufung weiterzuleben. Als Lehrlingsausbildner gibt Scherrer in seinem Betrieb jenen Jugendlichen die Möglichkeit, in der Berufswelt Fuss zu fassen, die es sonst schwierig hätten. «Wir haben Lehrlinge, die vorher zum Teil noch zu keinem einzigen Bewerbungsgespräch eingeladen worden sind, wegen ihrer schulischen Leistung oder ihrer Sozialkompetenz.» Im familiären Rahmen des kleinen Betriebs und eng begleitet von den Scherrers haben bislang alle Jugendlichen einen guten Abschluss erreicht. Nicht zuletzt deshalb ist Scherrer nach siebzehn Jahren in der Selbstständigkeit – trotz des kleineren Einkommens und trotz der höheren Arbeitszeit – glücklich über diesen Schritt. «Das ist das Schönste an dem, was wir hier machen», freut er sich, «Zu sehen, wie wir im Kleinen viel bewirken können, wie wir ganz konkret Menschen eine Chance bieten können.»

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch

Erstellt: 27.06.2019, 08:57 Uhr

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