Digital Natives

«Okay, ich mache mal diese Lehre und schaue dann, worauf ich Lust habe»

Die heutigen jungen Arbeitnehmenden und Lernenden - die Digital Natives - sind im Berufsalltag mit verschiedenen Schwierigkeiten und Vorurteilen konfrontiert. Professorin an der Berner Fachhochschule Andrea Gurtner nimmt Stellung.

Bild: Adobe Stock

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Es kursieren etliche Vorurteile über die heutigen jungen Arbeitnehmenden, Digital Natives genannt, die sich aus der Generation Y (geb. ca. von 1980 bis 1998) und der Nachfolgegeneration Z (geb. von 1998 bis heute) zusammensetzen. So soll die Generation Y unter anderem anspruchsvoll, fordernd und undankbar sein und keine Lust auf Arbeit haben. Und die Generation Z wird mitunter als abgeklärt, unsicher, halt- und orientierungslos beschrieben.

Andrea Gurtner, was ist an diesen Vorurteilen dran? Sie sprechen zu Recht von Vorurteilen. Ich finde es generell kritisch, einzelnen Individuen allgemeingültige Eigenschaften zuzuschreiben. In Studien haben wir Verhalten und Ansprüche der jüngeren Generationen untersucht. Es ging darum herauszufinden, wie die jungen Arbeitnehmenden ticken und was Arbeitgebende ihnen bieten müssen, um attraktiv zu sein. Nun kann man die Ergebnisse so oder so auslegen – negativ oder positiv. Zum Beispiel der Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit: Ein Arbeitgeber kann den Wunsch als Faulheit interpretieren. Er könnte darin aber auch einen Vorteil für sich sehen, nämlich dass die Qualität für seinen Betrieb womöglich steigt, wenn junge Leute ein breites Spektrum an Interessen mitbringen. Aus meiner Sicht handelt es sich bei den vermeintlich negativen Verhaltenszuschreibungen um Fehlinterpretationen.

Haben es Jugendliche nicht ungleich schwer angesichts der heute beinahe unbegrenzten Möglichkeiten bei der Berufswahl? Die vielen Möglichkeiten können überfordern und es kann auch schwierig sein, eine gute Lehrstelle zu finden. Andererseits hat man früher eine Lehre gemacht und meist bis zur Pensionierung auf diesem Beruf gearbeitet. Heute ist für viele Jugendlichen klar, dass die Lehrzeit ein Einstieg ist und sie danach während ihres Berufslebens höchstwahrscheinlich noch andere Tätigkeiten ausüben werden. Ein Jugendlicher kann heute sagen: «Okay, jetzt mache ich mal diese Lehre und schaue dann, worauf ich nachher Lust habe.»

Das lässt die Vermutung aufkommen, dass Lernende ihre Lehrzeit nicht mehr genügend ernst nehmen, weil wichtiger ist, was danach kommt. Wie steht es um die Arbeitsmoral und die Motivation der Jugendlichen? Arbeitgebende bieten heute auch keine Garantie mehr, die Lernenden nach der Lehrzeit weiterzubeschäftigen. Die Jugendlichen können alles geben und sich bewähren, und sich trotzdem nicht darauf verlassen, danach einen Job auf sicher zu haben. Massgeblich für die Motivation von Jugendlichen ist die Ausgestaltung der Lehrstelle. Hier sind die Arbeitgebenden gefragt: Wie gestalten sie die Ausbildung, wie betreuen und fördern sie die Lernenden, wie ernst nehmen sie die jungen Menschen. Für die Motivation junger Arbeitnehmender wichtig sind auch der Spass an der Arbeit, und ein gutes Team im Rücken zu haben.

Was glauben Sie, wie ticken die Digital Natives im Allgemeinen im Gegensatz zu älteren Generationen? Obwohl 1:1-Vergleiche der älteren und jüngeren Generationen schwierig sind, zeigt sich, dass die Grundwerte bei allen die gleichen sind. Sowohl die älteren wie auch die jüngeren Arbeitnehmenden erwarten Freude an der Arbeit, Sinnhaftigkeit, Getragenwerden vom Team … Bei der jüngeren Generation wichtiger ist heute bestimmt die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben – sie will mehr Freizeit und definiert sich nicht mehr nur über den Beruf. Es ist offen, ob in Zukunft noch 42 Stunden in der Woche gearbeitet wird.

Wie können Berufsbildende und Lernende beim Berufseinstieg aufeinander zugehen, von allfälligen gegenseitigen Vorurteilen ablassen? Berufsbildende und Lernende sollten zu einer realistischen gegenseitigen Einschätzung kommen. Was muss der oder die Lernende schon leisten können, was erwartet der Berufsbildner, die Berufsbildnerin – auch punkto Teamverhalten und Integration. Nicht ausser Acht lassen sollten Berufsbildner, dass die Generation Z eher behütet aufwächst, Stichwort Helikoptereltern. Dazu kommen Social Media: Sie suggerieren eine perfekte Welt. Beides kann Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit beeinflussen und dem oder der Jugendlichen den Einstieg in die Berufswelt mit lauter Erwachsenen erschweren. Lernenden rate ich entsprechend, ihre allfällige Unsicherheit zu formulieren. Sehen Sie als Berufsbildner oder Berufsbildnerin davon ab, das Bild, das Sie womöglich von einer Generation haben, auf Ihren Lernenden oder Ihre Lernende als Individuum zu übertragen. «Du bist ein Lehrling, und halt so und so» – das ist selten zutreffend.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch/topics/digital-bildung

Erstellt: 04.09.2019, 10:22 Uhr

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