Physiotherapeutin

«Schön ist, dass meine Patienten topmotiviert sind»

Sportphysiotherapie ist etwas für Jung und Alt. Anja Weidmann erzählt, was sie an ihrem Beruf liebt - und wieso sie selber manchmal mit ihren Patienten trainiert.

Mit der Sportphysiotherapie soll die Leistungsfähigkeit nach einer Verletzung wiederhergestellt werden, ob beim Profifussballer oder beim Hobbygärtner.

Mit der Sportphysiotherapie soll die Leistungsfähigkeit nach einer Verletzung wiederhergestellt werden, ob beim Profifussballer oder beim Hobbygärtner. Bild: ZVG

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Mit einem roten Fitnessball trainiert beim Fenster eine junge Handballerin, in der Ecke nutzt ein etwa 50-jähriger Herr das Rudergerät, auf einer Fitnessmatte macht eine ältere Dame Kniebeugen. Es ist viel Betrieb in dem hellen Trainingsraum in der Physiotherapiepraxis von Anja Weidmann an diesem Mittwochnachmittag. «Einige trainieren selbstständig nach einem Trainingsplan», erklärt Weidmann. «Andere haben geführte Trainingseinheiten, als Teil ihrer Therapie.» Seit zwanzig Jahren führt Weidmann in Oerlikon ihre eigene Praxis als Sportphysiotherapeutin.

Leistungsfähigkeit wieder herstellen

Sportphysiotherapie ist eine Spezialisierung der Physiotherapie, die sich gezielt an Sportler richtet ? aber nicht nur. «Sportphysiotherapie kann jedem helfen, wir haben Patienten von jung bis alt», sagt Weidmann. Sportphysiotherapeuten zeichnen sich durch spezifische Kenntnisse von Trainingslehre und Trainingsaufbau sowie der Anatomie von Gelenken und Bewegungsabläufen aus. Das Ziel sei, die Leistungsfähigkeit nach einer Verletzung wieder herzustellen ? sei dies bei einem Leistungsfussballer, der so schnell wie möglich wieder auf den Rasen zurück will, oder bei einem Hobbygärtner, der wieder mähen, jäten und schaufeln möchte. Weidmann erzählt von einem 90-jährigen Bauern, der nach einem Unfall wieder auf die Alp wollte. «Ich habe für ihn einen individuellen Rehabilitationsplan erstellt, wie ich es auch für einen jungen Sportler getan hätte.» Am Schluss konnte der Bauer wieder schmerzfrei auf die Alp wandern ? Ziel erreicht.

Weidmann ist Sportphysiotherapeutin mit Herz und Seele. Sie lacht, wenn man sie darauf anspricht: «Das stimmt, ich habe wirklich den perfekten Beruf für mich gefunden.» Die 48-Jährige erzählt, wie sie schon immer viel Sport gemacht habe, Tanzen und Reiten standen schon als Jugendliche auf ihrer Agenda. Zur Physiotherapie sei sie durch einen damaligen Sekundarlehrer gekommen, der sie unbedingt in einem Beruf mit Menschen sah. «Ich habe mehr ihm zuliebe ein Praktikum in einem Behindertenheim gemacht. Als ich mit diesen Kindern in die Physiotherapie ging, merkte ich, dass dies der Beruf war, den ich lernen wollte.»

Von da an sei ihr Weg klar gewesen. Sie hat die Diplommittelschule (heute Fachmittelschule) abgeschlossen, das notwendige Spitalpraktikum und dann die vierjährige Ausbildung am Universitätsspital begonnen. Heute ist die Ausbildung an die Fachhochschulen angeschlossen, und dauert vier Jahre mit Berufspraktika. «Praktisch im Anschluss habe ich die berufsbegleitende Weiterbildung zur Sportphysiotherapie gemacht», erzählt Weidmann. Dabei sei der Fokus auf die verschiedenen Sportarten gelegt worden. «Ein Triathlet hat ­andere Verletzungen als eine Schwimmerin.» Während der Ausbildung habe sie viele Sportarten ausprobiert und viel trainiert, um ein tiefgreifendes Verständnis für das Funktionieren des Körpers zu erhalten. «Eine ­ideale Ausbildung für alle Bewegungsmenschen.»

Männliches Nachwuchsproblem

Schnell hat Weidmann den Weg in die Selbständigkeit gewagt, heute beschäftigt sie sieben Mitarbeitende. Im Moment nur Frauen, weil, wie sie selber gleich erklärt, «wir in unserem Beruf definitiv ein männliches Nachwuchsproblem haben». Der Beruf sei vergleichsweise tief bezahlt, Aufstiegschancen gebe es in dem Sinne wenige. «Wer traditionell denkt und als Mann einmal eine Familie ernähren können will, überlegt es sich wohl zweimal, Physiotherapeut zu werden.» Auch sei der Beruf früher ein blosser Hilfsberuf zum prestigeträchtigen Arzt gewesen. «Hier wandelt sich das Bild des Berufs aber gerade recht.» Weidmann schwebt ein Modell wie in Australien vor, wo der Patient selber entscheiden kann, dass er zum Physiotherapeuten gehen möchte, ohne auf eine Überweisung durch einen Arzt angewiesen zu sein. Unter anderem dafür engagiert sie sich im Berufsverband der Schweizer Physiotherapeuten.

Besonders schätzt Weidmann an ihrem Beruf den Kontakt zu den Menschen. «Die meisten meiner Patienten sind topmotiviert. Sie wollen zurück in die Bewegung, zurück in den Sport. Jemandem auf diesem Weg helfen zu können, finde ich besonders schön.» Die Therapie-Stunden seien dann gerade bei Personen, die über längere Zeit in ihre Praxis kommen, häufig ein gemeinsames, freundschaftliches Training: «Ich stehe nicht einfach lehrmeisterlich daneben, wenn jemand Kniebeugen machen muss, sondern mache mit.» Und sie ergänzt: «Aber ich schaue natürlich trotzdem genau, dass die Übungen korrekt ausgeführt werden.»

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: https://www.bildung-schweiz.ch/topics/gesundheit-und-medizin

Erstellt: 09.05.2019, 10:32 Uhr

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