Sie teilen Tisch, Bett – und Job

Rund 60'000 KMU in der Schweiz werden von Paaren geleitet. Diese weit verbreitete Form der Unternehmensführung ist wenig erforscht, obwohl sie viele Vorteile bietet. Allerdings verstecken sich auch Gefahren.

Ursula und Beat Sommer aus Zürich führten zusammen jahrelang das Lyceum Alpinum in Zuoz.

Ursula und Beat Sommer aus Zürich führten zusammen jahrelang das Lyceum Alpinum in Zuoz. Bild: ZVG

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Grossvater stand um ein Uhr in der Früh auf, ging in die Backstube, buk weisse und dunkle Pfünderli und Kilobrote, Gipfeli, Weggli und Mutschli, Vollkornbrot, Sauerteigbrot, Butterzöpfe am Wochenende und Lebkuchen vor Weihnachten. Gegen sieben Uhr war er fertig und fuhr dann mit dem Boot auf den See hinaus, um ein paar Stunden zu fischen, bevor er nach Hause kam und nach dem Mittagessen schlafen ging. Um sieben Uhr übernahm Grossmutter, schloss die Bäckerei auf, sieben Tage in der Woche übrigens, und bald strömten Kundinnen und Kunden herein, um die noch warmen Backwaren zu kaufen. Grossmutter war auch für Finanzen und Buchhaltung zuständig und für die wenige Werbung, die man für die Bäckerei machte.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, waren Grosspapi und Grossmami Teile eines volkswirtschaftlich relevanten Segmentes: 99 Prozent aller privatrechtlichen Firmen in der Schweiz sind sogenannte KMU, also kleine und mittlere Unternehmen; von ihnen sind wiederum 90 Prozent Familienfirmen. Und am Institut für Family Business der Universität St. Gallen hat man hochgerechnet, dass schweizweit etwa 60 000 dieser KMU gemeinsam von Ehemann und Ehefrau (oder auch von nicht verheirateten Paaren) geführt werden wie weiland die Bäckerei der Grosseltern.

Die diplomierte Hotelière Bettina Plattner in Pontresina, einst als Bettina Gerber aus Langnau im Emmental am Zürichsee aufgewachsen, findet sich seit Jahrzehnten in dieser Situation: Mit ihrem Mann Richard hat sie traditionsreiche Hotels im Engadin geleitet, das Saratz in Pontresina und das Castell in Zuoz. Heute bieten die beiden mit ihrer Firma Plattner & Plattner AG Strategie-, Projekt- und Management-Beratung an, vor allem für KMU im Tourismusbereich, aber auch in anderen Branchen. Und seit 2012 haben sie mit der Marke Alpenlodging ein neuartiges Konzept für Ferienwohnungen im Engadin mit Dienstleistungen aufgebaut.

Bisher kaum thematisiert

Zusammen zu arbeiten sei für Paare «nicht immer ein Honiglecken», stellt die Unternehmerin nüchtern fest; sie hat das auch im Gespräch mit vielen anderen Paaren in ähnlicher Lage erfahren. Als sie sich 2010 mit ihrem Mann selbständig machte, suchte sie deshalb nach Literatur über solche Führungs-Tandems. Doch im deutschen Sprachraum, anders als im angelsächsischen, fand sie fast nichts: «Das gemeinsame Führen eines Unternehmens war bisher kaum thematisiert und weder in der populärwissenschaftlichen Literatur noch in der Forschung aufgearbeitet worden», sagt sie im Gespräch.

Was tut eine Unternehmerin in einer solchen Situation? Sie setzt sich hin und macht die Arbeit selber. Bettina Plattner und Lianne Fravi, einst ebenfalls Hotelière, heute diplomierte Psychologin, Laufbahnberaterin und Systemtherapeutin, recherchierten und schrieben zusammen ein Buch. Dass Lianne Fravi als Abschlussarbeit ihres Psychologiestudiums sich des Themas «Im Beruf und im Leben ein Paar» angenommen hatte, bildete dafür die erfolgversprechende Basis. Auch Lianne Fravi ist im Paartandem unterwegs: Sie arbeitet, neben ihrer psychologischen Praxis, seit 30 Jahren mit ihrem Mann Gion zusammen: Die beiden Unternehmer bieten in Affoltern am Albis ZH mit ihrer Firma Fravi & Fravi AG Treuhand- und Steuerdienstleistungen sowie Unternehmens- und Organisationsberatungen für KMU und Privatpersonen an.

Dass beide Autorinnen ursprünglich aus der Tourismusbranche stammen, ist kein Zufall: In der Hotellerie und im Gastgewerbe, dazu auch in der Landwirtschaft, im Gesundheits-, Lehr- und Kulturbereich finden sich besonders oft solche Führungs-Tandems.

«Zwischen Himmel und Hölle»

Entstanden ist der über 360 Seiten starke Ratgeber «Wenn Paare Unternehmen führen – ein Handbuch». Darin werden die Chancen und Risiken einer solchen Konstellation mit nüchterner Präzision geschildert und analysiert. Die wichtigste Erkenntnis umreisst Bettina Plattner im Gespräch so: Paare, die gemeinsam ein Unternehmen führen, befinden sich «auf einer Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle». Wenn die Paarbeziehung stimmt, kann man zu zweit mehr Kräfte freisetzen als allein. Kriselt es hingegen zwischen den beiden, dann kann das eine unmittelbare existenzielle Bedrohung auch für die Firma darstellen.

Deshalb, meint Bettina Plattner, müssten Führungspaare «das Bewusstsein für die gegenseitigen Wechselwirkungen schärfen» und das Thema mit Sensibilität angehen. Welches sind denn die wichtigsten Herausforderungen? «Die erste und grösste ist die Abgrenzung», sagt die Autorin. Denn «die sonst üblichen Grenzen zwischen Beziehung und Unternehmen, zwischen Arbeits- und Freizeit verschmelzen; die Übergänge sind fliessend». Die Frage nach Hierarchie, Macht und Führung wird sich zwangsläufig stellen, ebenso jene nach dem Zeitmanagement.

Ein Paar, das sind zudem stets zwei Individuen mit jeweils eigenem Charakter. Wie kann man dem Rechnung tragen, ohne dass es zu Konflikten kommt? Wie geht man überhaupt mit Konflikten um? Eine Liebesbeziehung ist auch eher geprägt durch «Emotionen, Gefühle und Wärme» als durch «sachliche, vernünftige, rationale Aspekte». Im Geschäftsleben ist es meistens umgekehrt. Wie kann man vom einen in den anderen Modus schalten, ohne dass es zu Verletzungen kommt? Wie steht es um die Finanzen? «Oft werden nicht beide gleich entlohnt, oder der eine Teil wird überhaupt nicht entschädigt», weiss Bettina Plattner.

Respekt und Achtung

Nach dem eher theoretischen Teil, in welchem die Autorinnen auch konkrete und detaillierte Analyse-Tools vorschlagen, Empfehlungen und Tipps abgeben, haben sie Paare befragt und porträtiert, die sich in dieser Situation befinden. Vom kleinen Weinbau- und Biobauernbetrieb mit zwei Angestellten in Malans über das reformierte Pfarramt in Hedingen ZH, eine Dorfkäserei in Andeer und ein Architekturbüro in Zürich bis zum weltweit tätigen Unternehmen mit 450 Mitarbeitern sind hier alle möglichen Branchen und Betriebsgrössen vertreten.

Trotz aller Unterschiede gibt es ein Fazit, das alle Betroffenen unterschreiben könnten, hier von Ursula und Beat Sommer aus Zürich formuliert, die zusammen jahrelang das Lyceum Alpinum in Zuoz führten und seit vier Jahren in Dubai die Swiss International Scientific School mit inzwischen 1000 Studierenden aufgebaut haben und leiten: «Der gegenseitige Respekt und die Achtung vor den Bedürfnissen des Beziehungspartners sind sehr wichtige Erfolgsfaktoren. Ein Paar muss sich im Voraus überlegen, welches die Vorteile und welches die Nachteile sind, wo man in der Entfaltung seiner Bedürfnisse frei ist und wo nicht.»

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.fuehrungspaare.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2018, 13:33 Uhr

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