Tagesschulen setzen sich durch

Die Tagesschule, einst heftig umstritten, ist heute in weiten Kreisen akzeptiert. Jetzt will die Stadt Zürich vorwärts machen.

Über Mittag in der Schule essen: Die Tagesschule wird in Zürich immer mehr zum Alltag.

Über Mittag in der Schule essen: Die Tagesschule wird in Zürich immer mehr zum Alltag. Bild: Fotolia

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Der Schweizer Erfolgsfilm «Die Göttliche Ordnung» schildert die Vorurteile und Widerstände, mit denen sich Kämpferinnen für das Frauenstimmrecht herumschlagen mussten, bis dieses 1971 von den stimmberechtigten Männern angenommen wurde. Etwa zur selben Zeit begann ein ebenso epischer politischer Kampf für die Einführung von Tagesschulen. Ihnen schlug – und schlägt teilweise noch heute – ähnlicher Widerstand entgegen wie dem Frauenstimmrecht.

«Wieso stellt Ihr Kinder auf, wenn Ihr sie nicht selber erziehen wollt?», ist eines der Argumente. Oder: «Eine gute Ehefrau und Mutter sorgt selber für Haushalt und Familie.» Doch «dass es heute Tagesschulen braucht, ist gesellschaftlich akzeptiert», findet der neue Stadtzürcher Schulvorsteher Filippo Leutenegger (FDP). Sogar der Arbeitgeberverband ist dafür, denn angesichts eines zunehmenden Fachkräftemangels will man die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhöhen, um das Potenzial gut ausgebildeter Frauen besser auszuschöpfen.

Am 10. Juni haben drei Viertel der Stimmenden in der Stadt Zürich einem Kredit von 74,5 Millionen Franken zugestimmt, mit dem die zweite Pilotphase der Tagesschule 2025 finanziert werden soll. Bis 2022 werden nun 24 Schulen zu so genannt gebundenen Tagesschulen ausgebaut: Die Kinder werden dort künftig an allen Mittagen in der Schule bleiben, an denen sie am Nachmittag Unterricht haben. Sechs Zürcher Schulen hatten die Tagesschulen schon zuvor eingeführt. Nur die SVP war gegen die Vorlage; sie orakelte, die Einführung von Tagesschulen werde «beachtliche Konsequenzen und Begleiterscheinungen haben, sowohl auf die Kinder, wie auch auf die Lehrerschaft und auf den Staatshaushalt».

Breite Zustimmung

Doch die Vorlage fand nicht nur in traditionellen linken Zürcher Wahlkreisen Zustimmung, sondern ganz klar auch in den bürgerlich dominierten Stadtkreisen 6, 7 und 8. Und auch auf der eher traditionellen Landschaft steigen Nachfrage und Angebot laufend. Denn die alte Schule mit willkürlich angesetzten Stundenplänen hat ausgedient: Mittagstische, Horte und Blockzeiten sind inzwischen weit verbreitet. Kantone, welche die Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (Harmos) unterzeichnet haben, sind dazu sogar verpflichtet, denn diese fordert «ein bedarfsgerechtes Angebot für die Betreuung der Schülerinnen und Schüler ausserhalb der Unterrichtszeiten».

Chancen verbessern

Dass Tagesschulen nicht umsonst zu haben sind, versteht sich. Laut dem Bundesamt für Statistik haben sich die Kosten dafür zwischen 2008 und 2015 mehr als verdreifacht und betragen nun über eine halbe Milliarde Franken pro Jahr. Zum Vergleich: Die obligatorische Schule kostet die Schweizer Steuerzahler jährlich gut 16 Milliarden Franken.

Wichtigste Zwecke der Tagesschule sind, neben der Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit, die Entlastung alleinerziehender Eltern und die Integration von Kindern aus fremdsprachigen oder bildungsfernen Familien. Laut Silvia Steiner, der Bildungsdirektorin des Kantons Zürich, haben jene Zürcher Gemeinden, welche bereits Tagesschulen betreiben, sehr gute Erfahrungen gemacht. Langfristig erhofft sich die CVP-Politikerin, «dass sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler verbessern. Vor allem gehe ich davon aus, dass die Chancen jener Kinder verbessert werden, denen zu Hause, aus welchen Gründen auch immer, bei den Hausaufgaben nicht geholfen werden kann.»

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2018, 15:19 Uhr

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