Tätowierungen

«Tattoos sind grundsätzlich nicht verboten»

Früher waren Tätowierungen mit einem sozialen Stigma behaftet. Vor allem Sträflinge und Seemänner trugen sie. Dies hat sich in den letzten Jahren gewandelt, auch in der Berufswelt. Dort gilt oft die Devise: Tätowierungen sind in Ordnung, solange man sie nicht sieht.

Es gibt Branchen wie die Gastronomie, in denen Tätowierungen überhaupt kein Problem sind.

Es gibt Branchen wie die Gastronomie, in denen Tätowierungen überhaupt kein Problem sind. Bild: Adobe Stock

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Die Temperaturen steigen, die Tage werden länger, die Ärmel, Hosen und Röcke kürzer. Und da sind sie plötzlich, überall: Schwalben fliegen über nackte Unterarme, Rosen ranken sich an blossen Schultern, geometrische Formen tauchen auf dem Stückchen Haut zwischen Hosenbeinsaum und Turnschuh auf. Die Watson-Spasskanone Knackeboul hat einmal gesagt: «Menschen mit Tattoos sind so individuell wie Ameisen auf einem Ameisenhaufen.» Und obwohl die Autorin, selbst tätowiert, dem mitnichten voll und ganz zustimmen kann: Komplett unrecht hat er damit nicht. Obwohl Tätowierungen wahrscheinlich fast so alt sind wie die Menschheit selbst – bei Urvölkern kennzeichneten sie wichtige Lebensereignisse, und bereits die über 5000 Jahre alte Gletschermumie Ötzi trug Farbe unter der Haut – wurden sie in der Neuzeit lange nur von Seemännern und Knastbrüdern offen zur Schau gestellt. Und so wurden sie denn auch zu einem sozialen Stigma.

Stigma in den letzten Jahren zunehmend verblasst

Spätestens seit Ende der 1990er-Jahre sind Tätowierungen omnipräsent, sogar beinahe Mainstream: Heute ist schätzungsweise jede fünfte Schweizerin, jeder fünfte Schweizer tätowiert. Den gesellschaftlichen Wandel hat auch der Bund erkannt. Auf der Website des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen ist zu lesen: «Eine Tätowierung oder eine gepiercte Zunge sind auch in der Schweiz salonfähig» – begleitet von einer ganzen Liste von Ratschlägen, von Warnungen über giftige Farbe und Hygienevorschriften bis hin zu dem Hinweis: «Die Eingriffe sind nicht harmlos.» Doch wie gern gesehen sind Tätowierungen im Berufsleben? Wirkt es anstössig, wenn der bunte Arm des Migros-Kassierers übers Laufband greift, um den Geldschein entgegenzunehmen? Stört die Rose auf dem Handrücken der Bankangestellten, wenn Sie am Schalter Geldscheine aushändigt? Beim Grossverteiler Coop legt man einen entspannten Umgang mit tätowierten Mitarbeitenden an den Tag: «Wir legen bei unseren Mitarbeitenden Wert auf ein freundliches, sympathisches und korrektes Auftreten, insbesondere bei Mitarbeitenden mit direktem Kundenkontakt. Tätowierungen sind dabei kein Kriterium», erklärt Urs Meier, Leiter der Coop-Medienstelle. Natürlich gebe es aber auch Grenzen: «Ein Gesichts- oder Hals-Tattoo mit menschenverachtendem oder obszönem Inhalt würde bei Coop nicht geduldet», sagt Meier. Ähnlich, wenn auch etwas strenger, klingt es bei der Konkurrentin Migros: «Tattoos sind grundsätzlich nicht verboten. Ein gepflegtes Erscheinungsbild ist aber wichtig im Detailhandel, insbesondere für Personen mit Kundenkontakt», sagt Mediensprecherin Cristina Maurer. Wenige, dezente Piercings und Tattoos seien in der Regel gestattet, im Zweifelsfall entscheide der oder die Vorgesetzte. «Grundsätzlich ziehen wir ein Abdecken spezifischer Körperstellen oder Ablegen des Piercings während der Arbeitszeit einem Verbot vor», fügt Maurer hinzu.

Bei Kundenkontakt: lieber nicht

Auch die Zürcher Kantonalbank kenne kein generelles Tattooverbot, wie Mediensprecher Yannik Primus erklärt. Doch Mitarbeitende der Zürcher Kantonalbank mit Kundenkontakt seien gehalten, bei Kontakten auf sichtbare Piercings und Tattoos zu verzichten. «Das heisst somit, dass diese abgedeckt sein sollen», sagt Primus. Ähnlich handhabt es die Kantonspolizei Zürich, wie Sprecher Stefan Dorigoni erklärt. Sichtbare Tätowierungen, sprich an Kopf, Hals und Händen, seien im Dienst nicht erwünscht. Auch an den Unterarmen sollen markante Tätowierungen mit Kleidung verdeckt sein. In Ordnung ist der Körperschmuck am Oberarm, wenn Kurzarmhemden oder -blusen getragen werden. Ausnahmefälle könnten je nach Anforderungen und Umständen des Diensts erlaubt werden. Die Aussagen der Arbeitgeber zeigen: Auch wenn auf der Strasse omnipräsent, im direkten Kundenkontakt sind sichtbare Tätowierungen nicht überall erwünscht. Es gibt aber durchaus auch Branchen, wo sie kein Problem darstellen. Die Schreibende ist, wie erwähnt, selbst tätowiert – seit fast zwanzig Jahren, davon seit zwei gut sichtbar. In der Medienbranche war die bunte Haut nie ein Thema. Auch im hippen Gastrolokal, auf der Baustelle oder im Nachtclub wird sich wohl kaum jemand über die Schwalben, Rosen oder geometrischen Formen stören.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch

Erstellt: 27.06.2019, 08:49 Uhr

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