Viele Berufe werden verschwinden

Die nächste Phase der Automatisierung und Digitalisierung kommt auf uns zu, schneller, als wir es uns vorstellen. Sie wird den Arbeitsmarkt radikal umkrempeln. Ungewiss ist, wie unsere Gesellschaft dies verkraften wird.

Laut einer Studie von Professoren der Universität Oxford werden neun von zehn Bürojobs obsolet.

Laut einer Studie von Professoren der Universität Oxford werden neun von zehn Bürojobs obsolet. Bild: Fotolia

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Bei Skyguide, der Gesellschaft, die den Luftraum über der Schweiz und angrenzenden Gebieten überwacht, bereitet man sich auf eine Invasion ebendieses Luftraums vor: Tausende von unbemannten Flugobjekten, populär «Drohnen» genannt, werden bald durch die Luft schwirren. Ihr Gebrauch sollte dringend organisiert werden, findet man bei Skyguide und hat im vergangenen September in Genf ein System namens U-Space vorgestellt, welches den Drohnenverkehr regeln soll.

Drohnen dienen nicht nur dem Freizeitvergnügen. Schon heute testen Firmen mit grossem Bedarf an Auslieferungskapazität, etwa der Online-Shop Amazon oder in der Schweiz Siroop.ch, die Distribution von Paketen per unbemanntem Flugobjekt. Diese, mit anderen Worten, könnten Paketboten und Briefträger in absehbarer Zeit ablösen.

Auch im Transportwesen steht eine Revolution an: Selbstfahrende Züge, Lastwagen, Busse und Taxis werden auf jeden Fall kommen; ihre Testphase ist weit fortgeschritten. Wenn die Systeme einmal funktionieren, in zehn oder 20 Jahren, werden die Jobs von unzähligen Lokführern, Lastwagen-, Bus- und Taxifahrern obsolet. Auch Angestellte von Callcentern sehen einer ungewissen Zukunft entgegen: Chatbots, textbasierte Dialogsysteme, werden ihre Arbeit übernehmen.

Roboter statt Rezeptionistin

In Hotels, Spitälern und anderen Einrichtungen mit grossem Kundenverkehr werden Roboter, die mehr Sprachen beherrschen als jede Rezeptionistin, die Besucher empfangen und mit allen gewünschten Informationen versorgen. Und während über Mindestlöhne für Reinigungspersonal gestritten wird, werden vermehrt Putzroboter entwickelt und eingesetzt. Staubsaugerroboter sind längst im Handel, und Roboter, die selbsttätig den Rasen mähen, ebenfalls.

Digitalisierung und Robotisierung werden in grossem Mass Arbeitsplätze vernichten. Optimisten meinen zwar, jede technische Entwicklung habe mehr, nicht weniger Arbeit geschaffen: Mechanische Webstühle brachten Handweber ums Brot, doch die Industrie schuf mehr Jobs, als sie vernichtete. Das Auto machte Kutscher und Pferdeknechte arbeitslos, doch Millionen fanden Arbeit in der Autoindustrie, im Garagen- und Transportgewerbe.

Grund für Ängste

Als sich ab den 1980er-Jahren Computer ausbreiteten, führte das nicht zur befürchteten Massenarbeitslosigkeit von kaufmännischem Personal. Doch möglicherweise wird dieser Mechanismus diesmal nicht spielen: Nicht nur physische Arbeit wird durch intellektuelle ersetzt wie früher; Computer erfüllen nun auch anspruchsvolle logische und diagnostische Aufgaben, und Roboter meistern immer komplexere motorische Aufgaben.

Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford schreiben in einer Studie, dass in den nächsten 25 Jahren geschätzte 47 Prozent der Stellen in hochentwickelten Ländern verschwinden werden. Für Personal- und Vertriebsabteilungen, Sekretärinnen, Sachbearbeiter, Einkäufer, Controllerinnen und andere kaufmännische Angestellte zum Beispiel haben Frey und Osborne eine Hiobsbotschaft: Neun von zehn Bürojobs werden überflüssig.

Auch das Gesundheitswesen dürfte sich radikal ändern: Software sucht, treffsicherer als jeder Arzt, Röntgenbilder nach Tumoren ab, erstellt Diagnosen und schlägt Therapien vor. Die Universität Bern berichtete Ende 2017 von einem «hochpräzisen, sensorgestützten Operationsroboter für Wirbelsäulenoperationen», den ihre Forscher zusammen mit dem Inselspital Bern, dem Zentrum für Elektronik und Mikrotechnologie und Industriepartnern entwickeln. Er soll komplizierte Wirbelsäulenoperationen durchführen, nämlich «Stabilisierungsschrauben in der Wirbelsäule sicher, genau und ohne Verletzungen des umliegenden Gewebes» anbringen, und zwar präziser als jeder Chirurg: Heute können bei dieser weit verbreiteten Operation «rund 15 Prozent der Schrauben (…) nicht erfolgreich platziert werden», schreibt die Uni in ungewohnter Offenheit.

Flugzeug ohne Pilot

Lextech-Startups bieten heute digitalisierte juristische Dienstleistungen zu einem Bruchteil des Preises an, den Anwälte verrechnen. Finanz-Start-ups lassen Computer Anlagedepots zusammenstellen oder Immobilienkredite prüfen. Und sogar Menschen in kreativen Berufen sollten sich nicht allzu sicher fühlen, schreibt Kevin Kelly im Technologiemagazins «Wired». Manche Maschinen schreiben auch Songs, Gedichte, Romane und Zeitungsartikel von immer höherer Qualität.

Doch wie weit werden die Szenarien eintreffen? Nicht alles, was möglich ist, wird Realität. Dank Autopiloten und anderen ausgeklügelten Systemen zum Beispiel könnten Passagierflugzeuge schon heute völlig ohne Piloten fliegen. Doch sie tun es nicht. Wieso? «Es ist eine Frage der Akzeptanz», sagt Alex Bristol, der CEO von Skyguide, und antwortet mit einer Gegenfrage: «Würden Sie in ein Flugzeug ohne Pilot einsteigen?»

Jobs mit Zukunft

Was passiert nun, wenn Maschinen immer schneller immer mehr Arbeit leisten können? Manche Experten glauben, dass auch künftig immer neue Berufe entstehen. «Es gibt keine Knappheit an Dingen, die erledigt werden müssen», sagt Professor Jonathan Grudin, ein Forschungsleiter bei Microsoft. Andere Experten sind pessimistischer. Harvard-Professor Lawrence Summers, US-Finanzminister unter Bill Clinton und Chef des Nationalen Wirtschaftsrates unter Barack Obama, prophezeit, es würden weit mehr Jobs verschwinden, als neue entstünden.

Damit Maschinen sie nicht ersetzten können, müssen Arbeitnehmer immer besser qualifiziert sein. Doch die Ausbildung ist teuer; Roboter hingegen werden immer billiger. Irgendwann lohnt sich für Firmen die Weiterbildung ihrer Angestellten nicht mehr. Was soll man also, angesichts ungewisser Perspektiven, lernen? «Fähigkeiten, die etwas mit Robotik, der Analyse von Big Data oder maschinellem Lernen zu tun haben, stehen vor einer aussichtsreichen Zukunft», meint Oxford-Professor Frey: «Aber ich würde nicht jedem empfehlen, Ingenieur zu werden. Auch Soft Skills und komplexe soziale Interaktionen können nicht so einfach von Robotern kopiert werden.» Kreativität, soziale Intelligenz – zum Beispiel Jobs, in denen man pflegen, überzeugen oder verhandeln muss – seien nicht so einfach zu ersetzen. «Roboter hinken den Menschen noch weit hinterher, wenn es um die Tiefe und Bandbreite der Wahrnehmungen geht. Aufgaben, die in einer unstrukturierten Arbeitsumgebung stattfinden, werden wahrscheinlich nicht so einfach durch einen Computer ersetzt werden können», meinte Frey in einem Interview.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2018, 14:29 Uhr

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