Rechtspsychologie

«Wir spüren, wenn etwas nicht gut ist»

Leena Hässig, eine der erfahrensten Gefängnispsychologinnen der Schweiz, gibt Auskunft über ihren Beruf und seine Anforderungen.

Bild: Adrian Moser

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Leena Hässig, wie unterscheidet sich die Therapie von Tätern von der «normalen» Psychotherapie?

Man muss lernen, genau zu unterscheiden, wann man mit der Tat arbeitet, und wann mit dem Menschen. Als «normale» Therapeutin ist man praktisch immer empathisch der Person gegenüber. Wir Rechtspsychologinnen haben aber eine doppelte Empathie: Erstens sind wir empathisch der Gesellschaft gegenüber, die sagt: «Jetzt ist eine Grenzverletzung passiert, so geht das nicht!» Zweitens sind wir empathisch der Person gegenüber, die trotz der Tat Rechte hat. Eine Tat wird durch uns Therapeutinnen und Therapeuten nie geduldet oder bagatellisiert, sie wird immer bearbeitet. Das bedeutet erstens, dass der Täter zugibt, dass er die Tat begangen hat, dass er also die Verantwortung dafür übernimmt. Und im zweiten Schritt muss man dem Täter veranschaulichen, was das Opfer bei dieser Tat erlebt hat. Der Täter muss lernen zu spüren, was er mit der Grenzverletzung verursacht hat.

Wie gelingt es, die Empathie für die Straffälligen und die Empathie für die Gesellschaft auseinanderzuhalten?

Wenn man einem Straftäter gegenübersitzt, spürt man entweder Ablehnung und sehnt sich nach Bestrafung. Oder man denkt voller Mitgefühl: «Oh, der Arme, er hat so viel erlebt, das konnte ja nicht anders kommen.» Diesen Mechanismen kann man sich nicht entziehen. Daher ist es sehr wichtig, dass man sich austauscht. In der Fallbesprechung ist mir eine Kollegin auch schon auf den Fuss gestanden und hat gesagt: «He, vergiss das Delikt nicht!» Oder aber sie korrigierte mich: «Piano, piano. Hier ist auch noch ein Mensch dahinter.» Der Austausch ist das Wichtigste in diesem Beruf. Es ist natürlich auch sehr wichtig, dass man über eine gute Ausbildung verfügt. Daher haben wir die Schweizerische Gesellschaft für Rechtspsychologie gegründet, die einen anerkannten Fachtitel vergibt. Voraussetzung dafür ist ein Hochschulstudium in Psychologie und eine anschliessende fünfjährige Weiterbildung in Rechtspsychologie.

Wie gefährlich ist der Beruf der Gefängnispsychologin?

Ich glaube, dass die Arbeit in den Gefängnissen recht sicher ist. Die Leute werden durchsucht, und man hat überall einen Sicherheitsknopf. Wenn in der Vergangenheit etwas passiert ist, war es oft eine Personalfrage. Bei personellen Engpässen hat man manchmal – wie in anderen Berufen auch – die Tendenz, Sicherheitsvorkehrungen hinten anzustellen. Wichtig ist auch, dass man auf seine Intuition hört. Wir sind als Menschen so ausgerüstet, dass wir spüren, wenn etwas nicht gut ist. Dem muss man nachgehen. Ich habe einige Male Sicherheit eingefordert, obwohl das ­Gefängnispersonal das hinterfragt hat. Gewisse Personen habe ich nur unter der Bedingung therapiert, dass die Person an Händen und Füssen gefesselt war und zwei Sicherheitskräfte anwesend waren.

Was sollte jemand mitbringen, der Gefängnispsychologe werden will?

Man muss fähig sein, mit Taten umzugehen. Ein Rechtspsychologe muss die Tat verurteilen, er darf nicht nur mitschwingen mit dem Gegenüber. Ausserdem hört man in dieser Arbeit Schilderungen, die für viele sehr schwierig verdaubar sind. Es gibt Tatbeschreibungen, etwa von Tötungen, die sehr heftig sind. Da muss man – wie etwa ein Rechtsmediziner oder ein Rettungssanitäter auch – fähig sein, sich zu distanzieren, indem man sich sagt: «Das ist eine schlimme Tat, aber ich habe gelernt, professionell damit umzugehen. Und ich weiss, wie ich mir dabei Unterstützung holen kann.»

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch

Erstellt: 27.06.2019, 09:47 Uhr

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