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Iranischer Judokämpfer in Israel«Welcome, Brother»

Vor anderthalb Jahren musste der iranische Weltmeister Saeid Mollaei fliehen, weil er sich dem Israel-Boykott des Regimes widersetzte. Nun ist er zu einem Wettkampf in Tel Aviv eingetroffen.

Vom Landeshelden zum Regimekritiker: Der iranische Judokämpfer Saeid Mollaei.
Vom Landeshelden zum Regimekritiker: Der iranische Judokämpfer Saeid Mollaei.
Foto: Charly Triballeau (AFP)

Von seinem Hotelzimmer aus blickt Saeid Mollaei nun auf Tel Aviv, auf die stürmische See und aufs Häusermeer. Nur zum Training und zum Wettkampf darf er raus, die Anti-Corona-Regeln sind immer noch streng in Israel. Doch dass er überhaupt hier ist, schlägt hohe Wellen im Land und muss ihm selbst wohl wie ein Wunder erscheinen. Denn Mollaei, der Judoweltmeister von 2018 im Halbmittelgewicht, stammt aus dem Iran. Und dass er seine Heimat verlassen musste und dort nun als Verräter gilt, hat mit seiner Einstellung zum Sport zu tun – und mit Israel.

2019 hatte sein Fall Schlagzeilen gemacht. Da war er als Titelverteidiger zur Judo-WM nach Tokio gereist. Vor dem Halbfinal jedoch wurde er vom Teheraner Sportministerium und seinem Verband aufgefordert, sich entweder aus dem Wettkampf zurückzuziehen oder absichtlich zu verlieren. Denn im Final wartete als Gegner der Israeli Sagi Muki – und weil der Iran das Existenzrecht Israels nicht anerkennt, werden die iranischen Sportler stets angewiesen, nicht gegen Konkurrenten aus dem jüdischen Staat anzutreten.

Es war nicht das erste Mal, dass Mollaei solche Anweisungen bekam, doch es sollte das letzte Mal werden. Er trat an zum Halbfinal, er kämpfte und verlor. Doch hinterher machte er die Sache publik: «Ich hätte Weltmeister sein können», sagt er, «aber ich konnte nicht kämpfen wegen der Gesetze meines Landes und weil ich Angst vor den Konsequenzen für mich und meine Familie hatte.»

Anschliessend kehrte er nicht in den Iran zurück, und dass seine Furcht gewiss nicht unbegründet war, kann man zum Beispiel am Schicksal des Ringers Navid Afkari sehen. Der war im Herbst des vorigen Jahres im Iran hingerichtet worden, nachdem man ihm einen Mord angelastet hatte bei der Teilnahme an einer verbotenen Demonstration.

Jetzt kämpft er für die Mongolei

Mollaei setzte sich von Tokio aus nach Deutschland ab, wo er als Flüchtling anerkannt wurde. Wettkämpfe bestreitet er nun unter mongolischer Flagge, nachdem ihm der dortige Präsident Chaltmaagiin Battulga, der praktischerweise auch Präsident des Judoverbandes ist, die Staatsbürgerschaft verliehen hatte.

Mit dem mongolischen Pass ist er nun auch nach Israel eingereist zu einem Judo-Grand-Slam-Turnier. Schon am Ben-Gurion-Flughafen, der eigentlich wegen der Pandemie seit Wochen gesperrt ist und nur für vier Sondermaschinen voller Judoka geöffnet wurde, hat man ihm einen Heldenempfang bereitet. Moshe Ponte, der Chef des israelischen Judoverbands, war eigens angerückt, um dem Gast zu versichern, wie sehr ihn ganz Israel liebe.

Der israelische Sportskamerad Sagi Maki, der 2019 in Tokio nach Mollaeis Ausscheiden Gold gewann, postete ein Foto, auf dem die beiden Arm in Arm zu sehen sind, im Hintergrund die Fahnen Israels, des Iran und der Mongolei. Die Überschrift: «Willkommen Bruder». Maki preist diesen Besuch auch «als grossartige Botschaft an die Welt, weil der Sport Menschen verbindet und Grenzen überwindet». Dies könne auch «Israel und den Iran näher zusammenbringen».

Judoverband schliesst den Iran aus

Das allerdings sieht man in Teheran ganz anders. Der Präsident des dortigen Judoverbands, Arash Miresmaeili, hält diese Reise nach Israel für eine «Schande, die Saeid Mollaei für den Rest seines Lebens verfolgen wird». Da schwingt gewiss auch noch der Ärger darüber mit, dass der iranische Judoverband nach dem Tokioter Vorfall von allen internationalen Wettkämpfen suspendiert wurde – und zwar so lange, bis man sich dort bereit zeigt, auch gegen israelische Athleten zu kämpfen.

Mollaei selbst hat bei seinen seltenen öffentlichen Äusserungen stets beteuert, dass er «nicht politisch» sei. «Ich fühle mich als Iraner und bin stolz darauf. Aber ich bin auch Sportler», erklärte er. Bei der Ankunft in Israel bekannte er, «ich bin glücklich, hier zu sein». Die «Jerusalem Post» will nun bereits wissen, dass es ihm im Heiligen Land so gut gefalle, dass er bereits erwäge, sich hier auf die Olympischen Spiele im Sommer vorzubereiten. Denn Mollaei, so viel ist klar, will noch einmal zurück nach Tokio – und dann dort eine Medaille gewinnen.