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Weitverbreitete KrankheitWenn die Haut ständig juckt

Neurodermitis ist eine der häufigsten Hautkrankheiten, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Was kann man dagegen tun?

Kratzen bringt bei Neurodermitis kurzfristig zwar Erleichterung, kurbelt den Juckreiz aber erst richtig an.
Kratzen bringt bei Neurodermitis kurzfristig zwar Erleichterung, kurbelt den Juckreiz aber erst richtig an.
Foto: Getty 

Sobald die zehnjährige Lena abends unter der warmen Bettdecke liegt oder wenn sie im Turnen schwitzt, fängt ihre Haut an zu jucken – unerträglich. Am meisten in den Kniekehlen, Armbeugen oder am Rücken. Sie kratzt sich dann heftig, manchmal fast blutig. Immer im Winter, wenn die Haut trocken ist, plagt sie diese Juckerei besonders. Oft ruft sie deswegen auch nach einem Eisbeutel. Die Viertklässlerin aus Zürich möchte nicht mit richtigem Namen genannt werden. Sie befürchtet, wegen ihres Makels von ihren Gspäändli auf dem Pausenplatz ausgelacht zu werden. Lena leidet seit einigen Jahren unter der Hautkrankheit Neurodermitis, zum Glück mit nur relativ milden Symptomen.

Allergie nicht Ursache, aber Folge der Krankheit

Neurodermitis galt lange als allergische Erkrankung. «Heute weiss man jedoch, dass es eine Hautkrankheit ist und die Allergie eine Folge davon», erklärt Kristin Kernland, Kinderdermatologin am Kantonsspital Baden. Die Betroffenen leiden unter trockener Haut, begleitet von starkem Juckreiz. Die Krankheit ist nicht ansteckend und verläuft in Schüben. Bei den einen eher mild, bei den anderen stark.

Rund 10 bis 15 Prozent der Menschen haben Neurodermitis – in der Fachsprache atopisches Ekzem genannt. In den westlichen Industrieländern tritt die Krankheit häufiger auf als in der übrigen Welt. Ein Viertel bis ein Drittel der Betroffenen sind Kinder und Babys. Bei vielen verschwinden die Symptome allmählich wieder.

«Eine Neigung zu Neurodermitis bleibt jedoch lebenslang», sagt Kernland. Generell kann Neurodermitis in jedem Alter erstmals auftreten, bei Erwachsenen jedoch seltener. Umgekehrt können die Symptome bei richtiger Behandlung auch wieder abklingen.

Auch Stress kann Neurodermitis auslösen

Als Krankheitsursache kommen verschiedene Faktoren infrage. Oft ist aber eine erbliche Veranlagung im Spiel, die das Neurodermitis-Risiko erhöht. Ob die Krankheit dann tatsächlich ausbricht, hängt von weiteren Einflüssen ab: etwa dem Klima (trockene, kalte Luft im Winter), starkem Husten oder Halsweh, was das Immunsystem zusätzlich belastet. Weiter können verschiedene Umstände wie starke Belastungen, Übermüdung oder Überreizung eine Neurodermitis begünstigen. Manchmal tritt sie aber auch ohne erkennbaren Grund auf.

All diese Einflüsse beeinträchtigen die Barrierefunktion der Haut, die sich wie ein grosser Schutzschild um den Körper schmiegt. In der Haut kommen Entzündungsreaktionen in Gang, wodurch die Schutzfunktion weiter eingeschränkt wird. Die Haut wird durchlässiger, mehr Wasser aus dem Körper verdunstet, und sie trocknet aus. Umgekehrt schützt so die Haut auch weniger vor Allergenen oder Umweltstoffen wie zum Beispiel Desinfektionsmitteln.

Feuchtigkeit und Fett wichtig

Bei der Behandlung von Neurodermitis geht es in erster Linie darum, wieder eine intakte Hautbarriere herzustellen. Im Vordergrund steht dabei eine hochwertige Pflege der Haut: tägliches Reinigen mit Wasser und Eincremen mit rückfettenden Produkten. Falls das nicht zum gewünschten Erfolg führt, kann die Haut auch mit kortisonhaltigen oder anderen antientzündlichen Salbe behandelt werden. «Es hat sich gezeigt, wenn Babys ab Geburt regelmässig eingecremt werden, entwickeln sie später viel weniger Neurodermitis», sagt die Kinderdermatologin Kristin Kernland.

«Eine intakte Hauthülle des Kindes schützt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele.»

Kristin Kernland, Kinderdermatologin am Kantonsspital Baden

Richtige Pflege bedeutet, der Haut nicht nur Fett, sondern auch Feuchtigkeit zuzuführen. Zu einer erfolgversprechenden Therapie gehört weiter, dass die Behandlung rasch beginnt. Denn je schneller sie wieder «verschlossen» wird, umso weniger können sich Allergien entwickeln. Die Barriere kann aber noch eine weitere Funktion haben: «Eine intakte Hauthülle des Kindes schützt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele», sagt die Dermatologin. Kinder mit Neurodermitis seien häufig sehr wach, aber auch stets sehr empfänglich für äussere Reize – weshalb sie zur Überreizung neigten.

Mit Ernährung lässt sich die Krankheit ebenfalls positiv beeinflussen. Zum Beispiel mit Nahrungsmitteln, die Omega-3- und Omega-6-Säuren oder Linolsäure enthalten. Gemieden werden sollten zudem zuckerhaltige Getränke. Sinnvoll ist es weiter, sich für die Mahlzeiten immer hinzusetzen und in Ruhe zu essen. Je stressarmer, desto besser. Neurodermitis tangiert also die ganze Lebensführung.

Spielerisch in den Alltag integrieren

Das tägliche, kurze Baden und mehrmalige Eincremen jeden Tag verlangt von den Betroffenen viel Geduld und Beharrlichkeit. Aus diesem Grund muss die Behandlung zur täglichen Routine werden. Für die Versorgung der Haut ist genügend Zeit einzuräumen, weshalb es sich laut Kristin Kernland lohnt, der Behandlung auch etwas Positives abzugewinnen. Dem Kind falle es leichter, wenn es die langwierige Therapie möglichst spielerisch umsetze. So soll es ihm erlaubt sein, sich seinen eigenen Platz zu kreieren – zum Beispiel mit einem schönen Kistchen, in dem seine persönlichen Salben, Cremen und Lotionen zu finden sind.

Trotzdem hat sich Lena, wie viele andere Kinder, lange schwergetan mit dem Eincremen. Einmal war die Salbe zu fettig, einmal brannte sie. Die Kinder brauchen gute Unterstützung durch die Eltern. So hilft es, wenn die Creme oder die Lotion kalt aus dem Kühlschrank kommt.

Die Entzündung stoppen

Die Forschung geht zurzeit vor allem in die Richtung, die Entzündung in der Haut einzudämmen oder gar zu stoppen. Dazu Peter Schmid-Grendelmeier, Dermatologe und Allergologe am Universitätsspital Zürich: «Mit synthetisch hergestellten Hemmern von Botenstoffen, den sogenannten Biologika, gelingt dies heute schon recht gut.» Doch diese Behandlung mittels Spritzen komme wegen möglicher Nebenwirkungen erst bei schwerem Krankheitsverlauf infrage. Demnächst stünden aber Tabletten mit ähnlicher Wirkweise zur Verfügung. Vielversprechend seien auch Therapieansätze mit probiotischen Nahrungsergänzungen, die nur sanft ins Immunsystem eingriffen. Hier befinde sich die Forschung allerdings erst am Anfang.

Heute kann Lena recht gut mit ihrer Hautkrankheit leben. Nur noch selten hat sie Schübe, bei denen ihr ganzer Körper trocken wird und juckt. Das ist am ehesten dann der Fall, wenn sie die Behandlung vernachlässigt. Meist cremt sich Lena aber selbstständig ein. Stolz zeigt sie auf ihr gut sortiertes und hübsch verziertes Medikamentenkistli im Bücherregal.

12 Kommentare
    Maria Sah

    ketogene Ernährung ist auch einen Versuch wert, denn eine der regelmässig berichteten Wirkungen dieser Ernährungsform ist die Verbesserung des Hautbildes, Ekzemen und eben Neurodermitis.

    Solch ein Versuch dauert allerdings nicht ein paar Tage, sondern einige Monate.