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Corona in der FamilieWenn die Kleinsten nicht ansteckend sind – was bedeutet das für den Alltag?

Das Bundesamt für Gesundheit rückt vom strikten Kontaktverbot zwischen Grosseltern und Kindern ab, da die Kleinsten das Coronavirus offenbar kaum weitergeben. Die Erkenntnis hat auch Folgen für die Schulen.

Ab sofort wieder erlaubt? Grosseltern machen einen Spaziergang mit ihren Enkelkindern.
Ab sofort wieder erlaubt? Grosseltern machen einen Spaziergang mit ihren Enkelkindern.
Foto: Reto Oeschger

Bis vor wenigen Tagen war die Empfehlung von Daniel Koch, Covid-19-Delegierter des Bundes, klar: Die Enkelkinder sollen keinen Kontakt zu ihren Grosseltern haben. Zwar seien Kinder keine Treiber der Virusverbreitung, sie könnten aber gelegentlich dennoch infiziert sein und somit vulnerable Personen wie über 65-Jährige oder Vorerkrankte gefährden.

Doch nun gibt Koch Entwarnung: Grosseltern dürften ihre Enkel auch wieder einmal in die Arme nehmen. «Da riskieren sie nichts.» Gesagt hatte Koch dies in einem Interview mit der Zeitschrift «Grosseltern». An der Corona-Medienkonferenz des Bundes vom Montag erläuterte Koch seine überraschende Aussage.

Es gebe praktisch keine Daten, die auf eine Virusübertragung durch Kinder auf Erwachsene schliessen liessen. Infizierte Kinder seien praktisch immer von ihren Eltern angesteckt worden und nicht von Altersgenossen. Kleine Kinder seien für die Grosseltern und Risikopatienten deshalb keine Gefahr, sagte der BAG-Delegierte. Zumindest gelte dies für Kinder bis zum Alter von etwa zehn Jahren.

Deren Kontakt mit den Grosseltern sei unbedenklich, solange der Abstand zur mittleren Generation gewahrt werde. Das Kind könne das Virus auch nicht durch Körperkontakt an die Grosseltern weitergeben, nachdem es von möglicherweise infizierten Eltern berührt worden sei.

Koch verwies bei der Entwarnung auf die Erkenntnisse der pädiatrischen Kliniken und auf eine kürzlich publizierte wissenschaftliche Studie. Demnach hätten kleine Kinder kaum Andockstellen für das Virus. Riskanter sei hingegen der Kontakt mit Teenagern. «Teenager ab der 8. oder 9. Klasse infizieren sich etwas häufiger, aber auch dann ist es noch extrem selten», sagte Koch.

Kinderhüten bleibt heikel

Eltern und Grosseltern sollen hingegen weiter Abstand halten voneinander. Vom Kinderhüten rät Koch den Senioren aus diesem Grund weiterhin ab. Denn sonst könnte sich der Kontakt zwischen den Generationen wieder etablieren.

Beim ersten Mal halte man die zwei Meter Abstand möglicherweise noch ein, beim zweiten Mal komme man sich schon näher und gewöhne sich an den Kontakt, und schon bald trinke man wieder zusammen Kaffee, so Koch. Es bestehe die Gefahr, dass man sehr schnell in alte Verhaltensmuster zurückfalle und den Abstand vergesse.

Zu Vorsicht bei den Kindern mahnt hingegen Deutschlands bekanntester Virologe, Christian Drosten. Er verwies am Freitag in einem Interview auf dem österreichischen Sender ORF auf eine Studie, gemäss der sich Kinder innerhalb einer Familie in gleicher Rate infizierten wie die Erwachsenen. Kinder entwickelten aber selten Symptome, was aber nicht bedeute, dass sie nicht ansteckend seien. Auf die Frage, ob denn Kinder selbst ansteckend seien, antwortete Drosten: «Das weiss man nicht. Es gibt die Daten dazu noch nicht.»

Das Land Baden-Württemberg finanziert deshalb mit 1,2 Millionen Euro eine Studie der Unikliniken Heidelberg, Freiburg, Tübingen und Ulm, wie der Deutschlandfunk am Montag berichtete: Sie soll zeigen, welche Rolle Kinder unter zehn Jahren bei der Verbreitung des Coronavirus spielen. Es müsse rasch geklärt werden, ob man bei Kindern eine andere Ausgangslage habe als bei Erwachsenen, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Und die Schulen?

Die Debatte ist auch im Hinblick auf die geplante Wiederaufnahme des Schulbetriebs von höchster Brisanz. Ab dem 11. Mai füllen sich in der Schweiz auf Volksschulstufe die Klassenzimmer wieder.

Voraussichtlich am Mittwoch wird der Bundesrat sein Schutzkonzept für den Bildungsbereich präsentieren. Noch wird hinter den Kulissen hitzig über die Details debattiert. Laut einer ersten Version des Konzepts müssen unter zehnjährige Kinder keinen Sicherheitsabstand zueinander einhalten. Bei älteren Kindern und Jugendlichen können die Kantone einen Sicherheitsabstand einführen, müssen aber nicht.

Thomas Minder, der oberste Schulleiter der Schweiz, zeigt sich besorgt. «In der Frage, ob Kleinkinder ansteckend sind, widersprechen sich Fachleute noch immer öffentlich. Hier gilt es aus unserer Sicht, höchste Vorsicht walten zu lassenaber letzten Endes vertrauen wir auf den Bundesrat und das BAG.» Ziel müsse es sein, Erwachsene und Kinder, die zur Risikogruppe zählen oder mit vulnerablen Personen zusammenleben, bestmöglich zu schützen.

Sowohl der Verband der Schulleiter als auch der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer fordern vom Bund schweizweit verbindliche Vorgaben. Es dürfe keinen kantonalen Flickenteppich geben.

Ost-West-Graben klafft

Doch die Kantonsvertreter sind sich in der Frage alles andere als einig. Am Montagabend traf sich die Konferenz der Erziehungsdirektoren der lateinischen Schweiz zu einer Aussprache. Ihnen geht das Konzept des BAG ebenfalls deutlich zu wenig weit. Und auch sie fordern, dass die Experten des Bundes präzise und konkrete Vorgaben machen, wie die Schulen in der Corona-Krise zu funktionieren haben. Der Bund solle die Verantwortung übernehmen.

Anders klingt es in der Ostschweiz: «Es ist zentral, dass die Kantone einen gewissen Spielraum haben», sagt Benjamin Mühlemann, Glarner Regierungsrat und Präsident der Ostschweizer Erziehungsdirektoren. Ein Wiedereinstieg gelinge nur, wenn man die medizinischen Empfehlungen lokal massgeschneidert umsetze und die Lösungen somit Lehrpersonen und Eltern gut erklären könne.

«Es ist, alles in allem, ein gewaltiges Dilemma.»

Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Aus Mühlemanns Sicht wäre es nicht konsistent, wenn der Bundesrat das Schutzkonzept nun noch einmal verschärfen würde. «Wird etwa ein Mindestabstand zwischen den Kindern vorgeschrieben, ist ein Präsenzunterricht vielerorts gar nicht möglich», warnt er. Der Platz wäre dafür in vielen Klassenzimmern zu knapp . «Stellen Sie sich vor: Die Kindergärtler könnten ja nicht einmal im Kreis sitzen

Ein Unterricht in Halbklassen wiederum sei nicht praktikabel, weil die Lehrpersonen dann gleichzeitig Präsenzunterricht erteilen und für die andere Hälfte der Klasse den Fernunterricht fortsetzen müssten. Diese Schwierigkeit sieht auch die Präsidentin des Lehrerverbands, Dagmar Rösler. Sie sagt: «Es ist, alles in allem, ein gewaltiges Dilemma.»

Das Zürcher Volksschulamt hat seine Schulleiter derweil bereits aufgefordert, «sich Gedanken darüber zu machen, wie grössere Ansammlungen von Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen oder Eltern auf dem Schulareal möglichst vermieden werden können». Kinder und Jugendliche, die einer Risikogruppe angehören, will man vorerst nicht wieder in die Schule integrieren. «Für diese Schülerinnen und Schüler erfolgt der Unterricht in einer ersten Linie weiterhin als Fernunterricht», heisst es in einem Leitungszirkular des Zürcher Volksschulamts.

42 Kommentare
    Madeleine Favre

    Liebe Alle, denkt doch zur Abwechslung mal wieder selbständig: umarmt oder hütet Eure Enkel wenn ihr es für Euch verantworten könnt und bringt Eure Kinder zum Hüten wenn diese nicht krank sind und die Grosseltern einverstanden...das BAG spricht Empfehlungen aus, mal so mal so, es ‚menschelt‘ überall und ihr ALLE liebe Leute, denkt einfach mit und schaut, was ihr in Eurem Alltag wie unterbringt!! Wenn Ihr diese Zeilen lesen könnt, seid Ihr KEINE Kinder...also übernehmt Verantwortung und entscheidet selbst!! Echt!!