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Mehr Lebensqualität für DemenzkrankeWenn Elvis Presley die Erinnerung an Tanzabende weckt

Eine einfache Technik hilft Menschen mit Demenz, «Erinnerungsschätze» zu bergen. Das tut den Betroffenen gut, aber auch den Betreuenden.

Ein Pflegefachmann erstellt mit einer Studienteilnehmerin des Pflegeheims Reusspark in Niederwil AG einen Musikspiegel.
Ein Pflegefachmann erstellt mit einer Studienteilnehmerin des Pflegeheims Reusspark in Niederwil AG einen Musikspiegel.
Foto: Jos Schmid

Der Bach rauscht durch Wiesen und Wälder. Es plätschert und gurgelt. Vertraute Geräusche, die alte Erinnerungen wecken: «Wasser war ein grosses Element in meinem Leben. Als Kind war ich viel draussen in der Natur, habe mit meiner Schwester am Bach gespielt», erzählt die 75-jährige Frieda Luchsinger (Name geändert), wenn sie heute ein Bachrauschen vernimmt.

Frieda Luchsinger leidet an fortgeschrittener Demenz und entsinnt sich nur noch wenig ihres früheren Lebens. Ähnlich ergeht es der 83-jährigen Erika Schwarz (Name ebenfalls geändert). Wenn sie das von Kindern gesungene Lied «Hänschen klein» hört, kommen in ihr Erinnerungen auf: «Ich habe viel draussen gespielt. Wenn ich das Lied sang, kam meine Schwester angerannt, und wir spielten zusammen». Auch Erika Schwarz hat aufgrund ihrer Demenz viel Vergangenes vergessen.

Beide Frauen leben heute in einem Pflegeheim und sind auf ständige Betreuung angewiesen.

Erinnerungen mit Klängen anstupsen

Geräusche, Klänge oder Musik eignen sich besonders, um bei Demenzkranken vergessen geglaubte Erinnerungen wachzurufen, wie verschiedene Studien belegen. Diese Erkenntnis macht sich nun eine neue Technik für die Betreuung demenzkranker Menschen zunutze: Sie heisst Musikspiegel.

Ein solcher Musikspiegel besteht aus einer Liste von notierten, schönen Lebensmomenten des Patienten, erzählt mit dessen eigenen Worten und jeweils verknüpft mit einem Musikstück oder einem Geräusch wie das Bachrauschen von Frieda Luchsinger.

«Allerdings muss rechtzeitig danach gefragt werden, sonst geht auch die älteste Erinnerung verloren», erklärt Sandra Oppikofer vom Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich. Seit sie die Begründerin des «Music Mirror», die britische Musikpädagogin Heather Edwards, 2014 in Glasgow getroffen hat, ist sie fasziniert von der «einfachen und gleichzeitig bestechenden Idee» des Musikspiegels. So wünschte sie sich, diese Methode ebenfalls im Betreuungs- und Pflegealltag in der Schweiz einzuführen.

Andrea Hess (Uni-Spital Zürich), operativer Studienleiter (l.), im Gespräch mit einem Studienteilnehmer im Pflegeheim Reusspark, Niederwil AG.
Andrea Hess (Uni-Spital Zürich), operativer Studienleiter (l.), im Gespräch mit einem Studienteilnehmer im Pflegeheim Reusspark, Niederwil AG.
Foto: Jos Schmid

Verbessertes Wohlbefinden

Weil der Musikspiegel noch nie wissenschaftlich geprüft worden ist, wollte das Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich mit einer Untersuchung herausfinden, ob sich die positiven Erfahrungen im britischen Pflegealltag auch auf die Schweiz übertragen lassen würden.

Im vergangenen Sommer konnte die Studie, an der sich schliesslich fast 200 Demenzerkrankte beteiligten, abgeschlossen werden – dies in Zusammenarbeit mit verschiedenen Nordwestschweizer Pflegeheimen, der Organisation Alzheimer Aargau, der Hochschule Luzern für Musik, Fachleuten aus der Altersmedizin und zahlreichen Freiwilligen.

Nun liegen die Ergebnisse vor: Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Einsatz eines Musikspiegels verschiedene positive Auswirkungen hat. So verbesserte sich das Wohlbefinden der Demenzkranken deutlich, aber auch die Betreuenden und Angehörigen profitierten mit einem höheren Zufriedenheitsgrad. Der Musikspiegel baut damit offensichtlich eine emotionale Brücke zwischen zwei Menschen, indem er den Betreuenden Zugang zur erkrankten Person ermöglicht. Zugleich vermittelt er den Betroffenen ein Gefühl der Wertschätzung.

Der Einsatz des Musikspiegels förderte während des untersuchten Zeitraums nicht nur eine positive Beziehung zur betreuenden Person, sondern verringerte auch das herausfordernde Verhalten des Demenzerkrankten gegenüber anderen. Zu diesem Verhalten zählen etwa Rastlosigkeit, depressive Verstimmungen, Apathie oder auch Aggressionen.

Weiter nahm das Stressempfinden in Belastungsmomenten ab, etwa beim Anziehen oder bei der Körperpflege. Der individuell angepasste Musikspiegel nützte bei unterschiedlichsten Stimmungslagen und Situationen. Eine Angehörige berichtet zum Beispiel: «Aufgrund des Musikspiegels gehe ich wieder häufiger zu meinem Vater und erfahre immer wieder Dinge aus seiner Vergangenheit.»

Beliebtes Hundegebell oder Ave Maria

Solche «Erinnerungsperlen» scheinen vor allem dann besonders wirkungsvoll zu sein, wenn sie emotional bedeutsam sind. «Ob Musik oder Geräusche mit ihnen verbunden werden, ist dabei eher unerheblich», sagt Sandra Oppikofer, die die Studie geleitet hat. Aber es gebe eindeutig Musikstücke oder Geräusche, die häufiger genannt wurden, wie zum Beispiel: «Ave Maria», «Stille Nacht, heilige Nacht», «Es Buurebüebli», Hundegebell, Vogelgezwitscher, Glockenläuten oder Meeresrauschen.

Nur in wenigen Fällen scheint der Musikspiegel nicht empfehlenswert zu sein – bei gravierenden Hörproblemen etwa, psychotischen Symptomen wie Wahn und Halluzinationen oder wenn er unzutreffend oder zu wenig vielfältig ist und so möglicherweise negative Gefühle hervorruft.

Sandra Oppikofer ist überzeugt: «Der Musikspiegel hat das Potenzial, den Pflege- und Betreuungsalltag auf emotionaler Ebene bedeutend zu verbessern, für Pflegende wie auch für Angehörige.» Deshalb freut sie sich, dass die Mehrzahl der Betreuenden den Musikspiegel auch weiterhin einsetzen möchte. Das erstaunt nicht, wenn sich sogar Pflegende angesprochen fühlten: «Als es mir selbst nicht so gut ging, kamen mit dem Musikspiegel viele Gefühle hoch, ich war sehr nahe bei meinen verstorbenen Eltern», erzählt eine Pflegefachfrau eines Heims.

Musik und Bewegung eignen sich besonders, um Hirnreserven zu mobilisieren.

Auch aus altersmedizinischer Sicht spricht einiges für den Einsatz des Musikspiegels: «Er ist eine inspirierende Technik, um mit Musik vorhandene Ressourcen von Menschen mit eingeschränkter Hirnleistung gezielt zu nutzen», sagt Geriater Reto W. Kressig, ärztlicher Direktor der Universitären Altersmedizin Felix Platter in Basel, wo der Spiegel ebenfalls getestet wurde.

Die Technik basiert laut Kressig auf der wissenschaftlich nachgewiesenen Erkenntnis, dass sich Musik und Bewegung besonders eignen, Hirnreserven zu mobilisieren. Denn das musikalische Gedächtnis bleibt bis zu einer fortgeschrittenen Demenz weitgehend intakt und kann in der Kommunikation mit den betroffenen Menschen aktiviert werden.

«Ich habe auch beobachtet», fügt der Geriater hinzu, «dass es dadurch nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Angehörigen und Betreuer immer wieder zu ergreifenden Momenten kommt.»

4 Kommentare
    Kuno K.

    Menschen mit Demenz sind kerngesund, sie wissen es nur nicht. Soviel habe ich vom Gesund- und Krankheitsexperten unter den Kommentatoren bereits gelernt.