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TV-Kritik «Tatort»Er kriegt keine Frauen, also jagt er sie

Der neue «Tatort» aus Kiel untersucht die explosiven Überschneidungen zwischen rechter und frauenfeindlicher Szene. Der Film hat Zug.

Incel Mario will Frau und Kinder und weiss nicht, wie.
Incel Mario will Frau und Kinder und weiss nicht, wie.
Fotos: NDR

Zum Weltfrauentag am 8. März hat sich der Kieler «Tatort» auf «woke» gestrählt: Er zeigt sich wach für Genderfragen und das gefährliche Wabern toxischer Männlichkeit in Netz und Alltag. Aber so dröge pädagogisch, wie das klingt, ist «Borowski und die Angst der weissen Männer» keineswegs.

Zwar erklärt uns Kommissar Borowski (Axel Milberg) brav noch mal kurz das Phänomen der Incels – der «involuntary celibates», die keine Frau für sich gewinnen konnten und daher im Netz ihren Frauenhass herauslassen, ihre Wut auf den Feminismus, ihre Frustration als zu kurz Gekommene, die glauben, ihnen stünde quasi als Naturrecht ein Weibchen zu. Aber der Film von Regisseurin Nicole Weegmann schafft es, daraus mehr zu schälen als eine grobe Holzschnittfigur.

Brücke zu Hanau und Gauland

Joseph Bundschuhs Mario nämlich gleitet immer tiefer in eine nerdige Einsamkeit hinein, in der die hetzenden Stimmen aus dem Darknet zu seiner eigentlichen Realität werden: ein gefundenes Fressen für Regie, Kamera und Schauspieler. Gleichzeitig ist Mario kein armes Opfer, das nichts für seine Gewaltausbrüche kann.

Das Buch von Peter Probst und Daniel Nocke schlägt zudem eine Brücke zu den Attentätern von Oslo und Halle, Christchurch und Hanau. Die rechtsextreme und die frauenfeindliche Szene überschneiden sich: Das vermuten die Kieler Kommissare Klaus Borowski und Mila Sahin (richtig gut: Almila Bagriacik) schon bald, nachdem sie eine junge Frau tot in der Nähe eines Clubs gefunden haben. Sie starb entweder an den K.-o.-Tropfen oder ihren brutalen Misshandlungen.

In der «Tatort»-Folge «Borowski und die Angst der weissen Männer» geht es um frustrierte Täter, die das Gefühl haben, ihnen würden Frauen zustehen.
In der «Tatort»-Folge «Borowski und die Angst der weissen Männer» geht es um frustrierte Täter, die das Gefühl haben, ihnen würden Frauen zustehen.

In der Nähe der Leiche wurde die Zahl 14 in den Sandboden geschmiert. Die «Fourteen Words» stehen fürs rassistische Credo: «Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für die weissen Kinder sichern.» Denn im Hintergrund zieht ein ultrarechter, supersmarter Buchautor und «Flirtcoach» die Strippen.

Er wird auch von den Medien hofiert, weil seine Schocker-Sprüche Quote bringen. An Gestalten wie AfD-Politiker Alexander Gauland oder den konservativen Psychologieprofessor Jordan Peterson darf gedacht werden.

Todesliste mit linken Politikerinnen

Aber nicht nur er und seine Jünger geilen sich an Macho-Sprüchen auf: Man sieht, wie es, subtiler, auch im Polizeiapparat durchaus sexistisch zugeht. Doch wieder verbietet sich dieser «Tatort» jede Moralinsäure; der selbstironische Cybercop (Jan Kampwirth) haut uns spöttisch jede Selbstgerechtigkeit um die Ohren. Und auch die Frauen, etwa die Freundinnen des Mordopfers, sind hier keine Engel.

Am Ende thrillert sich dieser Krimi in einen pulstreibenden Wettlauf mit der Zeit hinein: Doppeldeutig weisse Männer (in Schutzanzügen) organisieren Terrorattacken zum Weltfrauentag, es kursiert eine Todesliste für linke Politikerinnen und andere widerständige Frauen. Kiel hats knallen lassen.

50 Kommentare
    Noah Lilienthal

    Gut, dass ich das nicht geschaut habe. Wenn beliebig Incels, Pick-up-Artists, Mörder, Frauenhasser, Rechstextreme und Jordan Peterson durcheinandergeworfen und als loses Netzwerk mit gemeinsamem Ziel dargestellt werden (wo auch noch immer alle "weiss" sein müssen, sont passt es ja nicht ins Bild), weiss man woher der Wind weht.