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Roman über KulturstreitAllah ersetzt den Sicherheitsgurt

Der somalische Autor Nuruddin Farah erzählt von einer Familie im Kulturkonflikt – und über die grossen Fragen der Integration.

Gilt als einer der bedeutendsten afrikanischen Schriftsteller: Der somalische Schriftsteller Nuruddin Farah.
Gilt als einer der bedeutendsten afrikanischen Schriftsteller: Der somalische Schriftsteller Nuruddin Farah.
Foto: Getty Images

Nuruddin Farah hat in Delhi, London, Kapstadt, Lagos und New York studiert, geschrieben und unterrichtet. Am Ende aber drehen sich seine Romane immer wieder um ein Thema: das Leiden seiner somalischen Landsleute an einer religiös fundierten Gewalt. Diesmal siedelt Farah seine Romanhandlung in Europa an. Genauer gesagt, in Norwegen, wo Mugdi und Gacalo, ein älteres somalisches Ehepaar, ein beschauliches, gut integriertes Leben führen – bis der eigene Sohn sich gegen die Ideale seiner Eltern wendet. Obwohl Dhaquaneh in Norwegen aufgewachsen ist, zieht es ihn zurück nach Somalia, wo er sich den Jihadisten anschliesst und bei einem Selbstmordattentat stirbt.

Das alles erfährt der Leser im Rückblick. Nun aber entzweit sich das Paar über der Frage, ob es Dhaquanehs Witwe samt den zwei Stiefenkeln aus einem kenianischen Flüchtlingslager zu sich holen soll. Gacalo möchte damit ein Versprechen an ihren Sohn einlösen. Ihr Mann Mugdi ist skeptisch. Was, wenn seine Schwiegertochter radikalen, terroristischen Ideen anhängt?

Vieles, was die Romanfigur Mugdi an der Dysfunktionalität Somalias und dem religiösen Extremismus seiner Landsleute verbittert, mag realen Erfahrungen Nurrudin Farahs entspringen. Der Autor hatte Mitte der 1970er-Jahre, als ihm wegen eines gesellschaftskritischen Romans Haft drohte, Somalia den Rücken gekehrt. In seinen Büchern wendet er sich seitdem gegen politische Willkür, Frauenunterdrückung und den aus Saudiarabien importierten Fundamentalismus, der das einst so westlich-kosmopolitische Mogadiscio in eine kulturelle Wüste verwandelt hat. 2014 verlor Farah bei einem Anschlag der Taliban auf ein Restaurant in Kabul seine für die Unicef arbeitende Schwester.

Leicht depressive Hauptfigur

Sein Alter Ego Mugdi wirkt angesichts dieser Trümmerwelt leicht depressiv. Trost findet er vor allem in der Literatur. Als sich seine Frau mit dem Wunsch durchsetzt, Daquanehs hinterbliebene Familie aufzunehmen, wird es für Mugdi noch komplizierter: Wem schuldet er Loyalität? Und wie kann er, der ansonsten so viel Verständnis für die Traumata der Migration aufbringt, das religiöse Eiferertum seiner Schwiegertochter erdulden?

Das Unheil bahnt sich schon bei der Abholung am Flughafen in Oslo an. Waliya und ihre Tochter Saafi tragen Schleier, der Sohn Naciim ist der Einzige, der Mugdi zur Begrüssung die Hand reicht. Unmöglich als Mann, die beiden Frauen direkt anzusprechen – das verlangen die «neuen Umgangsformen unter Islamisten in Somalia». Mugdi muss sich der Vermittlerdienste des Stiefenkels bedienen: «Er sagt Naciim, dass er seine Mutter und Schwester darauf hinweisen soll, den Gurt anzulegen, das sei in Norwegen Pflicht. ‹Wir werden an dem Tag sterben, den Allah für uns bestimmt hat›, erwidert Waliya. ‹Egal, ob wir diese Dinger anschnallen oder nicht.›»

Die Schwiegertochter wird sich auch in der Folge nicht anpassen. Als eine Anti-Terror-Einheit Waliya ins Verhör nimmt, gerät selbst Gacalo ins Zweifeln: Vielleicht reicht guter Wille allein doch nicht aus.

Die Enkelgeneration kann sich integrieren

Allerdings zeigt Farahs Roman nicht nur die unkittbaren Brüche der somalischen Exil-Gesellschaft. Er hat auch Mut-Momente: So können Waliyas Kinder Naciim und Saafi nach anfänglichen Schwierigkeiten norwegische Freunde finden, eine Ausbildung beginnen. Beide lieben ihre Grosseltern. Und wachsen bei ihnen im Licht einer nie gekannten Geborgenheit auf. Naciim, einst unfreiwillig in die Rolle des männlichen Familienoberhaupts gedrängt, schätzt die neuen Freiheiten – und fängt an, die starren Vorschriften seiner Mutter zu kritisieren. Warum soll er keine Popmusik hören dürfen? Warum keine Fussballspiele im Fernsehen anschauen?

Die Familie als symbolisches Schlachtfeld: Nur vordergründig geht es hier um Eltern-Kind-Loyalitäten, denn letztlich trägt Waliyas Verwandtschaft im Kleinen dieselben Konflikte aus, die im geopolitischen Massstab ganze Länder wie Somalia zerlegt haben. Und doch bleibt am Ende eine Hoffnung: dass Jugendliche wie Naciim und Saafi sowohl islamistischer Bevormundung als auch Fremdenhass widerstehen können. Dass sie ihre somalischen und norwegischen Anteile leben können – als Bereicherung, nicht als Widerspruch.

Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung. Roman. Antje Kunstmann, München 2020. 350 S., ca. 32 Fr.

3 Kommentare
    Klaus Weber-Fink

    "... und über die grossen Fragen der Integration? Meine grosse Frage: Integration - wo gibts es denn die ?