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Übersicht von AnschlägenWenn Terroristen die Schweiz als Ziel haben

Die Messerattacke in Lugano ist längst kein Einzelfall: Immer wieder kommt es hierzulande zu terroristischen Vorfällen – einige davon sind besonders im Gedächtnis geblieben.

Tatort der jüngsten mutmasslichen Terrorattacke: Das Kaufhaus Manor an der Piazza Dante in Lugano.
Tatort der jüngsten mutmasslichen Terrorattacke: Das Kaufhaus Manor an der Piazza Dante in Lugano.
Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

Lugano steht unter Schock: Am Dienstagnachmittag hat eine zum Islam konvertierte Schweizerin in einem Kaufhaus zwei Frauen angegriffen und eine davon schwer verletzt. Die Täterin soll «sono dellIsis» (deutsch: «Ich bin vom IS») gerufen haben. Das Bundesamt für Polizei Fedpol vermutet einen terroristischen Hintergrundund ist nicht überrascht: Solche Taten gebe es überall auf der Welt, sagte Fedpol-Chefin Nicoletta della Valle.

In der Tat ist die Schweiz keine Insel in Europa. Auch hierzulande kommt es immer wieder zu Terroranschlägen oder versuchten Attentaten, wie unsere Übersicht zeigt.

12. September 2020 in Morges

Kerzen am Tatort: Vor einem Lokal in Morges wird ein Mann ohne Vorwarnung niedergestochen.
Kerzen am Tatort: Vor einem Lokal in Morges wird ein Mann ohne Vorwarnung niedergestochen.
Screenshot: SRF

Ein Islamist sticht vor einem Kebabrestaurant im Zentrum des Waadtländer Städtchens Morges einen Mann nieder. Das Opfer, ein 29-jähriger Portugiese, ist offenbar zufällig ausgewählt und stirbt noch an Ort und Stelle. Der Täter soll aus «Rache an der Schweiz» und für den «Propheten Mohammed» gehandelt haben, berichtet danach das Westschweizer Radio und Fernsehen unter Berufung auf eine mit der Untersuchung vertraute Quelle.

Sicher ist: Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) beobachtete den späteren Täter seit 2017 wegen Konsums und Verbreitung jihadistischer Propaganda. Im April 2019 wurde er aufgrund des Verdachts auf Brandstiftung an einer Tankstelle in Untersuchungshaft gesetzt. Drei Monate später kam er unter Auflagen wieder freimit fatalen Folgen.

Januar 2019 in Basel

Direkt neben einem Wohnquartier war der Anschlag geplant: Die Öltanks am Rheinhafen in Basel gibt es inzwischen nicht mehr.
Direkt neben einem Wohnquartier war der Anschlag geplant: Die Öltanks am Rheinhafen in Basel gibt es inzwischen nicht mehr.
Foto: Google Maps

Die Schweiz entgeht einem geplanten Anschlag des Islamischen Staats (IS). Am Rheinhafen in Basel wollte die Terrormiliz im Januar 2019 Öltanks in die Luft sprengen und eine «Katastrophe» auslösen, wie sichergestellte Briefe von syrischen Kämpfern zeigten. Die Attacke am Dreiländereck zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich wurde aber nie in die Tat umgesetzt. Möglich ist, dass nur der Zufall eine Katastrophe verhinderte: Denn die Tanks wurden noch vor dem angegebenen Anschlagstermin zurückgebaut.

21. Oktober 2016 in Winterthur

Soll Terroranschläge für den IS geplant haben: Der frühere Vorbeter A. M. (mit dem schwarzen Balken) vor der An’Nur-Moschee in Winterthur.
Soll Terroranschläge für den IS geplant haben: Der frühere Vorbeter A. M. (mit dem schwarzen Balken) vor der An’Nur-Moschee in Winterthur.
Foto: Kurt Pelda

Der Imam der umstrittenen Winterthurer AnNur-Moschee ruft während der öffentlich zugänglichen Freitagspredigt zu Gewalttaten auf. Jene, die «sich weigern, an den gemeinsamen Gebeten teilzunehmen, sollen getötet werden», sagt der Somalier vor rund 60 Personen. Das Zürcher Obergericht verurteilt ihn Ende 2018 zu einer bedingten Freiheitsstrafe und ordnet eine Landesverweisung von zehn Jahren an. Im Juli 2019 wird das Urteil vom Bundesgericht bestätigt.

Es ist nicht der einzige Fall, bei dem die inzwischen geschlossene AnNur-Moschee für Schlagzeilen sorgt. Wegen Planung von Terrorattacken und Geldüberweisungen an den IS ermittelt die Bundesanwaltschaft auch gegen einen früheren Vorbeter des Gebetshauses. Im September 2020 verurteilte das Bundesstrafgericht den sogenannten Emir von Winterthur zu 50 Monaten Gefängnis. Der IS-Anhänger hatte junge Leute angeworben und für einen Einsatz in Syrien rekrutiert. Und jüngst geriet die Winterthurer Salafistenszene wieder in den Fokus nach dem Anschlag in Wien.

31. März 2011 in Olten

Die Wucht riss ein Loch in die Tischplatte: Das Büro von Swissnuclear nach dem Briefbombenanschlag,
Die Wucht riss ein Loch in die Tischplatte: Das Büro von Swissnuclear nach dem Briefbombenanschlag,
Foto: Schweizer Bundesanwaltschaft (Keystone)

Am Morgen des 31. März 2011 explodiert im Hauptsitz von Swissnuclear, dem Verband der Schweizer Kernkraftwerksbetreiber, eine Briefbombe. Zwei Angestellte werden verletzt, eine Frau bleibt nur aus Zufall am Leben. Adressiert ist der Brief an ein Kadermitglied des Kernkraftwerkes Mühleberg. Der Absender ist unbekannt.

Die Behörden vermuten aber, dass anarchistische Kreise hinter dem Anschlag stecken, genauer gesagt die Informelle Anarchistische Föderation (FAI) aus Italien. Im selben Monat hat die Anti-Atomkraft-Bewegung viel Aufmerksamkeit erhalten, nachdem es zur Reaktorkatastrophe von Fukushima in Japan gekommen war.

13. November 1995 in Genf

Übernahm damals die Ermittlungen im Mordfall: Staatsanwältin Carla Del Ponte.
Übernahm damals die Ermittlungen im Mordfall: Staatsanwältin Carla Del Ponte.
Foto: Keystone

Ein ägyptischer Diplomat wird im Parkhaus seines Wohnhauses im Genfer Vorort Petit-Saconnex ermordet, mit sechs Schüssen aus einer Faustfeuerwaffe. Die zuvor unbekannte Gruppierung Gamaa International Justice bekennt sich zum Attentat. Doch der Mord bleibt ungeklärt, die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft wegen eines islamistischen Motivs führen ins Leere.

Offiziell gehörte das Opfer zur ägyptischen Delegation der Welthandelsorganisation WTO. Dem Bekennerschreiben zufolge soll der angebliche Diplomat aber in Wahrheit nach Geldflüssen der Muslimbruderschaft in der Schweiz gefahndet haben. Jetzt, 25 Jahre nach dem Mord, konnte die Bundesanwaltschaft laut der NZZ einen Tatverdächtigen mithilfe neuer DNA-Analyse identifizieren.

Juli 1981 in Bern, Genf, Lausanne und Zürich

Hier gab es glücklicherweise nur Leichtverletzte: Die Einkaufshalle des Flughafens Zürich-Kloten nach einem Bombenanschlag am 20. Juli 1981.
Hier gab es glücklicherweise nur Leichtverletzte: Die Einkaufshalle des Flughafens Zürich-Kloten nach einem Bombenanschlag am 20. Juli 1981.
Foto: Keystone

Im Sommer 1981 kommt es in mehreren Schweizer Städten zu einer Anschlagsserie. Bei der Explosion eines Sprengsatzes im Bahnhof Genf-Cornavin stirbt ein Zivilist. Ein Sprengstoffanschlag im Lausanner Warenhaus Uniprix fordert 26 Verletzte.

Verantwortlich dafür ist die Terrororganisation Armenische Geheimarmee zur Befreiung Armeniens (Asala), die vor dem Hintergrund des armenisch-türkischen Konflikts weltweit Attentate verübt. Die Schweiz gerät in den Fokus, weil die Behörden Mitglieder von Organisation festgenommen haben. Am 9. Juni 1981 erschossen sie den Sekretär des türkischen Konsulats in Genf. Zuvor war ein Anschlag auf den türkischen Botschafter in Genf gescheitert.

21. Februar 1970 in Würenlingen

Überall Trümmerteile: Feuerwehrleute, Polizisten und Journalisten bei der Absturzstelle der Swissair im Wald bei Würenlingen.
Überall Trümmerteile: Feuerwehrleute, Polizisten und Journalisten bei der Absturzstelle der Swissair im Wald bei Würenlingen.
Foto: Keystone

Der blutigste Terroranschlag in der Schweiz wird am 21. Februar 1970 verübt: Nachdem im Frachtraum eine Bombe explodiert, stürzt ein Flugzeug der Swissair in ein Waldstück bei Würenlingen im Kanton Aargau. Alle 47 Menschen an Bord sterben, darunter 15 israelische Staatsbürger. Das Flugzeug war unterwegs von Zürich nach Tel Aviv.

Die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC) bekennt sich zur Attacke. Das primäre Anschlagsziel sei ein hoher israelischer Beamter gewesen, der sich unter den Passagieren befunden habe. Trotz des Bekennerschreibens ist es den Bundesbehörden bis heute nicht gelungen, die Verantwortlichen des Attentats zur Rechenschaft zu ziehen und die Hintergründe vollständig aufzuklären.

10. September 1898 in Genf

Die österreichische Kaiserin Elisabeth wird tödlich verletzt: Illustration aus «Le Petit Journal».
Die österreichische Kaiserin Elisabeth wird tödlich verletzt: Illustration aus «Le Petit Journal».
Foto: Gamma-Rapho (Getty Images)

Es ist wohl der erste bekannte Terroranschlag auf Schweizer Boden: Die Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt Sissi, wird am 10. September 1898 an der Seepromenade in Genf ermordet. Der italienische Anarchist und Kommunist Luigi Luccheni rammt ihr eine spitze Feile ins Herz. Sissi merkt zuerst gar nicht, was passiert ist, und bricht erst Minuten später zusammen. Alle Wiederbelebungsversuche sind vergebens.

Luccheni hegte einen grossen Hass auf Reiche und wollte mit seiner Tat Angst und Schrecken unter den Adelshäusern Europas verbreiten. Er wurde verhaftet und wegen des Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 19. Oktober 1910 fand man ihn erhängt mit einem Gürtel in seiner Zelle.

Natürlich handelt es sich bei den beschriebenen Vorfällen nur um eine Auswahl. Gemäss einer Auswertung der «Berner Zeitung» gab es in der Schweiz alleine bis ins Jahr 2013 mindestens 130 Terrorakte mit 60 Toten und 140 Verletzten. Nicht weniger als 37 Organisationen haben sich zu Anschlägen hierzulande bekannt. Die meisten Attacken gingen auf das Konto von linksextremen Kräften. Solche mit islamisch-religiösem Hintergrund gab es nur wenige.

Aktuell gehe die grösste Gefahr für die Schweiz aber von islamistischen Extremisten aus, schreibt das Fedpol in seinem neusten Jahresbericht. Am wahrscheinlichsten seien Anschläge, die von Einzeltätern oder Kleingruppen ausgeführt werden könnten. Der NDB beobachtet derzeit 57 Personen, die ein erhöhtes Risiko und eine primäre Bedrohung für die innere und äussere Sicherheit der Schweiz darstellen. Dabei handelt es sich sowohl um Jihadisten als auch Personen, die andere Formen des Terrorismus unterstützen und dazu ermutigen.

34 Kommentare
    B.Kerzenmacherä

    In den Visegrad-Staaten scheint es recht sicher zu sein. Was machen die anders?