Zum Hauptinhalt springen

Samstagsgespräch«Wer auf die Anerkennung anderer schielt, der ist in Wahrheit ein Sklave»

Michael Andrick, Philosoph und Manager, spricht über das Aufstiegsstreben im modernen Arbeitsleben und warum Ehrgeiz in seinen Augen keine gute Eigenschaft ist.

«Konformismus darf nicht den Einspruch ausschalten, den wir uns als moralische Wesen gegen das Tun unserer Umgebung bewahren müssen», sagt Michael Andrick.
«Konformismus darf nicht den Einspruch ausschalten, den wir uns als moralische Wesen gegen das Tun unserer Umgebung bewahren müssen», sagt Michael Andrick.
Foto: Karolina Kovac

Wie ehrgeizig sind Sie?

Nach aussen hin erscheine ich sicherlich wie jemand, der nach Erfolg strebt. Ich bin nach dem Philosophiestudium in die Wirtschaft gegangen und habe relativ zügig Karriere im mittleren Management gemacht. Aber ich habe mich insgeheim immer darüber geärgert, wenn andere mich als ehrgeizig bezeichnet haben. Und als Philosoph wollte ich herausfinden, was es mit diesem Unwohlsein auf sich hat.

Also haben Sie ein Buch darüber geschrieben, in dem Sie mit dem Erfolgskult der heutigen Arbeitswelt abrechnen. Was stört Sie am Ehrgeiz?

Mit Ehrgeiz verbinde ich eine bestimmte Form von Konformismus: Wer ehrgeizig ist, muss sich stets fragen, was wohl die plausiblen Erwartungen der anderen sind und wie er diese erfüllt. Er muss sein Denken und Handeln danach ausrichten, was sein Umfeld wahrscheinlich goutieren wird. Denn dann erst bekommt er die Trophäen des Erfolgs, die unsere Arbeitsinstitutionen zu verteilen haben: den nächsten Job, ein höheres Gehalt, die berufliche Anerkennung. Diese Art der Aussenorientierung halte ich für fragwürdig.

Ehrgeiz ist für Sie eine Art moralischer Suizid.

Moralisch sein bedeutet, sich ein Veto gegen das Denken und Tun seiner Umgebung vorzubehalten und im Fall der Fälle den Mut zur Abweichung aufzubringen. Eine moralische Person kann eine Geschichte über sich erzählen: Wo komme ich her, wo gehe ich hin, welche Werte leiten mich dabei? Die Arbeit fügt sich in diese Erzählung ein, aber sie ist nicht der Zweck an sich. Der Gegenpol zur moralischen Person ist in meiner Philosophie der Funktionär. Er setzt die Anforderungen seiner Aussenwelt so um, wie er vermutet, dass sie es von ihm wünscht. Das kann grundsätzlich sehr weit gehen: Autoren wie Harry Mulisch und Hannah Arendt haben in ihren Berichten über den Eichmann-Prozess den NS-Verbrecher als jemanden beschrieben, der durch völliges Fehlen eigenständiger Gedanken auffiel und bereit war, einfach bei jedem Befehl die Hacken zusammenzuschlagen.

Eine Tendenz zur Aussenleitung des Handelns und zur «Unterbetonung» des eigenen, kritischen Urteils ist nach meiner Analyse in unserer Industriegesellschaft grundsätzlich verankert.

Mit Verlaub: Ist es nicht eine vermessene Behauptung, unsere Arbeitswelt verwandle uns geradewegs in Wiedergänger von Adolf Eichmann?

Das will ich auf keinen Fall behaupten, das wäre ein falscher und unvertretbarer Schluss. Eichmann steht allerdings in der historischen Debatte sinnbildlich für den absoluten Extremtypus eines gewissenlosen Funktionärs. Sein Fall hilft als schreckliches Beispiel zur Orientierung. Die Schilderungen über ihn sind finster und bedrückend zu lesen. Mir haben sie gerade deshalb aber geholfen, eine sehr bittere Einsicht zu gewinnen: Die institutionelle Logik, die Konformität mit bestimmten Karrierepfaden belohnt und das eigene, vielleicht kritische Urteil tendenziell bestraft, hat sich in den letzten hundert Jahre nicht sehr geändert. Sie ist mit der Geburt der Industriegesellschaft in die Welt gekommen, und sie bleibt bis heute ein Wesensmerkmal dieser Industriegesellschaft, über das wir uns keiner Illusion hingeben dürfen.

Trotzdem: Wer ehrgeizig die eigene Karriere vorantreibt, ist nicht zwangsläufig moralisch so blind, dass er genauso gut zum Erfüllungsgehilfen eines Mordprogramms werden könnte.

Eine Tendenz zur Aussenleitung des Handelns und zur «Unterbetonung» des eigenen, kritischen Urteils ist nach meiner Analyse in unserer Industriegesellschaft grundsätzlich verankert. Der Ehrgeiz spielt als Leittugend im Betrieb der Industriegesellschaft eine Schlüsselrolle, und dafür will ich meine Leser sensibilisieren. Wenn man sich die Angewohnheit bewahrt, immer wieder zurückzutreten und sich zu fragen, welchen Zwecken man gerade dient und ob man diese Zwecke vertreten kann, dann wird es auch gelingen, moralisch integer zu bleiben. Nur ist das keine leichte Abwägung, sie kann mit Furcht und Risiko belastet sein. Denn wer es mit seiner Integrität ernst meint, der muss eben im Fall der Fälle auch widersprechen und Mut zur Abweichung aufbringen.

Es gibt nichts Unoriginelleres als eine Karriere.

Ist es denn wirklich, wie Sie behaupten, allein unser Ehrgeiz, der uns im Beruf zu gedankenlosen Funktionären und Abnickern macht? Ist es nicht eine Frage der Machtverhältnisse: Wir sind schlicht auf den Job angewiesen, um zu überleben.

Da ist etwas dran. Der Begriff der Professionalität hilft mir, diesen Punkt zu klären: Als Professionalität bezeichne ich den geordneten Gehorsam gegenüber dem Institutionszweck. Das ist nötig in unserer Industriegesellschaft, das machen wir alle zu einem gewissen Grad. Aber nicht alle lassen sich davon vereinnahmen. Ehrgeizig sind für mich diejenigen, die Professionalität zu einem Sport machen: Wem muss ich wohl wie gehorchen, damit sich meine Wahrscheinlichkeit erhöht, eine Abteilung übernehmen zu können oder noch mehr Geld zu bekommen? Damit gerät man in die spezielle moralische Gefährdung, die ich neben vielem anderem in meinem Buch bespreche.

Sie predigen eine Art Stoizismus für die Arbeitswelt. Den Sinn unserer Arbeit sollen wir aus uns selbst schöpfen, nicht aus dem Urteil anderer.

Ich will nicht predigen, sondern argumentieren. Die Stoiker haben meines Erachtens mit einem recht: Wer auf die Anerkennung anderer schielt, der ist in Wahrheit ein Sklave. Wenn wir eine Arbeit aber tun, weil wir damit unsere Werte verwirklichen, dann haben wir den Lohn unserer Arbeit in der Arbeit selbst. Unser Lebensweg ist nie einfach eine Karriere. Ein Lebensweg ist einmalig. Eine Karriere ist per definitionem etwas, was jeder betreten und abschreiten kann. In diesem Sinne gibt es nichts Unoriginelleres als eine Karriere.

Wir können in der Industrigesellschaft moralisch integer bleiben.

Ist das nicht eine sehr romantisierte Vorstellung, man könne sich so vollkommen autonom machen in seiner Arbeit? Sind wir nicht auf die Rückmeldung anderer angewiesen, um überhaupt das zu erkennen, was wir für uns als sinnvoll erachten können?

Ja, und das ist eine spezielle Entwicklung unserer Zeit. Im Mittelalter wurde man in einen bestimmten Stand hineingeboren: Du bist Bauer, das ist von Gott so gewollt, das ist dein Platz im Leben. Das garantierte Stabilität. Heute haben wir weltanschauliche Pluralität, es gibt keine Einigkeit mehr über die Ordnung der Dinge, und wir müssen unser Leben selbst formulieren. Und dabei sind wir unbedingt auf die Spiegelung durch andere angewiesen. Ein gewisses Mass an Konformismus gehört daher zur Grundkonstitution der modernen Welt und ist für uns auch vernünftig. Er darf nur nicht den Einspruch ausschalten, den wir uns als moralische Wesen gegen das Tun unserer Umgebung bewahren müssen.

Interessanterweise machen Sie in Ihrem Buch eine Gruppe aus, deren Mitglieder diesem Sog zum Funktionieren und dem Heischen nach Zustimmung in unserer Arbeitswelt entgehen können – zufällig die Gruppe, zu der Sie selbst gehören: Führungskräfte.

Prinzipiell kann jeder diesem Sog entgehen, Führungskräfte und «normale» Mitarbeiter der Institutionen unserer Industriegesellschaft. Führungskräfte sollten sich meines Erachtens diesem Sog des Konformismus engagiert entziehen, damit sie Veränderung bewirken können. Denn sie haben eine hochinteressante Doppelrolle. Einerseits müssen Führungskräfte der Logik und den Zwecken ihrer Institutionen gehorchen, also professionell sein. Andererseits müssen sie aber die Professionalität ihrer Organisation durchbrechen und neu ordnen können, etwa wenn die Aussenwelt des Unternehmens sich ändert: durch neue Technologien, durch veränderte rechtliche Rahmenbedingungen. Führung ist das professionelle Durchbrechen der etablierten Professionalität.

Man fühlt sich beim Lesen ein wenig an Platons Höhlengleichnis erinnert: Die einfachen Angestellten sind angebunden in der Höhle und halten die Schatten an der Wand für ihre Wirklichkeit. Die Führungskräfte sind die Philosophen, die die Höhle verlassen können und die Dinge hinter den Schatten erkennen.

Eine Führungskraft ist als ganze Persönlichkeit gefragt. Sie muss wissen wollen: Was stimmt mit der etablierten Praxis nicht mehr? Und was sind die prinzipiellen und machbaren Alternativen? Das ist philosophische Reflexion, wir sind nur nicht gewohnt, es so zu nennen. Eine Führungskraft ist als ganze philosophierende Person beansprucht.

Platon meinte, im idealen Staat herrschen die Philosophen. Sind Führungskräfte die Philosophenkönige der Arbeitswelt?

Es ist zumindest ein schönes Ergebnis meiner Philosophie, dass Führungskräfte in gewisser Weise als Philosophen ihrer Institutionen betrachtet werden können. Das Höhlengleichnis verwende ich nicht, weil Platon damit eine abschätzige Einteilung der Menschen in verschiedene Klassen herleitete.

Überhöhen Sie nicht dennoch Führungskräfte gewaltig? Wenn die Chefinnen und Chefs mehr Autonomie für sich beanspruchen können, dann doch gar nicht so sehr wegen ihrer höheren Einsichtsfähigkeit, sondern weil ihre Position es ihnen erlaubt.

Wie sehr jemand kritisch über seine Umwelt und ihre Praktiken nachdenken und dann auch innovativ handeln kann, das kann man immer nur mit Blick auf den einzelnen Menschen beantworten. Mir geht es um das prinzipielle Kräftespiel, in dem sich jeder Einzelne bewegt. Und das lässt Führungskräften mehr Raum, um als ganze Person zu wirken. Und das sollten sie versuchen.

Als Führungskraft haben Sie die Möglichkeit, das System von innen heraus zu wandeln.

Man könnte auch den Verdacht haben, Sie zeichnen vor allem deswegen ein so wohlwollendes Bild von Führungskräften, um nur den performativen Widerspruch aufzulösen, in dem Sie sich befinden: Da kritisiert ein erfolgreicher Manager das Erfolgsstreben.

Ohne selbst Führungskraft zu sein, hätte ich niemals die Einsichten bekommen, die ich jetzt philosophisch verarbeiten konnte. Als Führungskraft im industriellen System stützen Sie natürlich dieses System, Sie haben aber auch die Möglichkeit, es von innen heraus zu wandeln. Meine Erfahrung ist, dass diese Spielräume von einer Führungskraft in jedem einzelnen Fall neu erkämpft werden müssen. Es ist nicht der Standardmodus der Industriegesellschaft, dass Sie einmal alles hinterfragen und dann anders machen dürfen. Am Ende ist das die moralische Frage, die auch ich mir immer wieder stelle: Habe ich genügend Möglichkeiten, in meiner Berufstätigkeit an einem positiven Wandel mitzuwirken? Bei mir ist das auf jeden Fall so.

In Führungspositionen kommen aber dummerweise eher diejenigen, die vom Ehrgeiz getrieben sind.

Es hängt von der Kultur jeder einzelnen Organisation ab, ob sie Sachbezug und Mut oder eher Beziehungspflege und Konformität belohnt. Mir scheint nicht, dass philosophischer Ernst das beste Rezept für den maximalen Karriereaufstieg ist. Eine Aufwärtsselektion der Ehrgeizigen untereinander findet immer statt – aber warum sollen sich nicht auch betont selbstständige Charaktere in fairer Weise gegenseitig voranhelfen können? Ich persönlich durfte das schon erleben.

Hatten Sie einmal das Gefühl, selbst in die Ehrgeizfalle geraten zu sein?

Ich hatte einmal eine Phase, in der eine relativ schnelle Beförderung über mehrere Hierarchiestufen in kurzer Zeit möglich schien. Das passierte dann auch. Aber ich fühlte mich damals wie eine Rechenmaschine für den nächsten Schritt. Ich habe ständig überlegt: Welche Mitspieler habe ich bei diesem Projekt? Wem kann ich was wann in welcher Form sagen, damit es keine Konflikte gibt? Welche Informationen teile ich jetzt, welche später? Wie setze ich bestimmte Termine? Alles wird einer manipulativen Logik untergeordnet, um die Dinge und Menschen so zu orchestrieren, dass es dem eigenen Fortkommen dient. Das ist letztlich eine unmenschliche Verhaltensweise. In dieser Zeit habe ich so viel gearbeitet, dass ich praktisch nicht mehr zu Hause war und all meine persönlichen Beziehungen radikal vernachlässigte. Ich habe damals so schwer meinem Laster gefrönt und Zigarillos geraucht, dass ich Magenprobleme bekam. Daraus habe ich viel gelernt, was ich auch philosophisch verarbeitet habe.

Und was antworten Sie den Menschen, die Sie als ehrgeizig bezeichnen?

Wenn Sie eine philosophische Kritik formulieren, müssen Sie immer gegen die etablierte Sprache angehen. Ehrgeiz ist positiv konnotiert, er ist sozusagen die Leittugend des industriellen Betriebs. Ich würde die Rede vom Ehrgeiz so übersetzen: Wer eine Führungsposition anstrebt, weil er gern mit Menschen arbeitet und gern mit ihnen zusammen grosse Projekte bewegt, der hat ja eine Wertorientierung. Der will ja nicht einfach nur nach oben, der hat inhaltliche Gründe dafür. Wer mich kennt, weiss, dass ich mir nicht besonders viel mache aus den vermutlichen Meinungen anderer Leute über mich. Ich mache mir aber sehr viel daraus, meine Ziele zu erreichen, weil ich sie gewöhnlich für mich selbst gut begründet habe. Ich würde also antworten: Ich bin zielstrebig, aber nicht ehrgeizig. So löst sich auch mein Unwohlsein auf.

32 Kommentare
    Lumulus

    Felix Furrer: Es geht hier nicht um die Soldaten, die selbstverständlich, falls erwünscht, auch seelisch betreut werden dürfen, sondern um die Ausübung einer Tätigkeit als Militärseelsorger! Da haben Sie den Artikel von Peter Schrader falsch aufgefasst. Dieser fragt doch durch die Blume, wie sich so eine übersinnliche Tätigkeit mit dem blutigen Kriegshandwerk vereinbaren lässt? Im 1. WK segneten die Pfa…… die Kanonen beidseits des Rheins, ja Frage: Auf welcher Seite stand da Gott? Und verstehe man endlich das 5/6.Gebot richtig, wo es nicht ums ''töten'' geht, sondern ums ''Morden'', das verboten ist. // Betr. Ehrgeiz: Das liegt z.T. auch in den Genen: Jemand ist von Natur aus der geborene, unangefochtene Chef, der es aber auch versteht, richtig zu delegieren und weiss, welche (N)Akte unbedingte Chefsache ist. Er muss auch nicht das hinterletzte Detail einer Angelegenheit kennen, dafür hat die beratenden Spezialisten zur Hand. Er muss ''nur'' die Ueber-sicht über das Ganze haben und in Stressmomenten kühlen, schlagfertigen Kopf bewahren. Darum auch ist g u t Autofahren können, so vorteilhaft, nichts für zaghafte Siebenmalgscheite. Lieber Entschlussfreudigkeit heute, als die noch bessere Lösung morgen > ... zu spät. (1.06.20)