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Analyse zu SchwangerschaftsabbrüchenWer wie oft abtreibt

Migrantinnen brechen Schwangerschaften fast doppelt so häufig ab. Doch nun steigen die Zahlen vor allem bei den Schweizerinnen an.

Ungewollt schwanger? Am stärksten ist die Abtreibungsrate bei den Frauen zwischen 35 und 39 gestiegen.
Ungewollt schwanger? Am stärksten ist die Abtreibungsrate bei den Frauen zwischen 35 und 39 gestiegen.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist 2019 gestiegen – bereits zum zweiten Mal in Folge, nachdem sie zuvor jahrelang gesunken war. Im vergangenen Jahr kam es zu 6,5 Abtreibungen pro 1000 Frauen im gebährfähigen Alter – 2017 waren es noch 6,2. Darüber haben wir bereits berichtet. Nun möchten wir die Daten, die das Bundesamt für Statistik heute Morgen publiziert hat, vertieft analysieren.

Ein Blick auf die verschiedenen Altersklassen zeigt, dass sich die Abbruchraten pro 1000 Frauen je nach Alter unterscheiden. Am häufigsten beenden Frauen zwischen 20 und 34 eine Schwangerschaft.

Am stärksten angestiegen ist dagegen die Rate der Frauen zwischen 35 und 39. Auch jene der 20- bis 24-Jährigen liegt 2019 wieder etwas höher, nachdem sie in den Jahren zuvor markant gesunken war. Dasselbe gilt für die unter 20-Jährigen. Sie verzeichnen zwar 2019 wieder etwas mehr Abtreibungen, aber deutlich weniger als noch vor zehn Jahren.

«Viele junge Frauen fangen mit der Pille an. Es ist häufig ihr erstes Verhütungsmittel», sagt Irène Dingeldein, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. «Sie nehmen sie sehr gewissenhaft ein – auch weil sie ganz sicher nicht schwanger werden wollen

Sind Frauen unter 20 Jahren aber einmal schwanger, entscheiden sie sich deutlich häufiger für eine Abtreibung als die über 20-Jährigen. Nur jede zweite Frau zwischen 15 und 19 will ihr Kind behalten. Besonders selten ist dies bei den unter 16-Jährigen. Die meisten dieser jungen Frauen brechen eine Schwangerschaft ab. Die Erklärung dafür sei meist ganz einfach, sagt Irène Dingeldein: Ein Kind passe einfach noch nicht in ihr Leben.

Doppelt so hohe Rate bei Ausländerinnen

Grosse Unterschiede zeigen sich nicht nur bei den Altersklassen, sondern auch zwischen Schweizerinnen und Ausländerinnen. Zwar lassen nicht alle Kantone erfassen, ob die Frauen einen Schweizer Pass haben. Analysiert man aber die Zahlen jener 14 Kantone, die das tun, stellt man bei Ausländerinnen eine fast doppelt so hohe Abbruchrate fest wie bei den Schweizer Frauen.

Das liegt laut Expertinnen unter anderem daran, dass Migrantinnen schlechter aufgeklärt sind und weniger oft zur Frauenärztin gehen. Beispielsweise weil ihre Familien es ihnen verbieten – genau wie sexuelle Kontakte vor der Ehe. Andere benutzen kein Verhütungsmittel, weil sie die verschiedenen Methoden gar nicht kennen. Auch soziokulturelle Einstellungen spielen eine Rolle.

Anteil der Schweizerinnen steigt

Die Unterschiede zwischen Ausländerinnen und Schweizerinnen werden allerdings immer kleiner. 2008 wurde noch mehr als jede zweite Abtreibung bei einer Ausländerin durchgeführt – obwohl hierzulande natürlich viel mehr Schweizerinnen als Ausländerinnen leben. Seither nimmt der Anteil der einheimischen Frauen an den Abbrüchen stetig zu und liegt nun bei 57 Prozent. Der jüngste Anstieg bei den Schwangerschaftsabbrüchen ist also vor allem auf die Schweizerinnen zurückzuführen.

«Ich kann mir das eigentlich nicht erklären», sagt Irène Dingeldein, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. «Vielleicht sind es vor allem Schweizerinnen, die vermehrt natürlich verhüten – und dann auch einmal ungewollt schwanger werden.» Die auf Kinder- und Jugendgynäkologie spezialisierte Berner Ärztin stellt einen klaren Trend fest: weg von den Hormonen, hin zu natürlichen Verhütungsmethoden.

Romands treiben häufiger ab

Schliesslich zeigen sich auch zwischen den Kantonen beträchtliche Differenzen. Die höchste Abbruchrate weist der Kanton Genf aus – mit 11 Eingriffen pro 1000 Frauen. Im Kanton Schwyz wird dagegen viel weniger abgetrieben.

Vergleicht man die Schwangerschaftsabbrüche mit den Geburten, so lässt sich für Schwyz sagen, dass ungefähr jedes 25. Kind nicht ausgetragen wird. In Genf ist es etwa jedes 6. Kind. Generell wird in protestantischen Regionen häufiger abgetrieben als in katholischen – und in der Westschweiz häufiger als in der Zentral- und Ostschweiz.

Drei Viertel der Abbrüche finden während der ersten 8 Schwangerschaftswochen statt, nur wenige nach der 12. Woche. Dies hat auch rechtliche Gründe: Ab der 13. Woche ist eine Abtreibung nur noch erlaubt, wenn die Frau durch die Schwangerschaft physisch oder psychisch gefährdet ist.