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In der EinsatzzentraleGelb steht für den Transport eines Covid-19-Patienten

Wie die Sanität der Armee ihre Einsätze während der Corona-Krise organisiert und warum sie dazu ein Modell der Schweiz und Klötzchen benutzt.

In der Einsatzzentrale der Sanität koordiniert die Armee die Einsätze ihrer Sanitäter – digital und real.
In der Einsatzzentrale der Sanität koordiniert die Armee die Einsätze ihrer Sanitäter – digital und real.

Auf den ersten Blick wirkt der Raum wie eine unaufgeräumte Kita, auf den zweiten wie ein Nachlass aus dem Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich ist es die Einsatzzentrale der Sanität der Schweizer Armee. Hier, in Ittigen bei Bern, baut sie mit Klötzen nach, was sie auch per Computer erfasst: Wie viele Soldatinnen und Soldaten wo welche Leistungen erbringen; aufgeboten sind zurzeit alle Sanitätskompanien und Spitalbataillone.

Immer wenn ein Befehl ausgeführt und eine Truppe in einem Spital eingetroffen ist, erhebt sich Oberst Flückiger vom Bürostuhl und läuft zur Einsatzzentrale. Dort ist die ganze Schweiz vor seinen Füssen ausgebreitet, auf eine Karte von sechs auf neun Meter verkleinert. Oberst Flückiger oder einer seiner Mitarbeiter nimmt dann einen Klotz zur Hand, beklebt ihn mit Etiketten und setzt ihn dort auf die Karte, wo die Truppe angekommen ist.

«Auf der Karte haben wir den besseren Überblick als auf einem Bildschirm», erklärt Daniel Flückiger, Chef Truppenbelange Sanität. Und: Selbst wenn es zu einem Stromausfall käme oder sämtliche Computer und Rechner abstürzten die Sanität hätte den Überblick.

Oberst Daniel Flückiger.
Oberst Daniel Flückiger.
Foto: Zentrum elektronische Medien

Erst auf den dritten, ganz nahen Blick zeigt sich, wie viele Informationen in diesem Modell gespeichert sind. Auf jedem Klotz kleben Etiketten Gelb steht für einen Transport eines Covid-19-Patienten, Blau für alle anderen. Rot gibt Hinweise zur Ausrüstung des Fahrzeugs, ob etwa ein Beatmungsgerät oder ein Monitor vorhanden sind. Daneben zeigen grüne Ringe und blaue Kreise, wo die Truppen untergebracht sind und wo die medizinischen Einrichtungen der Armee stehen.

Oberst Flückiger erklärt das Modell am Telefon; die Armee ist gefordert wie lange nicht mehr, die Ansteckungsgefahr gross. Es liegt nicht drin, Journalisten durch das Militärdispositiv zu schleusen. Dennoch, Flückigers Stimme klingt gelassen, er beantwortet auch die einfachste Frage geduldig und achtet darauf, dass keine auf der zugeschickten Liste vergessen geht.

Flückiger und seine vier Mitarbeitenden führen nebst all ihren anderen Aufgaben das Modell nach, 20- bis 30-mal pro Tag, und das in zwei Schichten. Es verändert sich fast von Stunde zu Stunde. Nur nachts bleibt für kurze Zeit ein Klotz auf dem anderen.

Im Spital tragen Soldaten Blau

Seit der Bundesrat am 16. März die Situation zur «ausserordentlichen Lage» erklärt und gleichzeitig ein Aufgebot von bis zu 8000 Soldatinnen und Soldaten zur Unterstützung der Kantone bewilligt hat, wachsen die Stapel mit Klötzen. Zu Beginn war die Schweiz in der Einsatzzentrale flach wie Holland, nur im Tessin und um den Genfersee zeigten sich Erhebungen. Mittlerweile wurde das ganze Land zum Berggebiet; alle Kantone haben Hilfe von der Armee angefordert.

Während sich die Klötze stapelten, rückten die Soldaten ein, aufgeboten per SMS. Sie wurden ausgerüstet und nachgeschult. Das Gros der Aufgebotenen verfügt bereits über die Ausbildung eines Pflegehelfers, zusätzlich wurden sie innert zehn Stunden für die ausserordentliche Situation geschult und lernten etwa, wie sie sich schützen müssen, wenn sie Kranke transportieren.

Daniel Flückiger geht davon aus, dass sich Spitäler und Kantone erst dann an die Armee wenden, wenn sie selber in einem Engpass sind. Die Nachfrage nach Unterstützung ist gross. Die Soldaten helfen insbesondere den stark beanspruchten Pflegerinnen und Pflegern; transportieren Kranke zwischen den Abteilungen oder den Spitälern, überwachen sie oder verschieben medizinisches Material. Die Patienten werden Pfleger und Soldat kaum unterscheiden können – statt Feldgrün tragen die Soldaten nun Blau wie das Pflegepersonal. Zudem Maske, Schutzbrille, Handschuhe und Schutzanzug.

Auch wenn das Modell in der Einsatzzentrale wirkt, als habe es seinen Dienst schon während der Weltkriege geleistet: Erstmals «scharf gestellt», wie es Oberst Flückiger formuliert, wurde es erst 2009. Damals war die Schweinegrippe im Umlauf, und die Armee organisierte im ganzen Land Impfzentren. Das Ausmass der Bedrohung war deutlich kleiner als heute – und das Modell in der Sanitätszentrale ebenso.