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Flüchtlingstragödie im Mittelmeer«Where is my baby? I lose my baby!»

In den letzten Tagen starben mindestens 94 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Die Schiffe der meisten Hilfsorganisationen sind blockiert, bei der EU stehen Antworten weiterhin aus.

Eine weitere Tragödie im Mittelmeer: Schiffbrüchige vor der Küste Libyens am Donnerstag.
Eine weitere Tragödie im Mittelmeer: Schiffbrüchige vor der Küste Libyens am Donnerstag.
Foto: Keystone

Ein kurzes Video, 28 Sekunden lang, führt Europa vor, dass die Flucht über das Mittelmeer weitergeht – auch während der Pandemie, bei rauer See und ohne Aussicht auf Hilfe. Veröffentlicht hat die Aufnahmen die katalanische Hilfsorganisation Open Arms. «Damit alle Augen sehen, was unsere Augen sehen», schreibt sie dazu.

Das Video zeigt eine Mutter, 20 Jahre alt, aus Guinea, die gerade zwischen Libyen und Italien aus den Wellen gerettet worden ist. Auf dem Rettungsboot bangt sie um ihren sechs Monate alten Sohn Joseph, der ihr bei der Operation aus den Armen geglitten ist: «Where is my baby? I lose my baby!», ruft sie. Was man nicht sieht: Kurz darauf finden die Helfer das Baby, völlig erschöpft. Es stirbt an Herzstillstand, bevor der Rettungshelikopter aus Lampedusa eintrifft.

Immer wieder gibt es Zeitdokumente, die das tödliche Drama der Flucht nach Europa ikonenhaft festhalten. Wie das Bild aus dem Jahr 2015: der Leichnam des syrischen Jungen Alan Kurdi, drei Jahre alt, den die Wellen an einen Strand von Bodrum schwemmten. Oder das Bild von Josefa vor zwei Jahren, einer Kamerunerin, die sich 48 Stunden lang an einem Stück Treibholz festgeklammert hatte, bis sie gerettet wurde – mit weit aufgerissenen, vor Angst gezeichneten Augen: Sie hatte alle Mitfahrenden sterben sehen. Das Video von Josephs verzweifelter Mutter reiht sich da ein.

900 Tote im laufenden Jahr

Ungefähr 900 Migranten ertranken seit Beginn des Jahres auf der Route durch das zentrale Mittelmeer, schätzt die UNO-Organisation für Migration. Allein am Donnerstag starben bei zwei Unglücken 94 Menschen. Sie waren im kriegszerrissenen Libyen auf viel zu kleine Boote mit viel zu wenig Treibstoff gedrängt worden und kamen nicht weit. In einem Fall konnten libysche Fischer 47 Überlebende finden, im anderen drei.

Auf dem Schlauchboot, auf dem auch Joseph mit seiner Mutter gereist war, ging das Benzin nach eineinhalb Tagen aus, sie waren etwa hundert an Bord. Open Arms schaffte es, 88 von ihnen zu retten – es war, trotz allem, ein Glücksfall. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex hatte die NGO über die Havarie des Boots informiert. Das sei seit 2016 nicht mehr vorgekommen, berichten die Verantwortlichen von Open Arms.

Open Arms ist derzeit die einzige Organisation, die Missionen vor der libyschen Küste fährt. Ihr Schiff steht nun mit 263 Geretteten an Bord vor Lampedusa und wartet auf die Zuweisung eines Hafens, was Tage bis Wochen dauern kann. Italien und Malta befinden sich im Notzustand wegen der Pandemie, sie haben ihre Häfen deshalb als unsicher eingestuft. Erst wenn sich Partnerstaaten in der EU auf eine Aufteilung der Migranten einigen, lassen sie die Schiffe anlanden.

Gleich vier Schiffe von NGOs sitzen im Moment fest. Die Louise Michel des britischen Künstlers Banksy liegt an einem spanischen Hafen, die deutsche Sea Watch 4 in Palermo, die ebenfalls deutsche Alan Kurdi von Sea Eye im sardischen Olbia sowie die Ocean Viking von SOS Méditerranée im sizilianischen Porto Empedocle. Die italienischen Behörden hindern die Schiffe mit mutmasslich vorgeschobenen Argumenten am Auslaufen, etwa mit dem Vorwurf administrativer Vergehen oder mit langwierigen Eignungsverfahren. (Lesen Sie zum Thema den Artikel «Lampedusa verzweifelt an Geisterschiffen».)

Das Bündnis «United4Rescue», das an der Sea Watch 4 beteiligt ist, klagt angesichts der jüngsten Unglücke über die Schikanen. Dass rechtlichen Fragen mehr Gewicht eingeräumt werde als der humanitären Dringlichkeit, bedauere er sehr, sagt Heinrich Bedford-Strohm, Mitinitiator von «United4Rescue». «Dem himmelschreienden Leid und sinnlosen Sterben im Mittelmeer muss endlich ein Ende bereitet werden», fordert er nach einem Gespräch mit der italienischen Transportministerin und dem Chef der italienischen Küstenwache, die fast täglich Schiffbrüchige in Sicherheit bringt.

Seenotrettung ist auf EU-Ebene kein Thema

Auf europäischer Ebene wird über die Frage der Seenotrettung derzeit aber nicht einmal diskutiert. Der Vorschlag der EU-Kommission für eine Asylreform enthält zwar Passagen, die sich mit der Verteilung von aus Seenot Geretteten befassen. Die Mitgliedsländer beginnen allerdings gerade erst, sich mit diesem Vorschlag auseinanderzusetzen. Die Verhandlungen dürften sich hinziehen. Und ob es am Ende tatsächlich eine Einigung geben wird, ist ungewiss. Für die Debatte um die Seenotrettung dürfte das bis auf weiteres Stillstand bedeuten – denn schon in der Vergangenheit wollten die EU-Staaten sich in dieser vergleichsweise kleinen Frage nicht bewegen, solange nicht auch die grosse geklärt ist, die nach einem gemeinsamen Asylsystem.

Dafür steigt inzwischen der Druck auf die europäische Grenzschutzagentur Frontex. Nach den Berichten über die Verwicklung von Frontex-Beamten in sogenannte Push-Backs in der Ägäis – bei denen Migranten entgegen internationalem Recht auf die andere Seite der EU-Grenze zurückgedrängt werden – hatte EU-Kommissarin Ylva Johansson eine Dringlichkeitssitzung des Verwaltungsrats einberufen. Das Treffen am letzten Dienstag sei «ein guter Anfang» gewesen, sagte sie danach. Bis zum nächsten Treffen Ende November soll Frontex-Chef Fabrice Leggeri Fragen der Kommission zu den Vorfällen schriftlich beantworten.

53 Kommentare
    Erika

    Von 47 Kommentaren sind 31, welche mich erschüttern und fassungslos machen. Ja, aus der reichen Schweiz und aus der warmen Stube kann man schon solche menschenverachtende Kommentare schreiben. Bei nächster Gelegenheit aber schreiben dieselben von unserer christlich-abendländischen Kultur, welch ein Hohn. Glücklicherweise gibt es aber 16 Kommentare welche mir zeigen, dass noch nicht alle gegenüber dem Leid fremder Mitmenschen immun sind. Ein herzliches Danke an diese Kommentarschreiber/innen.