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Negativ-Rekord abgewendetWie Christian Gross Schalke 04 wieder zum Siegen gebracht hat

Das 4:0 gegen Hoffenheim ist der erste Schalker Sieg nach 30 Bundesligaspielen. Das sind die Rezepte, mit denen Christian Gross den Traditionsclub wiederbeleben will.

Euphorisch sieht irgendwie anders aus. Christian Gross klatscht sich während des 4:0-Siegs seiner Schalker gegen Hoffenheim mit seinem Assistenten Naldo ab.
Euphorisch sieht irgendwie anders aus. Christian Gross klatscht sich während des 4:0-Siegs seiner Schalker gegen Hoffenheim mit seinem Assistenten Naldo ab.
Foto: Guido Kirchner (Keystone)

Es ist ihm immer um die grossen Dinge gegangen. Titel, Triumphe, historische Nächte. Als Trainer von Schalke 04 braucht Christian Gross bloss zwei Spiele, um sich schon mindestens ein kleines Unterkapitel in der Vereinsgeschichte gesichert zu haben.

4:0 gewinnt seine Mannschaft gegen Hoffenheim. Und macht damit nicht nur die Fans der Schalker glücklich. Sondern auch jene von Tasmania Berlin. Die dürfen den Rekord von 31 Bundesligaspielen ohne Sieg ganz alleine für sich behalten. Schalke bleibt die Schmach dank des ersten Siegs nach 30 Partien erspart.

Das hat auch mit Gross zu tun, der mit 66 Jahren noch einmal aus dem Engadiner Ruhestand zurückgekehrt ist. Wie funktioniert dieser Trainer, den viele schon als Dinosaurier abgeschrieben haben?

Der Besessene

Es ist das Licht. Immer wieder hat es Christian Gross ins Oberengadin gezogen. Jede Mannschaft, die er trainierte, brachte er mindestens einmal hierhin. Und kaum einmal verpasste er die Gelegenheit, seinen Spielern die Bilder von Giovanni Segantini zu zeigen, der dieses ganz spezielle Licht eingefangen hat. Auch wenn das Kunstinteresse seiner Schützlinge nicht immer mit seiner Begeisterung Schritt halten konnte.

66 Jahre alt ist Gross jetzt. Er hätte Zeit und genügend Geld, um das Licht und die Kunst in Ruhe zu geniessen. Stattdessen ist er kurzfristig von St. Moritz in den Schneeregen des Ruhrpotts gezogen. Viele fragten sich bei der Vertragsunterzeichnung Ende Dezember: Warum tut er sich das an?

Dabei ist die Antwort vermutlich gar nicht so kompliziert: Er kann nicht anders.

Als er sich im Frühjahr 2020 kurz mit dem Gedanken trug, nicht mehr als Trainer zu arbeiten, gab er eine Reihe von Interviews. Dabei sprach er auch über «den hohen Preis», den er für seine Karriere bezahlt habe: «Freundschaften und Zweierbeziehungen haben gelitten.»

Immer wieder das Engadin: Hier hat Christian Gross den FC Basel 2003 auf den Piz Nair oberhalb von St. Moritz mitgenommen.
Immer wieder das Engadin: Hier hat Christian Gross den FC Basel 2003 auf den Piz Nair oberhalb von St. Moritz mitgenommen.
Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Wie aber soll sich jemand zur Ruhe setzen, der sein Leben neben dem Platz so bedingungslos dem Fussball geopfert hat? Oder vielleicht ist es ja auch umgekehrt: Wie soll jemand nicht mehr Trainer sein, dem der Fussball ganz offenbar so viel mehr gibt als das meiste andere in seinem Leben?

«Ich bin kein Freund von Abschieden», sagte er einmal, «das Leben geht ja weiter. Ich bin der Typ, der zum Bahnhof geht, in den Zug steigt und weg ist.» Aber das gilt beim Zürcher nur für Städte, Arbeitgeber oder auch Menschen. Und nicht für den Fussball.

Der Stolze

Es gibt noch einen zweiten Punkt, der Christian Gross zu Schalke 04 gezogen haben dürfte. Er ist sicher kein eitler Geck. Aber er hat wie jeder Mensch seine eitle Seite. Und die zeigt sich bei ihm vor allem dann, wenn es um seine Arbeit geht.

Legendär eine Szene, als er in Basel einmal eine Pressekonferenz erbost verliess. Nicht, weil er besonders hart angefasst worden wäre. Nein, weil ein Journalist in der Runde ganz offensichtlich keine Ahnung von Fussball hatte. Dass da jemand sass, der ihm ohne jede Vorbereitung naive Fragen stellte, kränkte Gross zutiefst in seinem Berufsstolz.

Bei seinen Stationen im Ausland rettete er zwar jeweils Tottenham und Stuttgart vor dem Abstieg. Aber weil er bei beiden Clubs kurz nach dem Start der folgenden Saison gehen musste, wurde seine Arbeit von der Öffentlichkeit nicht als Erfolg wahrgenommen. Zumindest nicht in dem Mass, in dem sie der Höngger selbst als Erfolge betrachtete.

Ein Pokal ist ein Pokal: Christian Gross hält den saudischen Kronprinzenpokal in die Höhe, den er 2014 mit al-Ahli gewonnen hat.
Ein Pokal ist ein Pokal: Christian Gross hält den saudischen Kronprinzenpokal in die Höhe, den er 2014 mit al-Ahli gewonnen hat.
Foto: Ahmed Yosri (Keystone)

Seine letzten Pokale mit al-Ahli und al-Zamalek gewann er in Saudiarabien und Ägypten. Nicht gerade die zwei Länder, deren Fussball in Westeuropa grösste Beachtung finden. Dasselbe gilt für seine elf Titel im Schweizer Clubfussball mit den Grasshoppers und Basel.

Christian Gross hat also noch eine Rechnung offen, was seinen Status als Trainer in grossen Ligen betrifft. Und die Situation der Schalker ist so desolat, dass ein Nicht-Abstieg für einmal garantiert als grosser Erfolg durchgehen wird.

Der Vorreiter

Die Frage, die Christian Gross mit seiner Arbeit auf Schalke beantworten muss – oder eigentlich besser – darf: Wie sehr ist er mit seiner Arbeit auf der Höhe der Zeit geblieben?

Seit dem 29. April 2012 und seiner Entlassung bei YB hat er nicht mehr in Westeuropa gearbeitet. Das ist eine lange Zeit für einen, dem bereits seit seiner Endphase beim FCB der Ruf anhing, irgendwie den Anschluss an den modernen Fussball verpasst zu haben.

Allerdings hatte das vor allem auch mit seinem immer stärker als zu autoritär empfundenen Auftreten zu tun. Sportlich predigte Gross bereits in seiner Basler Zeit Dinge, die heute total hip klingen.

Seine immer wieder wiederholte Rechnung, die meisten Tore würden innerhalb von zehn Sekunden nach einer Balleroberung fallen? Ein klares Plädoyer für schnelles Umschaltspiel. So, wie es Schalke bei allen vier Toren gegen Hoffenheim zeigte.

Die unablässige Forderung an seine Spieler, die «zweiten Bälle» zu gewinnen? Gilt heute unter dem Begriff Gegenpressing als ultramodern.

Und wenn ein Club wie der dänische Meister Midtjylland von Fussball-Hipstern abgefeiert wird, weil er durch Datenanalyse die Wichtigkeit von ruhenden Bällen entdeckt hat, kann Gross vermutlich nur trocken lachen. «Standards werden immer wichtiger», predigte er schon zur Jahrtausendwende so oft, dass es Journalisten und Spieler kaum mehr hören mochten.

Der Anführer

Erfolg oder Misserfolg hängen auf Schalke vermutlich weniger von der taktischen Ausrichtung ab. Und mehr davon, ob Gross seine komplett verunsicherten Spieler psychologisch wieder in die Spur bringt.

Ehemalige Spieler haben den Trainer Gross sehr unterschiedlich kennen gelernt. Thomas Bickel sagte einmal, Gross habe «eine menschliche Wärme – trotz aller Härte». Ivan Ergic dagegen empfand Gross als jemanden, der seine Untergebenen «auspresst wie eine Zitrone».

Grundsätzlich ist Gross einer, der eher die Starken in seinen Mannschaften stärkt, als dass er die Schwachen aufbaut. Und ganz sicher kann er mit Fussballern umgehen, denen das Attribut «speziell» angehängt wird. Weil sie sehr talentiert, aber nicht sonderlich pflegeleicht sind. Das war bei Kubilay Türkyilmaz ebenso der Fall wie bei den Brüdern Murat und Hakan Yakin. Ihnen gestand Gross viele Freiheiten zu, solange sie es ihm mit Leistung zurückzahlten.

Bei Schalke gibt es einen Spieler, der genau in diese Kategorie fällt: Amine Harit kann in der Offensive zaubern. Aber der marokkanische Nationalspieler ist wegen seines als schwierig geltenden Charakters auch schon vom Club suspendiert worden.

Gegen Hoffenheim ist es Harit, der in einem Kampfspiel für die spielerischen Höhepunkte sorgt. Die ersten drei Tore werden von ihm vorbereitet, das vierte erzielt er gleich selbst.

Christian Gross scheint zumindest bei ihm ein kleines Wunder bewirkt zu haben.

7 Kommentare
    stefan meier

    Es brauchte allerdings auch reichlich Massel und einen sackstarken Torhüter