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Schweizer VersorgungsproblemWie der Bund den Desinfektionsmittel-Mangel verursachte

In der Schweiz ist der Rohstoff Ethanol äusserst knapp. Nun zeigen Recherchen warum: Der Bund liess seine Pandemie-Reserve Ende 2018 auflösen.

Alte Flaschen, neuer Inhalt: In der Brennerei Morand in Martigny wird nicht mehr edler Birnenschnaps, sondern Desinfektionsmittel hergestellt.
Alte Flaschen, neuer Inhalt: In der Brennerei Morand in Martigny wird nicht mehr edler Birnenschnaps, sondern Desinfektionsmittel hergestellt.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Das Mail des Regierungsrats weckte ungute Assoziationen. An Mangellagen, an Rationierung, an Kriegswirtschaft.

Man brauche hochprozentigen Alkohol, um Desinfektionsmittel herzustellen, beschied Mauro Pedrazzini von der liechtensteinischen Regierung Mitte März seinen Beamten. Sie sollten deshalb ihre privaten Schnapsvorräte der Landesverwaltung spenden. «Wie das Zeug riechen wird, kann man noch nicht sagen», schrieb Pedrazzini, «aber es wird seinen Zweck erfüllen: Es killt die Viren.»

«Ein Geniestreich», sagt Pedrazzinis Generalsekretär Manuel Frick heute. Rund 1200 Liter Spirituosen hätten die Beamten gespendet. Daraus habe man mehrere Hundert Liter Desinfektionsmittel für die Büros der Verwaltung hergestellt. Es rieche sogar gut, so Frick. «Nach Lavendel.»

Mit Wein gegen die Viren

Nicht nur in Liechtenstein, auch in der Schweiz ist die Versorgung mit Ethanol, der alkoholischen Grundlage vieler Desinfektionsmittel, prekär. Und auch hierzulande macht die Notlage erfinderisch.

Die Forschungsstelle für Landwirtschaft (Agroscope) hat soeben ihren Weinkeller geleert, wie das Radio RTS kürzlich berichtete. 20000 Liter Wein transportierte die Armee nach Ins BE und Wädenswil ZH. Dort hat man den Wein – eine rote und eine weisse Assemblage aus dem Tessin, dem Wallis und dem Lavaux – in knapp 3500 Liter Desinfektionsgel für die Armeeapotheke umgewandelt.

Vom Weinberg in die Armeeapotheke: 20’000 Liter Wein – unter anderem aus dem Lavaux – spendete Agroscope zur Herstellung von Desinfektionsgels.
Vom Weinberg in die Armeeapotheke: 20’000 Liter Wein – unter anderem aus dem Lavaux – spendete Agroscope zur Herstellung von Desinfektionsgels.
Foto: Reuters

Die Opferbereitschaft ist auch bei den Privaten gross. Vor kurzem erkundigte sich der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri etwa bei der Zuger Kirschbrennerei Etter, ob sie mit hochprozentigem Obstbrand aushelfen könne.

Etter-Kirsch löst «stille Reserven» auf

Etter-Geschäftsführer Gabriel Galliker-Etter zögerte nicht lange. 2000 bis 2500 Liter Kirsch mit 80 bis 90 Prozent Alkoholgehalt habe er in den letzten Tagen dem Kanton Zug und verschiedenen Unternehmen zur Verfügung gestellt, erzählt Galliker-Etter. Der Brand stammt aus den eigenen, über Jahrzehnte aufgebauten «stillen Reserven». Solche Lager müssen Brennereien haben, da sie nie voraussehen können, ob kommende Erntejahre genügend Kirschen abwerfen.

Wie aber kam es überhaupt so weit, dass in der reichen und pharmazeutisch gut versorgten Schweiz hochwertige Weine und Spirituosen zu Handgels verarbeitet werden müssen? Was ist der Grund der Notlage?

«Die Nachfrage nach Ethanol ist wegen des Coronavirus plötzlich explodiert.»

Florian Krebs, Geschäftsführer Alcosuisse

Erstens ist der Markt überfordert. «Die Nachfrage nach Ethanol ist wegen des Coronavirus plötzlich explodiert», sagt Florian Krebs, Geschäftsführer von Alcosuisse, dem wichtigsten Ethanol-Importeur der Schweiz. Man setze derzeit alle Hebel in Bewegung, um im Ausland Nachschub zu organisieren. Vorübergehend sei die Lage aber angespannt. Um seine Firma vor dem Kundenansturm zu schützen, hat Florian Krebs inzwischen die Telefonleitung von Alcosuisse gekappt. «Es ging nicht mehr anders», sagt Krebs.

Zweitens hat die jetzige Mangellage ihren Ursprung aber auch darin, dass das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) die Krisenvorsorge vernachlässigt hat. Dies haben Recherchen dieser Redaktion ergeben. Bis Ende 2018 unterhielt der Bund eine Ethanol-Reserve von 8000 bis 10000 Tonnen, unter anderem für den Fall einer Pandemie. Diese Menge würde Experten zufolge problemlos ausreichen, um die aktuelle Lücke zu decken. Doch diese Reserve wurde still und heimlich aufgelöst, als die frühere Eidgenössische Alkoholverwaltung (heute: Alcosuisse) 2018 privatisiert wurde.

«Bei einer Privatisierung der Alcosuisse muss sichergestellt werden, dass die Ethanol-Lager im Fall einer Pandemie ausreichen, sodass die benötigten Desinfektionsmittel hergestellt werden können.»

Aus dem Bericht zur Vorratshaltung des Bundes, 2015

2015 schrieb das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) noch: «Bei einer Privatisierung der Alcosuisse muss sichergestellt werden, dass die Ethanol-Lager im Fall einer Pandemie ausreichen, sodass die benötigten Desinfektionsmittel hergestellt werden können.» Die Abteilung Heilmittel des BWL müsse sich überlegen, wie gross die Ethanol-Lager sein müssten.

Die Reihenfolge ist klar: Erst analysieren, dann liberalisieren. Faktisch ist das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung genau umgekehrt vorgegangen: Erst liberalisieren, dann analysieren.

Ende 2018 liess das BWL den Vertrag über die Ethanol-Notreserve einfach auslaufen. Die Frage, wie im Pandemiefall die benötigten Desinfektionsmittel hergestellt werden könnten, wurde nie diskutiert. Weder auf Fachebene, noch im Parlament noch im Bundesrat.

Man «wollte dem liberalisierten Ethanol-Markt Zeit lassen, sich neu zu bilden und anschliessend die Vorratshaltung mit allen Marktteilnehmern diskutieren», schreibt eine BWL-Sprecherin auf Anfrage. Man habe geplant, dass die Abteilung Heilmittel des BWL 2020 mit den Desinfektionsmittellieferanten die Versorgungssituation anschaue. Nun kam das Coronavirus dazwischen.

«Der Bund hat die Krisenvorsorge offensichtlich vernachlässigt»: CVP-Politiker Alois Gmür.
«Der Bund hat die Krisenvorsorge offensichtlich vernachlässigt»: CVP-Politiker Alois Gmür.
Foto: LMS

In der Politik stösst das Vorgehen des BWL auf Unverständnis. «Es kann doch nicht sein, dass ein so wichtiger Rohstoff wie Alkohol in einer Pandemielage plötzlich fehlt», sagt CVP-Nationalrat Alois Gmür. «Aber es passt leider ins Bild: Der Bund hat die Krisenvorsorge offensichtlich vernachlässigt.»

Auch Pierre-Alain Fridez, Arzt und SP-Nationalrat, übt Kritik: «Es mangelt an Masken, an Medikamenten und nun auch an Desinfektionsmitteln. Das zeigt, dass die Prioritäten des Bundes in der Sicherheitspolitik falsch sind.» Statt Milliarden für Munition und neue Kampfjets auszugeben, wäre es klüger, das Geld dort zu investieren, wo die reale Gefahr für die Bevölkerung sei, so Fridez. «Beim Klima und bei der Gesundheit.»

Mehr Ekzeme wegen Desinfektions-Exzess

Die Knappheit an Desinfektionsmitteln hat aber noch einen dritten Grund. Er hat mit dem Verhalten der Konsumenten zu tun. Mit Verschwendung.

Verschiedene Fachleute warnen in diesen Tagen, dass verunsicherte Bürger derzeit zu viel Desinfektionsmittel benutzen. Tatsächlich registrieren Hautärzte in Spitälern bereits eine Zunahme von Handekzemen. «Wir führen dies auf die vermehrte Anwendung von Desinfektionsmitteln und Händewaschen zurück», sagt Dagmar Simon, Leitende Ärztin für Dermatologie am Berner Inselspital. Praktisch alle Patienten, die im Covid-19-Trakt des Inselspitals ankommen, wiesen bereits Ekzeme auf. Das Spital wird nun eine Kampagne starten, um die Hautpflege zu verbessern.

Sogar das Bundesamt für Gesundheit hat jetzt reagiert. Am Dienstag publizierte es eine Empfehlung gegen den exzessiven Einsatz von Desinfektionsmitteln. Für Normalpersonen ohne positiven Covid-19-Test seien alkoholische Hände-Desinfektionsmittel nicht notwendig, steht darin. «Händewaschen im Sinne der BAG-Empfehlungen ist ausreichend.» Zudem erinnert das BAG: «Eine regelmässige Verwendung von Handcreme zwischendurch verbessert die Hautverträglichkeit.»

8 Kilo Birnen pro Liter Handgel

Bei den Destillerien ist diese Botschaft bereits angekommen. Die Walliser Schnapsbrennerei Morand, die seit zwei Wochen ebenfalls im Desinfektionsgeschäft tätig ist, verarbeitet ihren Williamine-Schnaps zu einem angeblich hautschonenden Gel. 8 Kilogramm Walliser Birnen stecken in einem Liter dieses Gels, das Rezept stamme von der Weltgesundheitsorganisation, erzählt Morand-Geschäftsführer Fabrice Haenni.

«Solidarisch sein»: Morand-Geschäftsführer Fabrice Haenni.
«Solidarisch sein»: Morand-Geschäftsführer Fabrice Haenni.
Foto: Reuters

Die Nachfrage ist gross. Zwischen 5000 und 10000 Liter hat Morand bereits an KMU, Laboratorien und die Migros Wallis verkauft. Gewinn werfe das Geschäft dennoch nicht ab, so Haenni. «In dieser Krisensituation geht es nur um eines: solidarisch sein.»